Jörg Augsburg
13.12.2011 | 15:35 12

Krawall und Remmidemmi

Ton & Text Der späte Sieg des Walter Ulbricht: "Aggressive, anheizende Musik" könnte in Sachsen bald gerichtsnotorisch werden

Lothar König könnte es damals schon mitbekommen haben, zehn oder elf muss er gewesen sein: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“ Damit kündigte Walter Ulbricht 1965 die Konfrontation der DDR mit der eben erst richtig anrollenden Welle der bürgerlich-dekadenten „Beatmusik“ an.

Geholfen hat es bekanntermaßen nicht wirklich, eher im Gegenteil. Denn die Musikszene agierte seitdem unter einem generellen Widerstandsverdacht, eine Prophezeiung, die sich zu einem Gutteil tatsächlich selbst erfüllte. Zwar gab es später dann doch geduldete und geförderte Rockmusik – selbstzensurbedingt bedienten sich die Bands gern bei eher unkonkreten Poesie-Texten, was in Kombination mit dem Quasi-Zwang zur musikhandwerklichen Ausbildung immerhin zur Entwicklung eines eigenen Genres, dem Ostrock, führte. Über dessen Qualitäten kann man sich trefflich streiten, für adoleszente Jugendliche und die nicht eben wenigen Gammler, Blueser – später waren waren es auch Metaller, Punks und Popper – waren aber ohnehin jene Bands spannender, die sich der Staatskonformität lieber gleich entzogen.

Was aus dem VW-Bus tönte? Ton Steine Scherben

Lothar König jedenfalls könnte jetzt ein spätes Déjà-vu erleben. Dazu muss er bloß in die Anklageschrift wegen einem „besonders schweren Fall von Landfriedensbruch“ schauen, die ihm dieser Tage zugestellt werden wird. Der Jugendpfarrer hatte im Februar eine zentrale Rolle bei der großen Antifa-Demo in Dresden gespielt. Der verbissene Eifer und enorme Aufwand, mit dem die Dresdner Staatsanwaltschaft seither gegen diese Demonstranten und vor allem auch gegen den schon zu Ostzeiten drangsalierten König ermittelt, erregt seit geraumer Zeit bundesweit Verwunderung. Da geht aber noch mehr. Die Süddeutsche Zeitung, der die Anklageschrift vorliegt, entdeckte einen ganz besonders pikanten Vorwurf: Er hätte durch das Abspielen von "Musik mit aggressiven, anheizenden Rhythmen" zur Gewalt aufgewiegelt. Welche Musik da aus dem VW-Bus des Pfarrers tönte, konnte die Autorin anhand der Videomitschnitte auch ausmachen: Ton Steine Scherben und etwas Klassik!

Die Scherben gehören natürlich zum Protestsong-Grundinventar einer jeden anständig beschallten linken Demo, die Beschränkung darauf zeugt denn aber doch eher vom fortgeschrittenen Lebensalter des DJs und die nicht gänzlich taufrische Kenntnis aktueller Demo-Musikstandards: Dort gibt es gemeinhin ein paar ordentliche Wummerbeats um die Ohren und ganz sicher auch noch den einen oder anderen Krawallsong der durchaus „Bullenschweine“-expliziten Antideutsch-Punker Slime oder der Polit- und Musikradikalinskis Atari Teenage Riot, die zum Beispiel mit dem sicher streitbaren Kracher „Hetzjagd auf Nazis“ bekannt geworden sind. Sie fahren sowohl musikalisch als auch textlich ein deutlich schärferes Kaliber, als es die Mannen um Rio Reiser vor dreißig Jahren drauf hatten. Legendär ist der Auftritt von ATR auf einer Berliner 1.-Mai-Demo 1999, wo die Band letztendlich abgeführt wurde, weil sie – nach Meinung der reichlich anwesenden Polizei – etwas zu heftig zum Widerstand aufgerufen hatte. Der Vorwurf der „aggressiven, anheizenden Rhythmen“ erscheint also schon rein musiksachverständlich wenig nachvollziehbar – zumal man davon ausgehen kann, dass die allermeisten anwesenden Polizisten die übliche Demo-Beschallung zur Genüge kennen dürften.

Aber auch der Vorwurf an sich sorgt für Erstaunen. Fragt man in der einschlägigen Demonstranten-Szene – und bei deren Anwälten – herum, kann sich niemand daran erinnern, dass jemals jemand für das Abspielen von Musik auf einer Demo belangt wurde. Zumindest nicht mit Verweis auf den Stil der Musik. Eine gesetzliche Grundlage dafür, Musik als irgendwie gefährlich einzustufen, die nicht auf dem Index steht, existiert schlicht nicht. Hierzulande jedenfalls.

Tipper Gores Sticker

In Großbritannien wurde 1994 der Criminal Justice and Public Order Act verabschiedet, eine Law-and-order-Direktive, die sich vor allem gegen die zahlreichen illegalen und drogengeschwängerten Warehouse-Partys richtete. Das Kriterium dafür war tatsächlich ein musikalisches, beziehungsweise rhythmisches: „a succession of repetitive beats“, also eine Abfolge sich wiederholender Beats. Verstanden wurde dieses Gesetz als Kriegserklärung der Post-Thatcher-Regierung an die gesamte Jugendkultur des Popmutterlandes, der Protest dagegen schrieb ein eigenes Kapitel in der Geschichte des englischen Dancefloor und war ein Katalysator für die Explosion der musikalisch enorm wichtigen Pirate Radiostations.

Noch etwas weiter zurück reicht der Antimusikszene-Feldzug von Tipper Gore, die mit ihrem „Parents Music Resource Center“ unter enormem Lobbyaufwand – und als Frau des späteren Vizepräsidenten Al Gore bestens politisch vernetzt – Mitte der Achtziger maßgeblich dafür sorgte, dass in den USA jegliche Musik unter Beschuss geriet, die sich nicht mit den streng christlichen Familienwerten des weißen Mittelschichts-Amerika vereinbaren ließ. Also praktisch jede HipHop-, Metal- und Punkrock-Band. Ihr sind die heute noch gebräuchlichen „Parental Advisory“-Sticker zu verdanken, die sich die genervte und finanziell kampagnengeschädigte Musikindustrie damals mehr oder weniger freiwillig auferlegte.

Der geborene Ostblockler konnte über derlei natürlich nur gelinde schmunzeln. In der DDR konnte man als Musiker oder auch nur Musikfan schnell ernsthaft in Schwierigkeiten geraten: „asoziales Verhalten“ oder – schlimmer noch – „staatsfeindliche Hetze“ waren die absurden und trotzdem gesetzlich abgesicherten Vorwürfe, die Dauerüberwachung, Berufsverbot oder gar Knast mit sich bringen konnten. In der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unvorstellbar. Oder besser: bis heute unvorstellbar. Die Strafe für „besonders schweren Landfriedensbruch“ liegt in der Bundesrepublik Deutschland bei einem halben bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe. Exakt das wird dem bärtigen Ost-Pfarrer vorgeworfen. Unter anderem, weil er Ton Steine Scherben gespielt hat. Wenn sich dieses Argument gerichtlich durchsetzt, hat Ulbricht doch noch gewonnen. Sogar über den Westen.

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Kommentare (12)

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Ehemaliger Nutzer 13.12.2011 | 17:57

Tja, Freunde und Feinde von Walter, dem Bärtigen, dem Ulbricht, in Sachsen muss man schon fein aufpassen, was für Musik man spielt, welche Frisur man trägt, welche Art von Mode, zulässig oder nicht, das Beinkleid zum Ausdruck bringen könnte und ob man sich erlaubt, einen Bart zu tragen, auch wenn es das Letzte ist, was am Haarwuchs noch aktiv ist und vieles mehr. Und kürzlich lachten noch einige ungläubig über meinen Bericht aus einem kleinen, aber gar nicht so feinen Land...

goedzak 14.12.2011 | 01:18

Ist doch nichts Neues, war nur in der liberalen Zeit der 'BRD' (vielleicht 70er, 80er und frühe 90er Jahre) eine Weile vergessen.

Dergleichen kann in der BLÖD-Zeitung der 50er/60er Jahre über Halbstarke, Gammler, Negermusik usw. nachgelesen werden. Unterscheidet sich nur in einigen wenigen ideologischen Floskeln von dem, was im ND, der Jungen Welt usw. in der DDR zu lesen war.

Oder man höre sich den berühmten Freddy-Quinn-Schlager 'Wir' nochmal an...!

Uwe Theel 14.12.2011 | 01:57

Einfach mal ins Grundgesetz geschaut, dort

Art. 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

insbesondere Abs. (1) und (3). Dann kaönnte man wissen, dass eine Vereinssatzung dieses Vorschrift nicht einfach außer Kraft setzen kann.

Wenn ein Kleingartenverin, dessen Ziel die Kleingärtnerei ist, keine Briefmarkensammler ausfnehmen will, die die Kleingärten dann zum Aushang von Briefmarkenalben umfunktionieren wollten, ist nicht zu vergleichen damit, dass einem Türken, der eine Quote überschritte, mit der Begründung die Mitgleidschaft verwehrt würde, er sei eben "Fremder", auch wenn er noch so eifrig gärtnern würde und dies auch handwerklich könnte.

Das nachgeordnete Vereinsrecht, sagt eben dann auch nur, dass die Mitgliedschaft in einem Verein nur durch Nichtvereinbarkeit des potentiellen Mitglieds im Hinblick auf den Vereinszweck verwehrt werden könne. Ein Verein, der die Verletzung der verbrieften Grundrechte zum Vereinszweck erhöbe, wäre glaube ich, nach geltender Rechtslage eine terroristische Vereinigung.

Ich finde, der Bürgermeister geht äußerst gnädig mit diesen Kandidaten um, wenn er ihnen die zu genehmigende Vereinsatzung zur "Änderung" nur zurückgibt.

Vereinsatzungen von eingetragenen Vereinen müssen übrigens dem Amtsgericht vorgelegt werden. Dies gilt auch für bereits genehmigte, wenn sie geändert werden.

goedzak 14.12.2011 | 11:34

Ich meinte die 'Einwirkung' auf die 'Entgleisungen' der Jugendkulturen. Die kulturelle Liberaliserung setzt dann immer bald ein - aus i.G. rein kommerziellen Gründen, wenn nämlich klar wird, was sich da wieder für ein Markt auftut. In nicht marktdominierten Gesellschaften läuft das natürlich nicht. Da kommt es höchstens zu Einsichten. In der DDR wurde in den 60ern, glaube ich, das sog. 'Zentralinstitut für Jugendforschung' gegründet. Die haben gegenüber den in ihren Spießervorstellungen befangenen Funktionären einiges relativieren können.

apatit 14.12.2011 | 11:58

Der Mann hat in DDR Zeiten gesagt was los ist, und macht es heute wieder! Schweinerei, Telefon angezapft bei einem geistlichen, ich dachte das Beichtgeheimnis ist in einen Staat ( christliches Abendland ) heilig. Volle Sympathie für solche Leute wie Herrn König, manchmal braucht es solche Männer, dass Attentat auf Hitler hat ja Stauffenberg auch nicht auf dem Ordnungsamt angemeldet – oder?