Klotzen statt Kleckern

Ton und Text Berlin gegen Köln heißt seit ein Jahren die Konkurrenz im Musik-Business. Köln hat im Frühjahr gut vorgelegt, nun versucht es die "Berlin Music Week" mit neuen Superlativen

Viel hilft viel. So ungefähr lässt sich zusammenfassen, was in der zweiten Septemberwoche den – so die Aufgabe und Ansage – natürlich inoffiziellen Status von Berlin als der „Musikhauptstadt Deutschlands“ untermauern soll. Oder wiederbringen, die Meinungen, wer im Moment der Preisträger ist, wechselt je nachdem, ob man gerade in Köln oder Berlin Festivalveranstalter ist. Der Schock in Berlin jedenfalls war groß, als im letzten Jahr die Popkomm unversehens hinwarf, das Geschäft als Musikmesse im herkömmlichen Format schien endgültig vorbei. Seit der dauerkriselnde Branchenprimus von Köln nach Berlin abgewandert war, ließ sich die allen offiziellen Verlautbarungen Hohn sprechende Tristesse in den Hallen am Funkturm nicht übersehen. Abseits von Berliner Statusbefindlichkeiten hielt sich die Trauer über den abrupten Notstopp jedoch in Grenzen. In Köln stand die c/o Pop – ursprünglich eine Art Trotzgründung nach dem Popkomm-Abgang – bereit, in die Bedeutungs-Lücke zu springen. Und die Berliner Szene stampfte mit der a2n, „All Together Now“, mirnichtsdirnichts ein komplett neues Barcamp-von-unten-Event aus dem Boden, das sich an der Naht zwischen Web- und Music-Community ausrichtete.

Jetzt werden die Karten neu gemischt. In Köln hatte im Juni die „c/o Pop“ vorgelegt, mit bemerkenswerten Konzerten an nahezu allen verfügbaren Örtlichkeiten und einer Konferenz für – wie man heute gern sagt, um nicht zu den Losern der Musikindustrie gezählt zu werden – „creative business“, die allerdings wenig zu bieten hatte, was über redundantes Agenturen-Marketing-Vermarkter-Sprech hinaus ging. Und das auf dem aseptischen Gelände der Köln-Messe, also auf der falschen Rhein-Seite und weitab von dem, was man an Köln gemeinhin sympathisch findet. Berlin ist nicht wirklich sympathischer als Köln, lässt sich aber weder in Sachen Kreativwirtschaft noch Popkultur gern die Butter vom Brot nehmen.

Halb zog man sie – das Land Berlin weiß in Sachen Standortpolitik gewisse Prioritäten zu setzen – halb sanken sie hin; unter dem Dach einer „Berlin Music Week“ finden sich Partner, die zwar allesamt in irgendeiner Weise am Musikgeschäft hängen aber sonst eher wenig gemeinsam haben: die Popkomm als Businessplattform einer inzwischen weithin verpönten Majorbranche, die a2n als Forum der verschiedensten Musikkreativen mit Netzaffinität sowie das Berlin Festival des Konzertveranstalters Melt! Booking, seinerseits praktisch eine Personalunion mit dem (Kölner) Musikmagazin Intro und somit eine angehende Monopolmacht der Indieszene. Hingeklotzt hat man ein Spektakel, das in seiner Gänze tatsächlich beeindruckend daherkommt, auch wenn sicher nur die Wenigsten genügend Interesse oder auch nur Zeit für Konferenz, Messe und Festival aufbringen werden. Die Themen der a2n zumindest sind nahe genug an den aktuellen Befindlichkeiten der Musikbranche gestrickt, die Popkomm verspricht neue Offenheit (auch, wenn an deren Ernsthaftigkeit noch niemand so recht glauben mag) und das Berlin Festival bietet ein – nun ja – amtliches Line-Up.

Ob das in jeder Hinsicht umfangreiche Programm jenseits der Augenblicks-Euphorie etwas hinterlässt, was auch in zwei Monaten noch diskutiert werden kann und ob die herbeigeschworene Gemeinsamkeit in den trendgerecht umgenutzten Hallen des Tempelhofer Flughafens längerfristig trägt, muss sich noch zeigen. Wie fragil die Konstellation ist, lässt sich zwischen den Zeilen und an den kleinen Reibereien ablesen. Da prescht mal die Popkomm mit eigenen Pressemeldungen vor, obwohl gemeinschaftliche Verlautbarungen abgemacht sind, oder sieht sich die a2n unter Verweis auf eine Umfrage als „Highlight“ und „spannendstes Element“ und nörgelt leise aber vernehmlich über die Preispolitik der Popkomm. Denn wer das a2n-Ticket für sehr faire 30 Euro kauft, darf nur Basisarbeit in der Kulturbrauerei leisten und bleibt bei der repräsentativen Hälfte in Tempelhof erstmal außen vor. 236 Euro kostet das Gesamtpaket letztendlich, tatsächlich bestimmt vom immer noch Messebranche-üblichen Business-Tarif der Popkomm.

Dem gemeinen Festivalbesucher wird derlei ziemlich egal sein, der darf sich an der öffentlichen und kostenlosen „Music City“ und deren Volksbespaßung in der Tempelhofer Eingangshalle und einem respektablen Indiefestival erfreuen. Am Ende werden natürlich alle Pressemeldungen von Erfolgen, Besuchermassen und begeisterten Gästen künden. Und von großen Plänen für die Zukunft. Aber darüber reden wir dann vielleicht im nächsten Jahr nochmal.

Jörg Augsburg schreibt die Kolumne "Ton & Text" auf freitag.de

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14:30 01.09.2010
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Ausgabe 42/2021

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