Scheitern als Scheitern

Ton & Text Das Jammertal sei durchschritten, meint die deutsche Musikindustrie. Das ist natürlich kein Grund für sie, nicht einfach weiter zu jammern
Scheitern als Scheitern
Schön für Helene Fischer, blöd für den Musikkritiker: Sieben der zehn erfolgreichsten Alben des Jahres 2013 stammen aus dem Bereich Schlager
Foto: Ronny Hartmann/AFP/Getty Images

Patrick Wagner war mal Gründer und Chef von Kitty Yo, dem heißesten Indielabel des Landes. Das war in den wilden Zeiten nach der Jahrtausendwende, als gerade für Indies alles möglich schien. Zumindest bis zum großen Krach. Heute ist er Kinderfußballtrainer und schreibt an „Scheitern als Scheitern“, einem Buch über das gar nicht chancenreiche Versagen. Mit Musik hat er nichts mehr zu tun, zumindest nicht beruflich. Tim Renner war mal Chef von Universal Music Deutschland, dem größten Konzern, den die Musikbranche zu bieten hat. Mit ein paar Büchern über seine nicht immer nur guten Erfahrungen und den vielbeschworenen Wandel der Musikindustrie hat er sich immerhin einen so guten Namen machen können, dass er heute Kulturstaatssekretär in Berlin ist und berufsbedingt vor allem durch Theater, Vernissagen und Senatssitzungen tingelt. Dieter Gorny war mal Chef der Musikmesse Popkomm und des Musiksenders Viva, eine Erfolgsgeschichte würde auch das heute niemand mehr nennen. Bücher schreibt Gorny allerdings nicht, sondern Geschäftsberichte des Verbandes der Musikindustrie. Dessen Vorstandsvorsitzender ist er nämlich und auch sonst federführendes Mitglied in so ziemlich jedem Gremium in diesem Land, das sich irgendwie offiziell mit Geld und Musik beschäftigt. Und wer das Elend der deutschen Musikbranche personalisieren mag, ist hier natürlich bestens aufgehoben. Selbstzweifel waren nie ein Thema.

So richtig wichtig ist die deutsche Musikindustrie nicht, auch, wenn sie gern anführt, dass Deutschland der drittgrößte Musikmarkt der Welt ist. Man sollte sich das immer mal vor Augen führen, wenn wieder irgendwo Cheflobbyist Gorny auftaucht und nun aber wirklich entschiedene Maßnahmen verlangt. Von der Politik zum Beispiel, die doch bitte endlich Fairplay durchsetzen soll zwischen illegalen und legalen Angeboten von Musik. 1,45 Milliarden Euro werden in Deutschland derzeit jährlich mit Musik umgesetzt, so steht es im aktuell veröffentlichten Geschäftsbericht des Verbandes der Musikindustrie. Das ist keine sehr beeindruckende Zahl, so viel Umsatz macht auch die Binnenschifffahrt. Allein für die jetzt anlaufende Weihnachtsmarkt-Saison werden 2,5 Milliarden Euro Umsatz prognostiziert. Sogar im Kreis der Kulturindustrie ist die Musikwirtschaft eher auf den hinteren Rängen zu verorten, mit Filmen und Games werden derzeit jeweils ungefähr 3 Milliarden Euro bewegt, der Buchmarkt umfasst gar knapp 10 Milliarden.

Interessant ist der Musikmarkt aber schon deshalb, weil er sich als Blaupause dafür versteht, wie der „digitale Wandel“ denn am besten zu vollziehen sei – was wohl wiederum nur Dieter Gorny selbst nicht seltsam vorkommt. Immerhin war es gerade die Musikindustrie, die in den letzten 15 Jahren immer nur hinter den Entwicklungen her hechelte, dabei so ziemlich alles falsch gemacht hat, was man auch nur falsch machen konnte und so letztendlich ihre Zukunftshoheit an Technologie-Firmen abgegeben hat. Folgerichtig ist „Streaming“ ungebrochen das Zauberwort der Stunde, gilt in der Musikindustrie als Musikhör-Modell der Zukunft. Geunkt wird auch immer noch über das Ende des „Albums“ in digitalen Zeiten, in denen sich doch jeder einfach die Rosinen-Tracks einzeln herauspicken könnte. Nur: der deutsche Musikhörer, der will zu den Prognosen partout nicht so recht passen. Er kauft immer noch Alben und zwar am liebsten auf CD, hört Musik immer noch meistens im Radio und hat daheim eine klassische Stereoanlage stehen. (Was er hört, lässt dem Musikkritiker allerdings die Haare zu Berge stehen. Sieben der zehn erfolgreichsten Alben des Jahres 2013 stammen aus dem Bereich Schlager.)

56 Euro gab der Durchschnittsdeutsche im letzten Jahr direkt für Musik aus, das hat immerhin gereicht, um den jahrelangen Abwärtstrend scheinbar endgültig zu stoppen. 1,2 Prozent Wachstum sind aber auch bei gemäßigt kapitalistischen Renditeerwartungen deutlich zu wenig, um für die Zukunft irgendetwas zu reißen. Richten soll es – und an dieser Forderung hat sich seit gut zehn Jahren nichts geändert – der Staat. Diesmal liest sich das bei Gorny so: „Leider werden wir oft genug damit konfrontiert, dass die illegalen Angebote, mit allen Kollateralschäden, sehenden Auges geduldet werden und die legalen Anbieter das Nachsehen haben. Ein Missstand, der in der neuen Legislatur nun endlich angegangen werden muss. … Nachdem in den vergangenen Jahren viel über Aufklärung und Medienkompetenz debattiert wurde, müssen hier endlich Fakten geschaffen werden.“ Und es wird sogar noch besser: „Alle diejenigen, die Abmahnungen kritisieren oder vielleicht sogar eine erhalten haben, müssten streng genommen von der Regierung fordern, besser aufgeklärt zu werden.“ Geändert hat sich beim Bundesverband Musikindustrie also nicht wirklich etwas. In seiner Welt haben den Schwarzen Peter immer die anderen. Niemand hat die Absicht, zu scheitern. 

13:54 12.11.2014
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