Schwule Mädchen Kampfeinsatz

Ton & Text Gaga-Feminismus und Rollback der sexuellen Revolution: Nichts ist gut. Die Reaktionäre der Prüderie und Heuchelei haben wieder Oberhand
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Tief in den 50ern: Lady Gaga macht während der American Music Awards 2013 die Marilyn, R. Kelly (links) den Präsidenten

Foto: Kevin Winter/ AFP/ Getty Images

„Lily Allen has a baggy pussy“ sagen die Luftballons, vor denen sich Lily Allen produziert. Sie wackelt mit dem Arsch, trägt – sagen wir mal – körperbetonte Kleidung und ist mit dem Schampus nicht geizig, den sie auf ihren Tänzerinnen verteilt, die – nun ja – mit dem Arsch wackeln. „Twerking“ ist der Fachausdruck für diesen Tanzstil, der durch einen Auftritt der vor kurzem selbsternannten Skandalnudel Miley Cyrus zu einiger Berühmtheit gelangt ist.

Allens eigentlich sehr vorzeigbare Stimme ist per Autotune grotesk verfremdet, offensichtlich hält ihr Manager das im Sinne des Erfolg so für angeraten, ebenso wie Outfit und laszives Auftreten. Und damit wir auch ganz sicher nichts falsch verstehen, schaut Allen immer mal wieder genervt in die Kamera. Das ist die eigentliche, feministisch gedachte, Botschaft. Denn unter dem schärfsten Pony seit Mireille Mathieu steckt natürlich auch noch eine Menge: „I don’t need to shake my ass cause I got a brain“. Ah ja, möchte man fragen, und warum tust du es trotzdem?

Irgendwas ist schief gelaufen mit dem Feminismus in der Popmusik. Lily Allen hat da natürlich völlig recht, auch wenn das Mittel ihrer Kritik eher Teil des Problems als der Lösung zu sein scheint – vom nicht gänzlich von der Hand zu weisenden Rassismus-Vorwurf mal noch abgesehen. Popmusik war in Sachen „Sex sells“ noch nie besonders zimperlich. Frauen waren seit jeher viel öfter Objekt denn Subjekt ihrer eigenen Pop-Karriere, daran hat sich in den mehr oder weniger 70 Jahren Popgeschichte kaum etwas geändert.

Dass heute die Liga der Beyoncé, Gaga, Perry als selbstbestimmte Powerfrauen-Erfolgsgeschichte mit weltweiter Chartsdominanz gilt, macht die Sache keinen Deut besser. Eher schlimmer. Erkauft wurde der Erfolg nämlich durch eine immer perfektere Anpassung an die sexistischen Feuchtträume einer ansonsten immer mehr ins Konservativ-Prüde zurückkippenden Protestantismus-Kapitalismus-Realität.

Erfolgs-Pop ist heute eine Hochleistungs-Branche, die in allen Bereichen durchoptimiert agiert. Das fängt bei der Künstlerin an, die im multimedialen Zeitalter für jede natürliche Blöße sofort gnadenlos abgestraft wird. So wurde schon durch eine simple Aufnahme von Beyoncés durchaus stämmigen Beinen aus „unvorteilhafter“ Perspektive eine weltweite Häme-Hysterie ausgelöst, die das Geschäftsmodell „super aussehende Powerfrau“ bedroht – zumindest aus Sicht der Betroffenen. Wie unerträglich weit die Selbstoptimierung geht, lässt sich in allen aktuellen Videos von Madonna – immer noch weithin als popfeministische Ikone bewertet – begutachten, gegen die sogar der ganz offen ausgestellte Sexismus eines Eric Prydz irgendwie noch entschuldbar wirkt.

Der erste Hit von Katy Perry, Startpunkt einer angesichts der popmusikalischen Leistung sicher diskutierenswerten aber immerhin beeindruckenden Karriere, ist „I Kissed A Girl“ – das war keine lesbische Grundsatz-Kampfansage an die heteronormative Gesellschaft, sondern eher im Bereich „Zärtliche Cousinen“ angesiedelt. Und es hat hervorragend funktioniert. Der größte Trick des Teufels aber ist immer noch, uns glauben zu machen, dass es ihn gar nicht mehr gäbe. Oder dass eine Lady Gaga wegen ein paar in jedem anderen Kontext absolut selbstverständlichen Statements zu Aussehen, Selbstbewusstsein oder sexueller Orientierung als Feminismus-Ikone anzusehen sei. Und wegen ihrer täglich wechselnden Designerkleider.

Reaktionärer Rollback

Der reaktionäre Rollback ist in vollem Gang. Popmusik, früher zumindest noch mit dem Anschein des Vorreiters des gesellschaftlichen Fortschritts versehen, gar gern als Soundtrack der – auch sexuellen – Revolution angesehen, hat es inzwischen geschafft, dass selbstverständlich geglaubte Standards der Emanzipation wieder in Frage stehen. Vor zwanzig Jahren war die unrasierte Achselhöhle von PJ Harvey auf dem Cover des NME ein Skandal, der eine umfassende Diskussion um körperliche Selbstbestimmtheit von Frauen auslöste. Eine Kontroverse, die sich angesichts bereitwillig entfernter weiblicher – bei Weitem nicht nur –Achselbehaarung heute ins Nichts verflüchtigt hat. Dass „Riot Grrrls“ mal allen Ernstes eine große Nummer im Musikbusiness waren, scheint heute kaum noch vorstellbar.

Ganz besonders widerlich ist natürlich die vorgebliche Toleranz gegenüber jenen, die sich partout den gesellschaftlich vorgegebenen Normativen entziehen. Eine Beth Ditto – zweifelsfrei eine hervorragende Künstlerin – wird ja nicht wegen ihrer musikalischen Leistungen durch die Manege der Prêt-à-porters und Boulevardmagazine gereicht, sondern als Freak, als bestaunenswerte Laune der Natur, als moderner Elefantenmensch. Außerhalb dieses Freak-Faktors muss das Abweichen vom Maß des Normativen heute extra begründet werden: als feministisches, künstlerisches, queeres Statement. Popmusik fällt damit weit hinter die in der westlichen Welt geltenden allgemeinen Wertvorstellungen zurück. Sechzig Jahre nach der „sexuellen Revolution“ ist sogar Nacktheit an sich wieder eine Provokation – die wiederum als genauestens kalkuliertes Marketingtool zur Erheischung von Aufmerksamkeit eingesetzt wird.

Von Lady Gaga, zum Beispiel, die damit ihr neues Album verkaufen will, verbrämt, klar, als „Kunst“. Als ob die konzeptionelle Performance einer Marina Abramović den durchschnittlichen „Little Monster“-Kunden auch nur die Bohne interessieren würde. Gut macht sich derlei Kunst-Nacktheit aber in den Rechtfertigungsstrategien der zunehmend besinnungslosen Berichterstattung. Musikjournalismus war immer williger Bestandteil des großen Gehirnwäscheapparats Popkultur. Inzwischen ist ihm allerdings das Korrektiv der kritischen Auseinandersetzung dramatisch abhanden gekommen.

Dass Nacktheit überhaupt wieder provokativ eingesetzt werden kann – jüngstes Beispiel ist Amanda Palmer, die sich auf der Bühne komplettentblößte, um auf einen von der englischen Boulevardpresse hochgejazzten Nippelblitzer auch nur irgendwie angemessen zu reagieren – ist ein erschütterndes Zeugnis der wiederherrschenden Prüderie. Und sogar dabei stellt sich die Frage: Ist Nacktheit in diesem Kontext, nämlich als willfährige Bedienung eines vorwiegend männlichen voyeuristischen Bedarfs, wirklich ein sinnvolles feministisches Instrument? Oder ein „ironisches“ Twerking-Video? Entscheidend ist immer noch die Systemfrage: Wie viele Bookerinnen, Plattenladenbesitzerinnen, Labelbetreiberinnen, Musikjournalistinnen gibt es wirklich? QED.

12:36 27.11.2013
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