MySpace Oddity

Musikweb 2.0 Die Revolution frisst ihren Schöpfer: Musikweb 2.0 muss vielleicht bald ohne MySpace auskommen, denn was daraus noch wird, weiß niemand so genau

Menowin Fröhlich hat jetzt auch ein offizielles MySpace-Profil. Fröhlich war mal Zweiter, also Verlierer, bei DSDS und schlägt sich seit dieser Zeit als vorgeblicher Musiker durch die Pocher-Shows dieser Welt. Und als Musiker hat man natürlich auch eine MySpace-Seite, das ist so selbstverständlich wie die Tatsache, dass Musiker auch Musik machen. Da passt – man könnte sagen: kurz vor Toresschluss – zusammen, was zusammengehört. Denn Menowin Fröhlich ist natürlich kein „richtiger“ Musiker und MySpace – nun ja, MySpace ist inzwischen auch irgendwie der große Verlierer. Sinkende Userzahlen, katastrophale Geschäftsergebnisse, Zwangsurlaub für alle Beschäftigten über die Feiertage und jetzt – wieder einmal – eine anrollende Kündigungswelle.

Anschauen kann man sich den Niedergang seit geraumer Zeit. Schon 2008 fasste der amerikanische Journalist Michael Wolff, Biograf des Medienmoguls und MySpace-Besitzers Rupert Murdoch, das in drastische Worte: „Niemand mit einem höheren Bildungslevel als dem eines Achtklässlers treibt sich dort herum. Es ist eine Seite für zurückgebliebene Leute.“ Heute sehen das Wirtschaftsmedien und -blogs unisono ähnlich und erklären das Modell MySpace für gescheitert. Rein wirtschaftlich gesehen mag das stimmen, der Thron der „Social Networks“ und die nächste Zukunft gehört unzweifelhaft Facebook. Kaum eine Rolle spielt dabei allerdings ein Aspekt: MySpace ist heute das einzigartige Verzeichnis nahezu aller Popbands auf dem Planeten – zumindest aus den Regionen mit erschwinglichem Internetzugang.

Man mag sich gar nicht mehr vorstellen, wie mühsam es noch vor zehn Jahren war, herauszufinden, was denn eine Band nun eigentlich für Musik machte, wenn man zum Beispiel nachschaute, was in den heimischen Clubs abends auf der Bühne stand. Eine eigene Band-Homepage kostete Geld, man musste Ahnung haben oder einen Freund, der sich auskannte. Ob man von Interessierten dann auch gefunden wurde, stand überdies auf einem ganz anderen Blatt. MySpace hingegen war plötzlich der große Gleichmacher. Jeder konnte eine MySpace-Seite anlegen, Songs hochladen, sich präsentieren, schnell die eigene Fangemeinde mobilisieren. Mit den Arctic Monkeys etablierte sich bald die erste Band der „Generation MySpace“ – dass die reale Entwicklung sehr viel herkömmlicher verlief als die Legende behauptet, hat dem Mythos nicht geschadet. Die weltweite Standardisierung der Grundfunktionen, die einfache Suche innerhalb des Netzwerks und die erstmalige Verlockung des Direktkontakts mit dem „Fan“ außerhalb persönlicher Begegnung machte MySpace zur idealen Plattform. Dieses Potenzial in den Ruin zu treiben, ist die kulturelle Tragik des Niedergangs.

Demokratisierung

Wenn es ein dominantes Grundthema des letzten Jahrzehnts Popmusik gibt, dann ist es die Demokratisierung der Mittel. Der Produktionsmittel, der Vertriebswege, der Imagekontrolle und der Rezeption. In MySpace hat sich das am deutlichsten und wirkungsvollsten niedergeschlagen. Mit allen Konsequenzen, versteht sich. Dass unglaublich scheußliche MySpace-Profile oftmals eher von einer Band abschreckten, als dass sie neue Freunde generierten, gehört da eher zu den kleineren Übeln. Spamüberflutung, Schwanzgrößenvergleich anhand von Freundeszahlen, Fake-Profile, Datenschutzlücken und Urheberrechtsprobleme sind allen sozialen Netzwerken gemeinsam. Popkuturell schwergewichtiger erscheint die erstmals von MySpace im Großmaßstab ermöglichte Ausprägung einer Häppchenmentalität, die Option des flüchtigen Zappens durch das künstlerische Werk, die nicht von Zwischenmedien vermittelte Wahrnehmung. Die Folgen sind einigermaßen fundamental: Popmusik wird heute in der Regel nicht mehr erklärt, sondern vorgeführt. Wer Kulturskeptiker genug ist, kann den gerade im letzten Jahr hierzulande beschworenen Niedergang des Musikjournalismus auch und hauptsächlich auf dieses Prinzip zurückführen. Die „Experten“ haben die Lufthoheit in der Popmusik verloren.

Das gilt allerdings vielleicht auch bald für MySpace selbst. Alle vollmundig angekündigten Bemühungen, sich neu zu positionieren, gar einen neuen Musikstreaming-Dienst aufzusetzen, blieben praktisch wirkungslos. Und vor allem: Das Image ist ruiniert. Nachdem MySpace das „2.0“-Zeitalter eingeläutet hat, führt es nun auch drastisch vor, dass die Erfolgs-Zyklen in der Internetära nicht mehr in Jahrzehnten bemessen werden können. Was aus MySpace – und „MySpace Music“ – wirklich wird, weiß derzeit wohl niemand. Im Gespräch sind die Übernahme durch einen neuen Investor, die Zerschlagung in die Bestandteile oder auch einfach nur das langsame Vorsichhinsterbenlassen. Business as usual also, immerhin das ist Wirtschaft, wie man sie nicht erst seit den Tagen des Turbokapitalismus schon kennt.

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15:45 04.01.2011
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Ausgabe 42/2021

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