Jörg Augsburg
21.11.2012 | 14:00

Mal mit der Axt auf den Tisch hauen

Ton & Text Spotify als Plattenfirma? Nein, danke. Dann lieber zurück zum echten Independent-Label. Zum Beispiel mit Gregor Samsa

Man muss diese schwedische Band nun wirklich nicht kennen, außer natürlich, man ist ein schwedischer Popmusik-Blogger. Oder jemand, der sich mit dem Thema Musikbusiness näher beschäftigt. Gehört hat man hierzulande in der Regel von Cazzette nämlich erstmals letzte Woche, per Pressemitteilung des Musikstreamingdienstes Spotify. Das Duo, das ein bisschen so klingt wie Jean Michel Jarre als Eurodance, stelle „sein Debütalbum exklusiv auf Spotify vor“, käme also – so der nahegelegte Schluss – auch ohne herkömmliche Plattenfirma prima aus und wäre ein ab sofort gern zitiertes Vorbild für die Zukunft. Denn die Zukunft – so weiß man ja inzwischen – ist Spotify.

Ob Cazzette wirklich die „nächste große Nummer im Bereich Dance“ werden, wie Spotify das vollmundig ankündigt, darf man aber sicher skeptisch sehen. Immerhin erfahren immer noch die wenigsten Musikhörer über Spotify von neuer Musik, in den Hör-Ranglisten normaler Teenager tauchen Streamingdienste generell unter „ferner liefen“ auf – wenn überhaupt. Seine Songs auf Spotify einzustellen, ist nicht nur wegen der äußerst geringen Gewinnerwartung normalerweise nur der letzte Schritt einer langen Kette von viel Arbeit. Die leistet normalerweise ein Label, das sich um all die Dinge kümmert, die dem Künstler an sich eher lästig sind. So eines wie das von Gregor Samsa, der die lebende Antithese zum von der „Netzgemeinde“ gern beschworenen Content-Blutsauger ist.

Ganz besonders unkonventionell

Samsa würde Cazzette vermutlich nicht besonders mögen, es ist nicht seine musikalische Baustelle, sein Metier sind eher die dreckigen Gitarren und die zornigen Hardcore-Attacken. Auf Spotify ist er gewiss nicht besonders gut zu sprechen, sicher fast genauso wenig wie auf Leute, die Filesharing-Börsen betreiben, Dudelradio-Sender oder Major-Plattenfirmen. Ihn als Musik-Wahnsinnigen zu bezeichnen ist alles andere als ehrenrührig. Samsa ist Chef und praktisch einziger Mitarbeiter von Sounds Of Subterrania, einem Label, bei dem die Gesamtkalkulation aus persönlichem Arbeitsaufwand, Kosten und Nervenabrieb am Ende ganz sicher keine Summe abwirft, die Mütter beruhigt und sogar noch für eine vernünftige Renten-Zusatzversicherung reicht. Dafür steht Sounds Of Subterrania seit vierzehn Jahren für so ziemlich alles, was man unter „independent“ auch nur ansatzweise verstehen mag. Vor allem also für eine riesige Liebe zur Musik, die Selbstausbeutung ganz selbstverständlich mit einrechnet in die auch finanzielle Planung eines Albums, das man dann aber auch in der Hand halten soll, so ganz physisch und auf Vinyl, wenn es geht.

„Nur durch Menschen wie ihn ist es möglich, dass auch Nischenmusik als Kunst das Licht der Öffentlichkeit erblickt und wahrgenommen wird.“ So sieht das der VUT, der Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, und hat Samsa soeben die „Goldene Indieaxt“ verliehen, ihren jährlichen Preis für besonders „mutige, unkonventionelle“ Leute im Independent-Kosmos. Der Name des Preises bezieht sich auf eine denkwürdige Anekdote des Hessischen Rundfunks von 1971, als Nikel Pallat, der Drummer von Ton Steine Scherben, in einer Talkshow nicht nur über den Sozialismus redete, sondern vor allem auch mal buchstäblich mit der Axt auf den Tisch haute. Und danach auch noch die Mikrofone abschraubte und einsteckte: „Die brauch ich für Leute, die in Jugendstrafanstalten sitzen.“ So ging es manchmal zu in der mitunter gar nicht so behäbigen alten Republik.

Label als Agentur für alles

Zumindest am Tisch sitzt heute oft der VUT, wenn es um die Konzentration der Major-Musikindustrie geht, um GEMA-Streit oder Urheberrechtsdiskussion. Der VUT ist der Dachverband der deutschen Independent-Labels, bietet Beratungen, Workshops und günstige Rahmenverträge mit Verwertungsgesellschaften. Vor allem aber ist er eine Lobbyorganisation, die wegen ihrer beinharten Linie gerade in Sachen Leistungsschutz und Urheberrecht auch in der Musikszene selbst nicht immer unumstritten ist. Aber das ist nun mal der Job eines Interessenverbandes. Dass das Independent-Label an sich auch bei allem „Labelsterben“ und der immer wieder gern prognostizierten Überflüssigkeit des Prinzips Plattenlabel alles andere als überlebt ist, zeigen nicht nur die immer noch steigenden Mitgliederzahlen. Bei aller digitalen Euphorie darf man nämlich nicht übersehen, dass es zwar durchaus einfacher geworden ist, Musik zu produzieren und auf kleinstem Level zu veröffentlichen. Aber sie wirklich bekannt zu machen, zu vertreiben, gar seinen Lebensunterhalt davon zu bestreiten – das ist sehr viel komplizierter geworden angesichts der unüberschaubar gewordenen Gesamtsituation im Musikbusiness. Wer darin professionell agieren will, ist mehr denn je auf Kompetenz angewiesen.

Gerade Independent-Labels haben, wenn sie die Zeichen der Zeit richtig deuteten, schon vor geraumer Zeit angefangen, sich neu aufzustellen; als Rundum-Agentur für Musiker, die nicht nur ihr Logo auf Platten druckt, sondern auch als Tourbooker, Pressestelle oder Management dient und natürlich die ausdiffenzierten Vertriebskanäle bestückt. Bis hin zu Spotify.

Das ist keine selbstlose Förderanstalt für Musiker, sondern eine Firma, die Technik bereitstellt. Einer von vielen Vertriebswegen, wenn auch vielleicht sogar wirklich bald der wichtigste. Musiker jetzt auch „exklusiv“ zu vermarkten, ist nur auf den ersten Blick eine gute Idee, widerspricht dem Prinzip der Gleichbehandlung aller Kunden. (Im Netz kennt man das als „Netzneutralität“.) Wer hier jubelt, weil so das missliebige Konstrukt „Künstler-Label-Vertrieb“ ausgehebelt würde, verkennt natürlich, dass Spotify einfach eine weitere Rolle außer der des Vertriebs übernimmt. Zum Nachteil aller anderen von Spotify vertriebenen Musiker und sogar zum Nachteil der Band selbst. Denn die „Exklusivität“ besteht ja auch darin, nirgendwo anders präsent zu sein. Das ist dann wohl nicht nur der Verzicht auf ein Label, sondern letztendlich kontraproduktiv. Nicht unbedingt für Cazzette. Die profitieren noch vom Premierenbonus in Sachen Aufmerksamkeit und bei Spotify selbst. Alles, was danach kommt, spielt aber nur noch die zweite oder dritte Geige. Bei – sagen wir mal – Gregor Samsa und Sounds Of Subterrania passiert das garantiert niemals. 

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden