Kick Out The Jams

Ton & Text Präzise Momentaufnahmen musikalischer Dancefloor-Befindlichkeiten: Wie !K7 mit den DJ-Kicks Compilations ein kleines aber kompetentes Archiv der Clubkultur erschafft

Es ist eigentlich eine sehr simple Idee, einen bekannten DJ zu bitten, eine Stunde Musik zusammenzustellen – was ja sowieso der Job eines DJs ist –, die dann auf ein Album gepresst und in den Laden gestellt wird. Und auch, wenn es bekanntermaßen manchmal gerade die einfachen Ideen sind, die Erfolg haben, ist es doch erstaunlich, welche Relevanz eine so konzipierte Veröffentlichungs-Serie erlangen kann. Seit 16 Jahren gibt es die DJ-Kicks-Reihe jetzt, soeben fast gleichzeitig erschienen sind die Editionen 38 und 39, Scuba und Gold Panda sind die verpflichteten Künstler, die erneut aufzeigen, was DJ-Kicks so bemerkenswert macht.

Das Label !K7 ist seit jeher in Berlin beheimatet, in den Neunzigern gegründet, als die erste große Techno-Euphorie durch war, die Love-Parade nur noch Massenspektakel und die Berliner Clubs die erste Gentrifizierungs-Verdrängungs-Krise (damals nannte das natürlich noch niemand so) durchmachten. Auch die Clubmusik ließ sich nicht mehr auf klare Genregrenzen festnageln und diffundierte in eine Vielfältigkeit, deren Entwicklungen selbst für Interessierte nur noch schwer zu überschauen waren, wenn man sich nicht jedes Wochenende auf die Pirsch in die gerade einschlägigen Clubs begeben konnte oder wollte. In diese Unbestimmtheit stieß !K7 vor, machte die Not zur Tugend und sich selbst zum Chronisten der Zeitläufe. Bis heute gilt das Label aus internationaler Sicht als eines der langlebig erfolgreichsten aus Deutschland, ein Erfolg, der relativ unabhängig von den ganz schnellen Trends agiert, an der Nahtstelle von ursprünglicher DJ-Culture und breiter gefasstem Popverständnis. Neben der klassischen Label-Arbeit und der damit verbundenen Veröffentlichungspolitik von immerhin auch bewundernswerter Geschmackssicherheit, ist es vor allem die DJ-Kicks-Reihe, die das Rückgrat des !K7-Schafens bildet.

Der Mix soll auch zu Hause funktionieren, als Hörmusik in der heimischen Stereoanlage – das war die Vorgabe für die ersten DJ-Kicks, sie gilt immer noch und sie macht einen Gutteil der Faszination aus. Denn was auf den ersten Blick wie eine Beschränkung anmutet, ist natürlich eine Befreiung vom eigentlichen Charakter eines Clubsets, dessen Fluch und Segen es ist, unmittelbar funktionieren zu müssen, die Tanzfläche voll und die Leute darauf bei Laune zu halten. Es ist eine nicht nur musikalische Entschleunigung, die einen etwas distanzierteren Blick erlaubt, ohne den Kontakt zum Floor völlig zu verlieren. Für DJ-Kicks an die Decks zu treten, ist eine Art Qualitätszertifikat für zeitgenössisches DJing, eine Ehre, die auch eine besondere Sorgfalt bei der – immerhin auf eine Stunde beschränkten – Auswahl der Tracks nahelegt. Als Ausweis von Stil-Gehalt, Spannungsbogen-Verständnis und technischen Fertigkeiten gilt das dann. Und ergibt im besten Fall einen aufschlussreichen Einblick in das Musikverständnis des DJs ebenso, wie einen Abriss aktueller Tracks, deren Verwendung in diesem Kontext eine gewisse Verbindlichkeit herstellt, die über den aktuell flüchtigen Zeitgeist weit hinaus reicht.

Von trippigem Soul zu lupenreinem Drum Bass

Nur auf den ersten Blick ist erstaunlich, dass DJ-Kicks gerade heutzutage sogar noch einen Relevanz-Zuwachs erhält. In Zeiten, in denen man von jedem ernstzunehmenden DJ per Soundcloud oder Mixcloud mit frei zugänglichen DJ-Mixes jedweder Coleur überschüttet wird, ist es schlicht unmöglich, auch nur einen Bruchteil davon durchzuhören. Allein der wöchentliche – als Institution nun wirklich wichtige und vor allem auch gut dokumentierte – „Essential Mix“ von BBCs Radio 1, legt wöchentlich zwei Stunden Musik drauf, was sich im Nachhinein praktisch nicht mehr bewältigen lässt. Auch die zu Recht hoch gelobten „Fabric Live“-Compilations des Londoner Techno-Clubs sind sehr eng an den gerade aktuellen Clubkontext angelehnt. Wer dagegen heute die anderthalb Jahrzehnte DJ-Kicks rekapituliert, kann sich über die gnadenlose Selektion freuen und findet eine erstaunlich schlüssige Geschichte der Clubkultur im Kleinen vor. Nicht den ganz großen, allumfassenden Überblick, sondern ein taugliches Archiv präziser Momentaufnahmen von musikalischen Dancefloor-Befindlichkeiten über die schnelllebigen Zeiten hinweg.

Das beinhaltet die frühe Kruder Dorfmeister-Ära in all ihrer trippigen Jazz- und Soulhaftigkeit, die lupenreine Drum Bass-Magie der unwiederbringlichen Kemistry Storm, die kühle Disco-Kalkulation à la Tiga, den immer noch beeindruckend uncoolen Selbstfindungstrip eines Erlend Øye … Wer genauer hinschaut, kann darin einige der relevanten Bruchlinien in der kleinteiligen musikalischen Entwicklung ausmachen, die viel von dem ausdrücken, was kurz darauf Allgemeingültigkeit erlangt. Scubas aktueller Beitrag ist so einer: Immer noch vorwiegend als Dubstep-Pionier gehandelt, liefert er ein fast schon zu dicht gepacktes Set zwischen Berliner Berghain-Techno-Alltag, Post-Dubstep-Bassphilosophie und herzerwärmendem House mit Oldschool-Respekt. Gold Panda hingegen, das Producer-Wunderkind des letzten Jahres, ist nicht mal mehr „richtiger“ DJ. Er transformiert das Konzept seiner Laptop-Live-Performance in ein oszillierendes Set zwischen reduzierter Club-Monotonie und breitflächigem Popgestus. Und verweist damit auf ein allgemeingültiges Phänomen der Clubkultur: Die Lufthoheit gehört auch an den Decks wieder den Producern, jenen also, die selbst Musik machen und weitere Platten vor allem als Referenz und Ergänzung für die eigenen Tracks nutzen. Gute Zeiten für DJ-Kicks. Bitte einfach weitermachen.

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16:35 08.11.2011
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