Schöne neue Welt

Ton & Text Musikstreaming setzt sich langsam aber sicher durch: die Bauchschmerzen darüber bleiben – gerade bei echten Musikliebhabern. Bei Musikern sowieso
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Frei von Illusionen: Kunst à la Radiohead

Foto: Will Oliver / AFP / Getty

Alles wird wieder gut! So ungefähr soll wohl klingen, was soeben der Bundesverband Musikindustrie in Sachen Musikstreaming-Dienste verkündete: Um mehr als 130 Prozent seien die Umsätze gestiegen. Und das allein im ersten Halbjahr 2013. Auch die sonst eher weniger gefühlige Stiftung Warentest ließ sich zu einem denn doch bemerkenswert blumigen Fazit ihres aktuellen Tests hinreißen: „Musik begleitet durch den Alltag und ihre Macher begleiten die Streamingdienst-Nutzer dabei ein Stück weit. Musiker und Musikhörer kommen sich näher.“ Genau daran darf man zweifeln.

Der Bundesverband Musikindustrie ist, was im Namen steht, also die Interessenorganisation jener vor allem großen Firmen, deren Hauptgeschäftsfeld der Handel mit Musik ist. In den letzten Jahren ist er – neben durchweg peinlichen Echo-Veranstaltungen – vor allem mit beinharter Lobbypolitik aufgefallen, die sogar noch das Scheitern einer völlig überlebten Popkomm-Messe mit „Musikpiraterie“ begründete und ansonsten wenig mehr tat, als zu jammern und nachdrücklich nach verschärften Urheberrechten zu rufen. Man darf also durchaus misstrauisch sein, wenn ausgerechnet der BVMI Optimismusmeldungen verbreitet. Und tatsächlich: Schon ein etwas genauerer Blick zeigt: Musikstreaming-Dienste machen den Kohl nicht fett, sind genau genommen nicht mal in der Lage, die Umsatzeinbußen des letzten Jahres wirklich zu ersetzen. 3,2 Prozent ist der Anteil des seit circa anderthalb Jahren in Deutschland legalen Streamings am Gesamtumsatz der Musikindustrie im Moment. Angesichts der Hoffnungen, die auf dem Modell liegen, dürfte das außerhalb des an sich selbst gemessenen Wachstums kaum irgendjemanden befriedigen: nicht die Anbieter und schon gar nicht jene, die all das ursprünglich herstellen, was dort angeboten wird, die Musiker. Die sind sowieso in der Klemme.

Dass Dienste wie Spotify und Co. den Urhebern ihrer Inhalte durchaus kümmerliche Erträge ausschütten, ist seit Anbeginn von Streaming ein Standard-Kritikpunkt, der immer mal wieder mit beeindruckend deprimierenden Modellrechnungen Betroffener untermauert wird. Blogosphär-medial gern weiterverbreitet werden auch die mehr oder weniger regelmäßigen Meldungen über den Rückzug von Künstlern von Streamingdiensten – zumindest, wenn halbwegs bekannte Musiker derlei verkünden; so wie Thom Yorke und Nigel Goodrich, die von den Erlösen ihres Projekts Atoms For Peace wohl sehr desillusioniert waren und öffentlich zu dem Schluss kamen, dass jungen, unbekannten Künstlern durch Streaming eher geschadet, als geholfen würde. Die Konsequenz: der Rückzug aus Streaming-Angeboten. Ihr Hauptprojekt Radiohead scheinen sie damit allerdings nicht gemeint zu haben, das ist immer noch präsent.

Nun kann man – und viele tun das mit durchaus nachvollziehbaren Gründen – das in der Tat extrem undurchsichtige Ausschüttungsmodell à la Spotify ablehnen und als Künstler-Ripoff geißeln. Dass „große“ Labels und Künstler anteilmäßig besser entlohnt werden, ist ein gern genanntes Beispiel. Offensichtlich ist auch, dass diese generell besser unterstützt werden, mit Promotion oder speziellen Apps. Neu ist das nun allerdings auch nicht gerade in einem Musikbusiness, das schon immer das Geld zuerst auf den größten Haufen geworfen hat. Geld, übrigens, das sich Streamingdienste immer noch zuvörderst geliehen haben. Auch die größten Anbieter stehen auf unabsehbare Zeit knietief in roten Zahlen. Der Konkurrenzdruck hingegen wird immer größer. 20 Anbieter gibt es auf dem deutschen Markt zur Zeit. Selbst aufmerksame Beobachter kommen da kaum noch hinterher, zumal die Konditionen der diversen Abomodelle praktisch einer Preisabsprache gleichkommen.

Diese Preisgleichheit hat auch die Stiftung Warentest festgestellt, die sich in der Juli-Ausgabe ihrer Zeitschrift test eingehender mit dem Thema beschäftigt, und dem Modell Musikstreaming zumindest bei den auch allgemein als Marktführer geltenden Diensten eher gute Noten gibt: in Sachen Soundqualität, Handling und Angebot. Dass sich der Normaluser genauer anschaut, inwieweit die AGBs in Ordnung gehen, scheint eher zweifelhaft. Aber gut zu wissen, wie es darum steht, ist es allemal. Inwiefern der mit 100 Beispielalben durchgeführte Test auf Vollständigkeit wirklich taugt, lässt sich nicht verifizieren, da diese Liste – wie alle Test-Details – auch auf Anfrage nicht einsehbar ist. Die Erfahrung zeigt aber, dass jeder, der schon bisher über ein halbwegs kompetentes Vinyl- oder CD-Regal verfügt, immer wieder Angebotslücken feststellen kann. Da nützen dem tiefer grabenden Musikfan die 15 bis 20 Millionen vorrätigen Titel dann auch nichts, wenn im konkreten Such-Fall Fehlanzeige herrscht. Ziehen sich „Independent“-Musiker obendrein noch ganz bewusst aus dem Angebot zurück, macht dies das Streaming gerade für jene noch uninteressanter, die ganz besonders an Musik interessiert sind. Jene also, muss man vermuten, die am ehesten bereit wären, die 10 Euro Maximalgebühr für das Monats-Abo zu bezahlen, schon aus dem Gedanken heraus, dass Musiker für ihre Musik ja nun irgendwie bezahlt werden sollten.

Dass aber die oft beschworene und gerade von der dunklen Seite der Musikindustrie – siehe BVMI – immer wieder auch als Kampfbegriff gern genutzte Bezeichnung „Kostenloskultur“ nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, beweist der regelmäßige Blick in die – in Sachen Streaming sehr aufmerksamen – gängigen Techblogs, die ganz vorn dabei sind, Tipps zu geben, wie man sich mit kostenfreien Angeboten durch die Streamingwelt schlagen kann. Und die gibt es zuhauf. Eben sorgte der Streamingdienst Rdio wieder für gehörigen Wind: Breitflächig wurde ein Promotion-Code herumgereicht, der drei Monate Zahlungsfreiheit bei vollem Angebot gewährt. Es braucht keinen speziellen betriebswirtschaftlichen Sachverstand, um das dahinter liegende Geschäftsmodell ebenso prinzipiell zu hinterfragen wie die grundsätzliche Haltung eines solchen Anbieters zum Wert des eigenen Inhalts. Die einzig moralisch vertretbare Reaktion auf solche Angebote kann nur der Boykott sein. Als Musiker sowieso, aber auch als Nutzer. Aber wie heißt es so schön im Jahresbericht 2012 des Bundesverbandes Musikindustrie: „Für die weitere Entwicklung dieses jungen Marktsegments kommt vor allem Kooperationen zwischen Streaming-Anbietern und Internet-Service-Providern eine große Bedeutung zu. Die Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass sich hier gewinnbringende Synergien nutzen lassen, die dem gesamten Markt positive Impulse verleihen können.“ Schöne neue Welt.

11:09 24.07.2013
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