HipHop’s Undead Undead Undead

Ton & Text Homophobie ist out, dicke Beats haben’s schwer und „cool“ ist was für Ewiggestrige? Naja, fast. HipHop ist zumindest im Wandel
HipHop’s Undead Undead Undead
HipHop auf Schmuse-Kurs: Das Outing des Rappers Frank Ocean kommt an

Foto: Karl Walter/ Getty Images

„Rapper, der überhaupt nicht zum Event passt“ ist einer der Headliner im gerade schwer angesagten Bild-Meme „Hammer Festival 2012“, einer sehr lustigen und ziemlich zutreffenden Plakat-Analyse des gemeinen Sommer-Festivals irgendwo „am Arsch der Heide“. HipHop gehört heutzutage zum normalen Festivalgeschäft tatsächlich dazu. Das entspricht dem Trend der großen „Rockfestivals“, ihre Acts möglichst crossover zu buchen, sich zum mehr und mehr stilneutralen und somit auch Geschmacksvorlieben-unabhängigen „Event“ zu entwickeln, bei dem die Bands mehr oder weniger nur noch der Soundtrack zum – nicht eben billigen – Wochenend-Happening sind. Und tatsächlich gibt es abseits der Special-Interest-Veranstaltungen kaum ein Open Air, das nicht den einen oder anderen Rapper einfliegen lässt. Oder besser noch: Gleich im eigenen Land bucht.

Mädchen statt "Bitches"

Deutscher HipHop hatte vor gerade mal ein, zwei Jahren einen ganz schlechten Ruf. Die große Aggro-Welle war durch, nicht zuletzt, weil alle textlichen Arschfick-Tiefen irgendwann aber auch wirklich durchschritten waren. Weil sich die „Ghetto“-Rapper im Erfolgsfall schneller in Mainstream-kompatible Muttersöhnchen verwandelten, als man brauchte, um sich ihre gerade aktuelle Peinlichkeits-Kollabo zu merken. Weil nicht zuletzt auch musikalisch ausgedient schien, was HipHop eigentlich ausmachte, nämlich die dicken Beats, die sich mit einem Handy-Lautsprecher, dem bevorzugten Soundblaster der Jetztzeit-Generation, schlicht nicht reproduzieren lassen. Aber das Pendel hat nicht angehalten, es schwingt einfach zurück und trifft den Zeitgeist genauer, als es HipHop jemals nach der Euphorie-Explosion der Achtziger vermochte. Auf den Bühnen stehen also jetzt Ex-Rapper Clueso, Emo-Rapper Casper oder die erstaunlicherweise inzwischen tatsächlich salonfähigen K.I.Z. Die sind sogar echte Rapper, erfüllen mit Lust alle Klischees und haben alle bösen Worte im Repertoire, die man dem gemeinen Rock- oder Indie-Hörer gemeinhin nicht zumuten darf. Was aber in diesem Fall trotz aller Proll-Authentizität in Sound und Gehabe eben als „Ironie“ gehandhabt wird – was denn auch irgendwo ein Problem des HipHop alter Schule ist, den einfach niemand mehr ernstnehmen mag, auch, weil es natürlich einfacher ist, nicht über Sexismus und Homophobie in Popkulturen nachzudenken. Und dann gibt es neuerdings natürlich auch noch Cro.

Cro ist vor allem eins: lieb. Ganz ohne Ironie, ohne Zynismus, ohne Hintergedanken, ohne Widerhaken. Nicht mal einen fiesen Kommerzgedanken unterstellt man dem supernetten Mediengestalter mit der Panda-Maske, ein Outfit-Trick, der einerseits so dämlich ist, dass er als reiner Marketinggag eigentlich gar nicht in Frage kommt. Der andererseits aber als Flagge eines neuen HipHop-Verständnisses daherkommt, das nicht mehr auf „Bitches“ zielt, sondern auf Mädchen mit Gymnasium-Background. Es ist die ultimative Abgrenzung vom zehn Jahre dominierenden Aggro-Rap, die Hinwendung zu einer Generation, die – so wie Cro auch selbst – die Hipster-Jeans eng trägt.

Eine Einbahnstraße von Rap zu Rock ist das indes nicht. Denn kein HipHop-Festival wiederum möchte derzeit ohne Kraftklub auskommen. Die ultrasympathischen „Scheiß Indie Disco“-Rocker sind in diesem Jahr einfach überall dabei. Natürlich auch beim eben gelaufenen Splash, dem größten deutschen HipHop-Festival. Dass sie dort Stammgast sind, liegt natürlich auch daran, dass Band und Festivalveranstalter gemeinsame Wurzeln in Chemnitz haben, einer Stadt, in der man sich zwangsläufig kennt, und von der noch vor zwei Jahren niemand angenommen hatte, dass sie plötzlich so etwas ähnliches wie „hip“ sein könnte. (Was vor allem am extraordinären Erfolg von Kraftklub liegt und ein wenig auch daran, dass man bei der Chemnitzer Sparkasse Kreditkarten bekommt, die mit dem „Nüschel“ auftrumpfen, jenem zentralen Karl-Marx-Denkmal in der ziemlich hässlichen und sehr zugigen City der erst drittwichtigsten sächsischen Stadt.) So ein bisschen „family business“ ist das Splash immer noch, zumindest hinten im Backstage. Es liegt aber auch daran, dass das Genre im Begriff ist, sich deutlich zu verändern.

Neue Schmuse-Schule

„HipHop Is Dead“ ist einer der Hits des US-Rappers Nas, vor sechs Jahren war das eine durchaus ernstgemeinte Motzerei am überzüchteten System der amerikanischen HipHop-Superstars, unterlegt mit einem klassischen Rockgitarrensample aus „In A Gadda Da Vida“. Zum Splash 2012 ist auch Nas dabei. Nirgendwo sonst in Deutschland kann man 10.000 Arme im HipHop-Gestus pumpen sehen, natürlich macht man vorzugsweise auf dicke Hose, geht es immer noch viel um Dope und auch die Arschfick-Rapper-Fraktion ist mehr oder weniger vollständig angetreten, Sprayer und Beatboxer füllen das Rahmenprogramm. Aber wer sich die erste Reihe anschaut, stellt erstaunlich wenige Stilunterschiede zu jedem x-beliebigen Festival fest. Es ist eine Atmosphäre, die eben auch einen Cro feiert und als Headliner frenetisch eine Band begrüßt, die für eine schon fast vergessen geglaubte Phase deutschen HipHops steht und damals von den vermeintlich „harten Jungs“ gern als Gymnasiasten-Rapper geschmäht wurden. Jetzt passen die wiedervereinigten Absoluten Beginner plötzlich besser denn je ins Bild, als Urväter der neuen Schmuse-Schule, der sie allerdings immer noch das praktische Wissen um die Oldschool und gehörig Drive voraus haben.

Hiesiger HipHop scheint tolerant geworden, das große gegenseitige Dissen sucht man vergebens. Und fast wundert man sich, dass es kein deutscher Rapper war, der sich zuerst „geoutet“ hat, wie soeben der amerikanische Jungstar Frank Ocean. Der kann sich vor Zuspruch derzeit kaum retten, nicht einmal vor Bandmate Tyler The Creator, obwohl ihre gemeinsame Band Odd Future nicht eben als liberal in Sachen sexueller Orientierung gilt. Verschwinden wird die immer noch allgegenwärtige Homophobie im Rap ganz sicher nicht, schon gar nicht von heute auf morgen. Aber der Damm ist gebrochen. Das passt zum Siegeszug der Caspers, Cros und Kraftklubs hierzulande, zum Comeback eines Max Herre, der Absoluten Beginner oder des Heidelberger – nun aber wirklich – Urgesteins Torch. Der wird wieder überall frenetisch gefeiert. Vor 25 Jahren begründete er mit seiner Band Advanced Chemistry deutschen HipHop mit. Heute kann man seine Texte im Unterrichtsmaterial für die Sekundarstufe nachlesen. Für sehr gut angelegte 4,40 Euro kann man sich bei Reclam „Rap-Texte“ kaufen. Die erweiterte Neuauflage ist gerade erschienen und es sind so ziemlich alle wichtigen Leute des frühen deutschen HipHop dabei. Ob die nächste Erweiterung Bushido und Sido featuren wird? Eher nicht. Die sind dann vergessen.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden.

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17:54 10.07.2012
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Ausgabe 39/2020

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