Opulent, schmerzfrei, konventionell

Ton & Text Manchmal zählt doch der gute Wille: Eine Compilation zum 50. Geburtstag von Amnesty International vereint fünf Stunden Bob Dylan, interpretiert von 72 Popmusikern

Der sympathischste Moment kommt ganz am Ende, nach fünf Stunden, bevor der Schlusspunkt mit Bob Dylans eigener Version des Titelsongs gesetzt wird. „May you stay forever young“ singt Peter Seeger, der 92-jährige Folk-Barde, und man schreckt förmlich noch einmal hoch. Es ist eine Lehrvorführung in Vitalität und Lebensfreude, kraftvoll, fröhlich und natürlich ist man berührt. Es ist kein besserer Abschluss dieser zumindest ob ihrer schieren Fülle beeindruckenden Songsammlung denkbar. Eine Fülle, die auch eine Crux ist.

„Chimes Of Freedom“ heißt das Vierfach-Album zum 50. Geburtstag von Amnesty International. Das Konzept ist sehr simpel: 72 Musiker interpretieren je einen Song von Bob Dylan. Es ist eine auf den ersten Blick zwar irgendwie schlüssige, aber bei genauerer Überlegung doch etwas verblüffende Idee, weil man Bob Dylan nun nicht unbedingt als politischen Menschen bezeichnen würde, zumindest nicht im engeren Sinne und nicht in den letzten 45 Jahren seiner Musikerkarriere. Allerdings bezieht sich Amnesty lieber auf die ersten fünf, auf seine Teilnahme am „March On Washington“ 1963, die seinerzeit immer noch gern als „Protestsongs“ gesehenen Früh-Klassiker à la „Blowing In The Wind“ oder „The Times They Are A-Changin“. Popmusik-Klassiker sind das heute, 50 Jahre später, allerdings praktisch ohne Relevanz im täglichen Protest-Geschäft der Gegenwart, das spätestens seit Punk etwas weniger poetische, dafür aber deutlich krawalligere Musik bevorzugt.

Das Schaffen von Bob Dylan allerdings – und das kann sonst kaum jemand von sich behaupten – korrespondiert nicht nur zeitlich mit den 50 Jahren Amnesty und verfügt über eine Art universale Geltung, sondern reicht vor allem auch als Materialfundus für ein derartiges Projekt. Aus immerhin 400 Songs durften die Beteiligten wählen, was sie für „Chimes Of Freedom“ neu einspielen wollten. So lässt sich diese Compilation denn auch weniger als inhaltlich oder musikalisch kohärent betrachten. Es ist eine, angesichts von 72 mehr oder weniger im Bewusstsein verankerten Künstlern, erstklassige Gelegenheit, die eigenen Erwartungen an eben diese „zeitlose“ Musik und auch an Bob-Dylan-Songs an sich zu überprüfen. Die zu covern kann – wie seit den Früh-Sechzigern mit den harmoniesüchtigen Versionen von Peter Paul And Mary oder den Byrds erwiesen – durchaus mehrheitstauglich enden. Es zählt nichtsdestotrotz zum Schwierigsten, was das Popbusiness in seiner Gesamthistorie zu bieten hat, schon deshalb, weil eine Armada von Dylan-Jüngern argwöhnisch über ihr Kulturerbe wacht.

Ein Dylan Experimental-Baukasten

Dass es ganz und gar nicht einfach ist, sich da anständig aus der Affäre zu ziehen, wird notgedrungen auch hier vielfach deutlich. Denn – und das muss man dem Team eigentlich hoch anrechnen – die Auswahl der Künstler erfolgte absolut schmerz-, vornehmer ausgedrückt, vorurteilsfrei. Es gibt selbstredend die klassischen Kandidaten, denen man jeden Dylan-Song blind abkauft: ältere wie Joan Baez, Elvis Costello, Kris Kristoffersen, Patti Smith, Billy Bragg oder Eric Burdon. Jüngere wie My Morning Jacket, Raphael Saadiq, Queens Of The Stone Age oder Band Of Sculls. Es gibt aber auch die ganz schlimmen üblichen Verdächtigen: Mark Knopfler, dessen eben absolvierte Support-Shows für Dylans „Never ending Tour“ das Publikum in Dylan- und Knopfler-Verehrer spaltete, Sting, Lenny Kravitz, Sinéad O’Connor, Seal mit Jeff Beck. Es gibt die sicheren Nummern – Adele, Steve Earle, Jackson Browne, Taj Mahal – ebenso wie die Totalflops: die gesamte „Alternative“-Rockerbrut von Rise Against bis My Chemical Romance. Dazu kommen einige Aha-Effekte im guten (Miley Cyrus!) wie im schlechten (Kesha) Sinne. Und es gibt eben Pete Seeger, der ja seinerseits eine der Hauptinspirationen des frühen Dylan war und von dem immer noch überliefert wird, dass er Dylan wutentbrannt den Stecker ziehen wollte, als der auf dem Newport Folk Festival 1965 die elektrische Gitarre auspackte. (Was Pete Seeger wiederum standhaft bestreitet.)

Man muss kein Dylanologe zu sein, um die Mehrheit der Songs zu kennen. Es wird einem hier wieder einmal bewusst, wie tief sie in das Popmusik-Bewusstsein eingegraben sind. Aber – und das macht einen großen Teil des doch spürbaren Ermüdungseffekts aus – inzwischen ist Bob Dylan selbst viel weiter entfernt von den Ursprungsversionen seiner eigenen Songs als nahezu alle Musiker, die sich hier versuchen, versteht sein eigenes Werk sehr viel mehr als Experimental-Baukasten. Wobei er den Vorteil hat, niemandem mehr irgendetwas beweisen zu müssen, schon gar nicht seinem eigenen Publikum das im Konzert regelmäßig zum Songraten verurteilt ist. Das gilt – gerade mit einem Dylan-Song – für die Wenigsten auf „Chimes Of Freedom“ und schon gar nicht im Sängerwettstreit mit 71 Konkurrenten. Am Ende zählt die Opulenz. Und der gute Wille.

Dieser Text ist in Kooperation mit entstandenmotor.de





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15:10 14.02.2012
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