Live is live ... von wegen!

Ton & Text Zwischen Konzernmarketing-Etats und Megafestivals bleibt nicht viel Luft für den klassischen Musik-Club

„2011 wird ein Hammer Musikjahr für dich“, ist die vollmundige Begrüßung auf der Webseite, „und das Größte: Bei jedem Coke Sound Up Konzert kannst du kostenlos dabei sein.“ Diese Woche startet die neue Konzertreihe, veranstaltet von eben Coca Cola, der Auftakt in München bietet diese Woche mit N.E.R.D, den HipHop-Crossover-Bouncern um das Superproduzenten-Team Neptunes, in der Tat einen sensationellen Act, den man so bald nicht nochmal in einem deutschen Club erleben dürfte. Fünf weitere Coke-Konzerte folgen diesen Sommer noch. Dass „Marken“ gern auf Musik setzen, um Produktabsatz und Image aufzupolieren, ist seit eh und je Usus. Livemusik spielte dabei schon immer eine ganz besondere Rolle, ist man doch dort ganz besonders nah dran an einer im Idealfall ordentlich euphorisierten Zielgruppe.

Das Sponsoring von Livemusik hat eine lange Tradition, kein herkömmliches Festival ließe sich ohne noch durchführen. Irgendwann in den letzten Jahren sind die Marketingexperten allerdings auf den Trichter gekommen, dass eine eigene Veranstaltung ungleich stärkere Effekte hätte – was ja schon beim „Branding“ des Titels anfängt, der dann die Marke beinhaltet. Aktueller Trend dabei: „Events“ kreieren, deren Attraktivität und Aufmerksamkeitswert so hoch ist, dass man damit auch medial punkten kann. Wie das geht, macht T-Mobile mit der „Street Gig“-Reihe vor, bei der credible Musiker mit großem medialen Nebenhergeklingel in ungewohnter Umgebung präsentiert werden. Natürlich sind derlei Konzerte nicht nach herkömmlichen Einnahme-Ausgabe-Regeln kalkuliert. In den Marketing-Etats der Konzerne eine vernachlässigbare Größe: Eintrittspreise. Die Tickets werden einfach verlost. Was für den glücklichen Gewinner vielversprechend klingt, ist indes ein weiteres Puzzleteil zum radikalen Niedergang der Konzertkultur.

Die Verlierer des Live-Hypes

Man möchte in diesen Tagen eigentlich lieber kein Betreiber eines Liveclubs altgedienter Prägung mehr sein. Also einer jener Locations, in denen mehr oder weniger regelmäßig aktuelle Bands auftreten und die bisher als prägende Institution für Musikfans schlechthin galten. Man kann es kurz fassen: Die Zeiten sind schlecht. Die Clubs sind die Verlierer des Live-Hypes, der im Zuge der sonstigen durch die Digitalisierung befeuerten Entwertung von Popmusik immer wieder beschworen wird. Konzerte wären demnach nicht nur die alternative Einnahmequelle für kaum noch CDs verkaufende Künstler, das Publikum hingegen könnte nur live noch etwas Unkopierbares erleben, so die allgemeine Behauptung. Tatsächlich ist die Wertigkeit des Konzertgeschäfts in den letzten Jahren deutlich gestiegen, am offensichtlichsten wird das an der Entwicklung der Ticketpreise, für die es immer noch kein Limit zu geben scheint.

Aber auch die Struktur des Livegeschäfts ist im dramatischen Wandel, weniger allerdings, weil immer mehr Labels auch diesen Vermarktungs-Aspekt gesignter Künstler unter ihre Kontrolle bringen möchten. Bedingt ist das einerseits durch die Zwänge junger Bands, die in einem normalerweise immer kleineren Zeitfenster, in dem sie als angesagt gelten, Gagen verlangen, die durch den normalen Betrieb in einem mittelkleinen Club kaum noch vernünftig zu kalkulieren sind. Wird die Band noch nicht mal durch einen Hype getragen – und das gilt selbstredend für die allermeisten von ihnen – locken sie oft genug kaum noch relevante Mengen an Publikum in die Clubs, um ein Konzert auch finanziell zu rechtfertigen. Ein existenzielles Problem ist das, an dem nicht nur Clubbetreiber, sondern auch viele mittlere und kleine Festivalveranstalter schwer zu knabbern haben, die sich schlicht und einfach die geforderten Gagen für attraktive „Headliner“ nicht mehr leisten können. Verschärft wird das durch die „Viel-hilft-viel“-Politik der Großen im Markt und durch quersubventionierte „Event“-Festivals. Ein „Rock am Ring“-Besuch zum Beispiel schlägt im Etat eines durchschnittichen Besuchers inzwischen mit buchstäblich mehreren hundert Euro zu Buche. Begriffen wird das als eine Art kleiner Jahresurlaub, für den dann halt im Alltag einiges auf der Strecke bleibt, vor allem natürlich Konzertbesuche, weil man ja beim Festival eh eine Überdosis verabreicht bekommt.

Neben den Top-Festivals der Kategorie „Rock am Ring/Rock im Park“ oder „Hurricane/Southside“ hat sich in den letzten zwei, drei Jahren auch noch eine neue Kategorie etabliert: Vorbild sind die – älteren noch in verschwommener Erinnerung – legendären Popkomm-Nächte in Köln, von international aufgestellten Labels vollgepackt mit als Showcase-Präsentation gedachter Livemusik, die auch für Auskenner hochattraktiv war. Heute gibt es gleich mehrere dieser dichtgepackten Clubfestivals: die c/o Pop in Köln, die Berlin Music Week und das Hamburger Reeperbahn Festival. Alle gemeinsam ist – neben dem jeweils durchaus respektablen Programm und dem Schielen auf die spektakuläre Entwicklung der inzwischen weltweit ausstrahlenden und eben wieder triumphal durchgeführten SXSW in Austin – die Aufstellung als „Kreativwirtschaft“- und „Standortmarketing“-Events, in die gehörige Größenordnungen öffentlicher Subventionen fließen. Dem Publikum kann das nur Recht sein, schließlich ist das Preis/Leistungs-Verhältnis dieser Veranstaltungen nicht zu schlagen. Vor allem nicht im Club-Alltagsgeschäft. Das hat im Reigen zwischen Umsonst-Marketingkultur, Megafestivals und Standort-Events schon lange die Arschkarte gezogen. Perspektivisch ist das eine verhängnisvolle Entwicklung. Denn die angestammte Basisarbeit der Popmusikkultur – der Liveclub – hat so kaum keine rosige Zukunft.

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15:05 06.04.2011
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Ausgabe 38/2020

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