Sex ohne Vorspiel

Musikleaks Auch die Musikbranche hat ihre Lecks im Internet: Es ist nicht ganz Piraterie, aber eine ganz eigene Note der Tondigitalisierung

Offiziell in den Laden gebrachte Popmusik war schon immer begleitet von Parallelveröffentlichungen im sehr weiten Graubereich zwischen kommerziellen Interessen und echtem Fantum. Bootlegs können einfach nur lieblose Zusammenstellungen bekannter Songs hart an der reinen Raubkopie sein, liebevoll erstellte inoffizielle Livemitschnitte oder ausgegrabene unveröffentlichte Studioraritäten, die einen zusätzlichen Blick auf die Arbeitsweise einer Band ermöglichen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie zu allen Zeiten eindeutig illegal waren, je nach Schmerzgrenze von Band, Management oder Plattenfirma hartnäckig verfolgt, oft aber auch mehr oder weniger zähneknirschend geduldet. Im Ausnahmefall – und meist bei Livemitschnitten – werden Bootlegs auch als geeigneter Kitt für die Fanbindung angesehen. Legendär sind immer noch die Mitschneidepulks bei Grateful Dead-Konzerten und der daraus folgende Tauschkult der entsprechenden Tapes. Hierzulande unterstützen beispielsweise die Ärzte eine Bootlegbörse, die Mitschnitte ihrer Konzerte kostenlos zum Download anbietet – um den kommerziellen Anbietern gleich das Wasser abzugraben. Nicht selten kokettieren Künstler auch mit der Anzahl der angebotenen Bootlegs, immerhin ein Ausweis der eigenen Bedeutung, oder legen irgendwann eigene „offizielle Bootlegs“ nach.

Bei „Leaks“ allerdings, wenn ein Song oder gar Album vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin hörbar wird, hört der Spaß auf. Nicht selten reagieren Musiker empfindlich auf diesen Kontrollverlust über das eigenen Werk. Ziemlich treffend als „Sex ohne Vorspiel“ empfand es die amerikanischen Rockband Les Savy Fav, als im Herbst auch ihr neues Album vorzeitig bekannt wurde. HipHop-Superstar Kanye West stoppte gar seine spektakuläre „Good Friday“-Free-Release-Serie, als unfertiges Material von ihm im Web auftauchte. Es ist die wohl widersprüchlichste Verbindung zwischen dem Künstler und seinen eingeschworenen Fans: Die zum Teil strategisch durchgeplanten Veröffentlichungsstrategien von Bands und deren Management- und Vertriebsapparat vertragen sich nur schlecht mit dem dringenden Bedürfnis, neue Musik so früh wie möglich kennen zu lernen. Je größer die Band, desto durchgeplanter ist der Veröffentlichungstakt von den ersten Infos zum neuen Werk, dem Radioday, der Videopremiere bis zum Erstverkaufstag. Flankiert wird das durch einen mitunter detailliert orchestrierten Maßnahmenkatalog für aufmerksamkeitsheischende Begleitaktionen und klassische Pressepromotion. Ein Leak bringt diesen aufwendigen Zeitplan ganz schnell ins Rutschen, gefährdet die gespannte Konzentration auf einen Termin und damit auch das Prinzip der möglichst großen Abverkäufe in der Release-Woche, die benötigt werden, um möglichst hoch in die jeweiligen Charts einzusteigen. Was immer noch das erste Erfolgskriterium einer Plattenfirma ist.

Der Leak allerdings ist heutzutage die Regel, zumindest bei halbwegs bekannten Künstlern. Eher kurios mutet es dabei an, wenn – wie bei U2s letztem Album „No Line On The Horizon“ ein Fußgänger vor Bonos Haus einige Songs per Handy mitschneiden konnte, weil sie zu laut auf dessen offenbar mächtiger Anlage abgespielt wurden. Überhaupt, U2 haben einiges Spektakuläres zu bieten in Sachen Leak: Dasselbe Album wurde dann versehentlich auch noch zwei Wochen zu früh in einem australischen Downloadshop der eigenen Plattenfirma angeboten – obwohl der Irrtum schleunigst korrigiert wurde, konnte sich fortan jeder das Album in den einschlägigen Tauschbörsen herunterladen. Schon 2004 – beim Vorgängeralbum – machte eine Demo-CD Furore, die bei einem Fotoshooting geklaut wurde. Wirklich wasserdicht kontrollieren lässt sich eine Veröffentlichung von der Produktion im Studio über das Presswerk bis zur Auslieferung im Plattenladen oder als Download in digitalen Zeiten kaum noch. Zu groß ist die Logistik drumherum, zu viele Personen und Stationen sind beteiligt, zu einfach ist der Vorgang des Kopierens und des Uploads auf zu viele praktisch unkontrollierbare Plattformen.

Dauersündenböcke für das Dilemma gibt es natürlich auch: Musikjournalisten stehen dabei in der Paranoia-Liste der Musikindustrie ganz oben. Die müssen naturgemäß vor dem eigentlichen Release ins neue Werk hineinhören, wenn sie pünktlich berichten sollen. Seit dem Anbeginn der Internetkultur leiden sie jedoch unter dem Generalverdacht, ihre Rezensionsexemplare prinzipiell lieber der Öffentlichkeit feilzubieten, als wohlwollend darüber zu schreiben. Kampfmittel dagegen sind Vorab-CDs mit verstümmelten Tracks, mit mehr oder weniger rüde über die Songs gelegten Overdubs, „watermarked“ – also personalisierte – Kopien, Kopierschutzmaßnahmen, die zum Teil weit über die eh schon gewohnte normale Kundendrangsalierei hinausgehen, oder gleich das Einbestellen zur gemeinsamen Hörsession. Gern in die Schusslinie genommen werden auch Blogs oder Fanforen, die so leichtsinnig oder trotzig sind, die Leaks zu verkünden oder gar direkt zu verlinken. Wer sich etwas Aufwand leisten mag, überschwemmt schließlich die Börsen mit unbrauchbaren Fake-Versionen, je nach Band können die sogar noch mit eigenem Humor aufwarten.

Geholfen hat all dies indes nicht und langsam gilt statt der Repression eher der flexible Weg als en vogue: Sobald ein Leak auftaucht, wird kurzerhand „offiziell“ veröffentlicht, mindestens schonmal als schnell verfügbarer Download. So kann der erste Aufregungsrush wenigstens zum Teil in Bares umgesetzt werden. Fast schon alltäglich ist es, ganze Alben gleich selbst frühzeitig im Stream zu präsentieren und darauf zu hoffen, dass es so nicht nur breitflächig bekannt gemacht wird, sondern sogar so gut gefällt, dass es im Anschluss sogar noch einen ganz regulären Kauf wert ist. Womit wir wieder beim Grunddilemma der Musikindustrie sind: Für Musik zu bezahlen, ist nur noch eine Frage des guten Willens. Der muss gehätschelt werden. Ein souveräner Umgang mit Leaks gehört inzwischen auch dazu.

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16:30 30.11.2010
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Ausgabe 41/2021

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