Herzlichen Glückwunsch, City Slang

Label-Geburtstag Das idealtypische Indielabel und natürlich so etwas wie eine große Liebe für Musikliebhaber: City Slang wird 20 Jahre alt

Manchmal – und Christof Ellinghaus wird offensichtlich nicht müde, das jedem zu erzählen, der fragt, wie es City Slang denn nun geht – hängt es an einem einzelnen Album, das einen durch das Geschäftsjahr irgendwie durchträgt. Zum Beispiel eines von Arcade Fire, zweifellos die meistgeliebte Indieband 2010. Und vor allem: eine Band, die auch tatsächlich noch sechsstellige Verkäufe in Europa zu erzielen vermag. Aber es ist halt auch nicht jedes Jahr Arcade Fire-Jahr. Ellinghaus ist der Chef und Kopf des – von außerhalb des Landes betrachtet – wohl wichtigsten deutschen Labels. Ein Independent Label, wie es im Buche steht, mit allem, was man daran liebt und woran man auch schier verzweifeln könnte angesichts des eigentlich irrsinnigen Unterfangens, mit Musik Geld zu verdienen, die sich per Geschmacks-Ausschlussverfahren als Minderheiten-„Thema“ (so heißt es im Branchenslang) begreift. „Almosenindustrie“ nannte Ellinghaus das Prinzip Musikindustrie angesichts der heutzutage eher moralisch definierten Entscheidung, Geld für Musik zu bezahlen oder eben nicht, erst kürzlich. Wenn jemand weiß, warum man das so sagen kann, dann er. Chef zu sein, steht da sicher oft genug gegen das Kopf-Sein, vor allem, weil der Kopf eben nur das veröffentlicht, was er selbst wirklich gut findet, was wiederum dem Chef ein paar graue Haare mehr beschert haben dürfte, als sie den 47 Lebensjahren ohnehin angemessen erscheinen.

Diese Woche findet die große Geburtstagsfeier in Berlin statt, ein dreitägiges Indie-Spektakel, dessen Stellenwert im Festivalkalender sich nicht nur aus den beteiligten Bands speist, sondern vor allem auch aus dem Status des Gastgebers. Vor zwanzig Jahren wurde City Slang gegründet, ursprünglich so etwas wie ein Nebenprodukt der Konzertagentur, die amerikanische Bands durch Deutschlands Clubs schleusen sollte. Nirvana waren dabei, Soundgarden, Mudhoney; Grunge war damals der Sound der Zeit – und das passte sowieso hervorragend zu seinen Frühzeiten im heute noch umkulteten, schwer gitarrenhörigen Glitterhouse-Umfeld der Beverunger Provinz. Als die damals noch jungen, aber schon deutlich exzentrischen Flaming Lips ein Label in Europa brauchten, war es Zeit für City Slang. Im Laufe der Zeit sammelte man ein bemerkenswertes – genau genommen: staunenswertes – Portfolio an Künstlern an, die einen Gutteil dessen verdeutlichen, was gute Labels auch heute noch leisten können und mehr denn je müssen: Sie sind Relevanz-Institutionen, stehen für Geschmackssicherheit, einen prinzipiellen ästhetischen Konsens zwischen Labelmacher und Musikliebhaber, natürlich auch für das grundsätzliche Vertrauen in den fairen Umgang mit eben jenen, die am Ende den Laden am Laufen halten: Musiker und Musikkäufer. Auch, wenn die Zeiten hart sind. Und das sind sie zweifelsfrei.

Es gibt einiges Beispielhaftes am City Slang-Werdegang, was man als sinnstiftend in der Frage ansehen kann, warum es überhaupt noch Labels gibt, in Zeiten, in denen doch einfach jeder mindestens online publik machen und gar verkaufen könnte, was und wie er will. Zuallererst natürlich das sture Prinzip, nur zu veröffentlichen, wohinter man auch wirklich steht. Was nichts anderes bedeutet, als dass man eine beliebige City Slang-Platte – hat man sich erstmal grundsätzlich mit einer angefreundet – nie wirklich schlecht finden wird. Das weitgehende Ignorieren der patriotischen Pflicht, Musiker aus dem eigenen Land verpflichten zu müssen. Da trifft sich Ellinghaus’ Geschmack mit den internationalen Gegebenheiten und damit den objektiv herrschenden Marktbedingungen. Die zeigen ganz klar, dass das meiste, was hierzulande entsteht, nur hierzulande funktioniert. Eine der raren Ausnahmen zu erwischen, ist Kunst und Glücksgriff gleichermaßen. Mit Notwists „Neon Golden“ gelang 2002 der große Wurf, von dessen übermächtigem Bedeutungsschatten sowohl Notwist als auch City Slang bis heute zehren. (Nur, dass City Slang noch einige andere Eisen im Feuer hat.)

Es ist gewissermaßen der Treppenwitz der City Slang-Geschichte, dass ausgerechnet der Ausflug zum Major in die Zeit der EFA-Pleite fiel. Als der wichtigste deutsche Independent-Vertrieb 2004 pleite ging, riss er etliche relevante Labels mit sich, die lange kein Geld aus den Plattenläden gesehen hatten und deren neue Alben jetzt ohne Aussicht auf Auslieferung im Presswerk lagen. City Slang hingegen war da gerade Teil des „Labels“-Verbund. Es war das schmale Zeitfenster, als man für einen Augenblick glaubte, auch ein Major könnte zurück zur Vernunft finden, würde vielleicht doch lieber Leuten vertrauen, die Musik auch außerhalb von Geschäftsberichten wahrnehmen. Ausgerechnet die EMI, heute der angehende Pleitegeier im Reigen der vier verbliebenen Musikkonzerne, setzte auf Kleinteiligkeit und echte Enthusiasten. Dass indes Enthusiasmus nicht wirklich reichte und eben doch nur die reinen Verkäufe zählten, durfte Ellinghaus zügig feststellen und kaufte sein Label wieder heraus aus dem Verbund, der kurz darauf sang- und klanglos eingestampft wurde.

Seitdem geht es – immer mehr oder weniger mühsam – weiter. Beim berühmtesten und sicher weltweit aktivsten deutschen Label reicht es, um die Ausgaben zu tätigen, die Familie zu ernähren und die Banken nicht all zu sehr zu vergrätzen, damit wenigstens die Kreditlinie steht. Nächstes Jahr sieht das vielleicht schon anders aus. Aber darüber denkt man nicht nach, wenn man Geburtstag feiert. Herzlichen Glückwunsch, City Slang. Noch viel mehr: ein langes Leben. Und die nächsten Arcade Fire kommen bestimmt.

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