No Business Like Showbusiness

Ton & Text Größer, exklusiver und am Besten auch noch ein bisschen exotisch: Es ist gerade heiße Vorverkaufszeit für die Festival-Saison 2013

Es hat am letzten Samstag ziemlich genau zwei Stunden gedauert, dann waren alle Tickets weg. Gewundert hat sich darüber natürlich niemand: Der Starttermin für den Vorverkauf war allseits bekannt, der zuständige Ticket-Dienstleister hatte für den Run extra die Server gepimpt – und mit 3.000 Besuchern Kapazität zählt das Nachtdigital Festival sowieso zu den kleineren Events im August 2013. Allerdings eben auch zu den angesagtesten. Jenen, die sich bewusst rar machen und einen enorm guten Ruf gerade unter der schöngeistigen Elite der Electronica-Artists des Landes haben, die sich alle Jahre wieder gern auf dem Gelände des Schullandheims Olganitz mitten in der sächsischen Heide präsentiert. Das Nachtdigital ist ein so genanntes Kult-Festival. Dabei zu sein, gehört inzwischen zu den gern diskret angeführten Distinktionsmerkmalen zum Rest der Musikkonsumenten-Landschaft. Denn Exklusivität ist einer der dominierenden Trends, mit dem sich Veranstalter im Live-Geschäft zu behaupten versuchen.

Geradezu absurde Ausmaße nimmt das beim Fusion Festival an, das im Juni im Niemandsland von Mecklenburg-Vorpommern stattfindet und ungefähr 20 Mal so groß ist wie das Nachtdigital. Es verzichtet seit Anbeginn konsequent auf jegliche Werbung oder Pressearbeit und verursacht immer im Dezember eine regelrechte Panik rund um die Vergabe der verfügbaren Tickets – im Vorjahr reichten 48 Stunden für den Ausverkauft-Status. Jetzt kann man sich für 2013 anmelden. Unters Volk kommen die 58.000 Tickets allerdings nur noch strikt personalisiert und durch Verlosung. Dass der Bedarf weit größer ist, verraten seit Jahren die unzähligen Jammer-Postings der Leer-Ausgegangenen in den einschlägigen Netzwerken.

Wettbewerb wird härter, die Margen knapper

In einer derartig komfortablen Situation sind indes bei Weitem nicht alle Festival-Veranstalter. Gerade kleinere Events, die den Sprung vom Geheimtipp zum Kult nicht schaffen, haben es immer schwerer gegen die Überfülle der Angebote. Über 1800 Festivals verzeichnet der „Festivalfinder“ des Musikmagazins Intro im Moment. 330 Millionen Euro wurden 2011 in Deutschland mit Musik-Festivals umgesetzt, das sind ungefähr ein Siebtel aller Umsätze im gesamten Live-Markt. (Zum Vergleich: Oper und Klassik kamen auf 800 Millionen, Musicals auf 600 Millionen, sonstige Rock- und Popkonzerte auf 550 Millionen.) Perspektivisch zählen Musik-Festivals dabei zu den Gewinnern, weitere Zuwächse sind prognostiziert. Aber mehr Umsatz bedeutet erst mal noch keinen Gewinnzuwachs. Denn der Wettbewerb wird härter, die Margen knapper kalkuliert, die Honorarforderungen der wirklich großen, Headliner-tauglichen Bands steigen immer noch, ebenso die Produktionskosten und die Investitionen in Umweltschutzmaßnahmen und Sicherheit – Kategorien, die öffentlich viel mehr beachtet werden als noch vor wenigen Jahren. Einen guten Schnitt wollen dabei auch die Ticket-Händler machen. (Über deren Preispraktiken hat der Berliner Konzertveranstalter Berthold Seliger soeben einiges Insider-Wissen gucken lassen.)

Wie hart der Wettbewerb um den zahlenden Besucher ist, lässt sich ganz einfach ablesen: an den immer größeren Vorlaufzeiten. Nicht selten findet gerade bei den Großen der Branche, noch während das Festival läuft, die Pressekonferenz zum nächsten Jahr statt, wird der Headliner präsentiert und der Vorverkauf gestartet, oft gekoppelt mit einem Early-Bird-Bonus, der Frühkäufer verlocken soll. Die Investition in einen Festivalbesuch sind inzwischen erheblich, der Ticketpreis allein – immerhin oft über 100 Euro – ist ja nur der Anfang einer ganzen Stange Folgekosten: Anreise und Verpflegung vor Ort und ein bisschen Merchandise von auftretenden Künstlern oder dem Festival selbst können die Summe schnell verdrei- oder vervierfachen. Zwei oder drei Urlaubstage muss man in der Regel obendrein investieren. Mehr als ein größeres Festival im Jahr zu besuchen, ist also tatsächlich ein Luxus, den sich nur wenige leisten wollen oder können. Umso wichtiger ist die frühzeitige Bindung der Besucher und ihre Zufriedenheit. Unzumutbare hygienische Bedingungen, Ticketchaos mit endlosen Warteschlangen oder Langeweile rund ums eigentliche Konzertgeschehen kann sich kein Veranstalter mehr leisten, ohne empfindliche Einbußen befürchten zu müssen. Bis jetzt geht die Rechnung insgesamt auf, vor allem die Primi der Branche à la Rock am Ring/Rock im Park, Hurricane/Southside oder Wacken sind proppevoll und können sich für Mehrheiten attraktive und entsprechend teure Headliner auch leisten.

Alternativen für eigentliche Musikfans

Für internationale Künstler stehen deutsche Festivals – abseits der natürlich immer gern genommenen Gagen – aber nicht ganz oben auf der Wunschliste. Das zeigt die komplette Abwesenheit deutscher Festivals in der Shortlist „Artist’s Favourite“ bei den Europe Festivals Awards, die im Januar vergeben werden – natürlich im Rahmen eines renommierten Festivals: Das Eurosonic Noorderslag ist Europas vielleicht wichtigster Branchentreff, dessen Modell des Club- und Showcase-Festivals erlebt derzeit einen enormen Aufwind, wird immer attraktiver für die eigentlichen Musikfans. Jene also, die eine Alternative zu dem Jahrmarktstreiben und den immer austauschbareren Mainstream-Linups der herkömmlichen Festivals suchen. Sie flüchten inzwischen in weit entfernte und deutlich besser kuratierte europäische Festivals wie das spanische Primavera, die englischen Klassiker oder eben in die Club-Festivals. Ein weiterer Pluspunkt für diese: „Indoor“-Festivals sind deutlich wetterunabhängiger und funktionieren auch außerhalb der angestammten Festivalsaison. Bestes Beispiel dafür in Deutschland ist das Reeperbahn-Festival, das sich in sieben Jahren zum wichtigsten hiesigen Showcase-Event für kleine und mittlere Bands gemausert hat und in diesem Jahr erstmals ausverkauft war.

Aber auch hier tobt ein harter internationaler Wettbewerb um Branchenaufmerksamkeit und Besucher. Neben einem extrem kompetenten Booking mit Spürsinn für die schnelllebigen Trends der immer hochtouriger agierenden Musikszene ist vor allem auch das Umfeld enorm wichtig. Hamburg hat mit dem Kiezflair von St. Pauli hierzulande ganz eindeutig die Nase vorn. Aber auch das lässt sich toppen. Wer es noch exotischer mag, der fliegt ins spätherbstlich düstere und gern mal sturmgepeitschte Reykjavik. Dort residiert mit den Iceland Airwaves der aktuelle Trendtipp Nummer eins. Der Vorverkauf für den November 2013 hat gerade begonnen. Und klar: Es wird schon wieder eng mit den Frühbucher-Tickets. 

Korrektur: Entgegen der ursprünglichen Verortung im Brandenburgischen, findet das Fusion Festival selbstverständlich in Mecklenburg-Vorpommern statt. Sorry für den Fehler und danke für alle Hinweise.

08:00 05.12.2012
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