Perlentaucher und Trüffelschweine

Ton & Text It’s gone but it’s not forgotten: Die Musikbesessenen erhellen uns die Wunderwelt der Popmusik im Archivwühl-Modus

„Songhunter“ ist vielleicht nicht gerade eine offiziell taugliche Berufsbezeichnung, aber treffender als mit diesem Spitznamen kann man das Schaffen von Alan Lomax sicher nicht in Kürze zusammenfassen. Dieser Tage ist eine neue Biografie des berühmten Musik-Ethnografen erschienen. The Man Who Recorded The World zeichnet umfassend nach, wie der umtriebige Musiksammler ab 1933 die Welt des amerikanischen Folk und Blues dokumentierte und so nicht nur den Auftrag der Library of Congress – der US-Nationalbibliothek – erfüllte, sondern entscheidend daran mitwirkte, dass Musiker wie Woodie Guthrie, Muddy Waters oder Leadbelly überhaupt im größeren Rahmen als dem ursprünglich recht engen Wirkungskreis wahrgenommen werden konnten und das ihre Songs heute als einer der unverzichtbaren Grundsteine für die spätere Rock- und Popmusik gelten, die immerhin über ein halbes Jahrhundert zur dominierenden Alltagskultur der westlichen Welt wurde. Und die inzwischen selbst ihre Songhunter umtreibt.

Die eigentliche Entwicklung der Popmusik vollzieht sich meist und schon immer unterhalb der offiziellen Wahrnehmbarkeitsschwelle von Charthits, Albenbestsellern, oder Superstars. Denn zu all dem gibt es selbstverständlich immer eine Vorgeschichte, eine Avantgarde, die im Regelfall nicht die Lorbeeren nach dem „breaking point“ ernten durfte – falls es den Durchbruch zum Massengeschmack überhaupt gab. Man muss nicht unbedingt ein beinharter Musik-Nerd sein, um spannend zu finden, was die verschiedenen Generationen der Popmusik – sei es im Mainstream oder Underground – auch außerhalb der üblichen „Best Of Wasauchimmer“ à la Time Life-Versand ausmachte. Denn begünstigt durch die bis dato nicht zur Verfügung stehende technische Entwicklung der Massenmedien und der billigen Reproduzierbarkeit war und ist Popmusik bis heute im Vergleich zu anderen Kulturformen ein feinerer und breiter aufgestellter Seismograph gesellschaftlichen Bewusstseins, des damit oft genug verbundenen Unbehagens sowie von Aufbruchseuphorien. Aber: Der Preis dieses Echtzeit-Phänomens ist die Flüchtigkeit, die unmittelbar folgende Verdrängung und Neudefinition durch die nächste, oft genug bedenken- und/oder ahnungslose Fußstapfen-Generation. Es braucht die Besessenen, um solche Songs aus der Vergessenheit zu reißen oder um ihren Kontext neu auszuleuchten.



Dim Light, Thick Smoke Hillbilly Music heißt eine soeben – mit Stand 1956 – wieder aufgenommene Reihe über die amerikanischen Country--Western-Charts von 1945 bis 1960. Es mutet wie eine komplett verrückte Idee an, heutzutage jedes dieser Jahre dokumentarisch nachzuvollziehen, mit 72-Seiten-Booklet und in Deluxe-Aufmachung. Indes: Es handelt sich um genau die Ära, in der aus Country Rockabilly und dann Rock’n’Roll wurde, der nicht nur das bis dahin dominierende Nashville-Establishment zur Verzweiflung brachte, sondern die Tür zu einer neuen Musikwelt aufstieß, in der erstmals Teenager den Takt des Zeitgeistes vorgaben. Eine Zeit, in der Carl Perkins, Jerry Lee Lewis, Elvis Presley und Johnny Cash bei der gleichen Plattenfirma unter Vertrag standen. Betrieben wird diese Musikgeschichtsstudie von Bear Family Records. Wenn es eine Referenz für Musikverrücktheit im besten Sinne gibt, dann ist es dieses Traditionslabel aus der norddeutschen Provinz, das sich seit den Siebzigern durch die Musikarchive nicht nur Nordamerikas wühlt, um Songperlen auszugraben und – sic! – Musikgeschichte neu zu interpretieren. Wie weit man dabei gehen kann, zeigte Bear Family erst letztes Jahr mit der weltweit umjubelten 13-CD-Compilation Next Stop Is Vietnam, einer schier unglaublich umfangreichen Aufarbeitung der öffentlichen Wahrnehmung des Vietnamkriegs anhand von Popmusik.

Ähnlich verrückt erscheint das Münchner Trikont-Label. Das besticht seit dreißig Jahren mit – oberflächlich besehen – zum Teil obskur anmutender Musikauswahl, die heute unter dem durchaus politisch verstandenen Gegenkultur-Motto „Our own voice“ Funny Van Dannen oder Hans Söllner ebenso versteht, wie Hank Williams und psychedelischen Underground-Rock der Sechziger oder die phänomenale Undergroundpunk-Bilanz „England’s Dreaming“ von Jon Savage. Dabei muss Popkultur natürlich nicht explizit politisch unterfüttert werden. Dem weitaus unbekannteren Hamburger Repertoire Records zum Beispiel verdanken wir solche Re-Release-Perlen wie von der einzigartigen deutsch-amerikanischen Konzeptband Monks oder den Bubblegum-Vorreitern Count Five, immerhin eine der erklärten Lieblingsbands des legendären Popkritiker-Poeten und -Wüterich Lester Bangs.



Natürlich funktionieren derlei Veröffentlichungen nicht nach den gleichen geschäftlichen Regeln wie eine – mehr oder weniger aufwändige – Neuproduktion eines Albums. Aber eben auch nicht wie eine der oft genug komplett lieblosen Sampler oder Compilation-Reihen, die ganze Regalreihen in den noch verbliebenen CD-Abteilungen füllen. Denn der Archivwühl-Aufwand ist meist enorm, die liebevolle Edition Pflicht, das Kenntnispotenzial von Seltenheitswert. Irgendwie auch finanziell machbar scheint das zumindest bei größeren Projekten nur, wenn man wie Bear Family gleich komplett international orientiert ist. Die Rahmenbedingungen werden dafür nicht besser, auch oder gerade wenn hier das Medium Compact Disc praktisch im Alleingang noch mit Sinn erfüllt wird.

Flüchtig wie ihr Thema können denn auch diese Manifeste gegen das Vergessen selbst sein. Dass selbst die verdienstvollsten und durchaus prominenten Zeitgeist-Nachsammlungen unversehens wieder aus dem Blickfeld verschwinden können, sieht man zum Beispiel an Verschwende deine Jugend, der immer noch einzigartigen Zusammenstellung der "wahren" Tracks des deutschen Undergrounds, der kurz danach unter dem Begriff NDW begraben wurde. Oliver Teipels Buch gilt heute als Standardwerk. Erinnern wird man sich heute allerdings eher an den viel später entstandenen Film – schlicht eine Zumutung. Der Original-Sampler zum Buch stammt vom legendären und in diesem Zusammenhang hyperauthentischen Düsseldorfer Ata Tak-Label, ist gerade mal neun Jahre alt – und praktisch nicht mehr erhältlich. Nur, um es nochmal zu festzuhalten: Es ging dabei um die Essenz einer der der wichtigsten Phasen der deutschen Musikszene. Eine Bestandsgarantie ist das halt nicht. Aber auch das ist letztendlich systemimmanent im Prinzip Popkultur.

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15:50 11.01.2011
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Ausgabe 41/2021

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