Shut Up And Play?

Ton & Text Jugendsünde, Unbedarftheit, Drogennebel – oder pure Ideologie. Wer will schon wirklich wissen, ob manche Popstars einfach nur dämlich oder wirklich Reaktionäre sind?
Shut Up And Play?
Der englische Rapper Plan B hier in unverfänglichem schwarzen Hemd
Foto: Mark Metcalfe/Getty Images

Okay, vielleicht schätzt man da etwas sehr falsch ein, weil man der Oper an sich eher fern steht und nur gelegentlich mal darauf aufmerksam wird, welch seltsam weltfremde Subkultur das traditionsreiche Genre inzwischen bildet. Evgeny Nikitin jedenfalls, so lässt man sich dann kompetent – zum Beispiel von der Süddeutschen Zeitung – informieren, sei „seit ein paar Jahren ein weltweit gefeierter Bassbariton“. Was man prompt glaubt, denn wie sonst käme er zur auch für Opern-Banausen doch einigermaßen beeindruckenden Ehre, den Holländer in Bayreuth zu geben? Dass Nikitin über und über mit Tätowierungen bedeckt ist, die sich auch den weniger einschlägig Vorgebildeten als – nennen wir es mal ganz vorsichtig – historisch belastet erschließen müssten, soll in diesen Jahren der Berühmtheit niemandem aufgefallen sein? Runen, ein so gar nicht versteckter Germanengott Odin am Unterarm, gar ein selbst bei aller Übertuschung immer noch deutlich ahnbares Hakenkreuz?

Das großflächige Hakenkreuz auf der Brust, es ist ein hoch ikonisches Statement der harten Naziskin-Szene. Popkulturell weitflächig bekannt wurde es durch den Schauspieler Edward Norton, der es im Film „American History X“ trägt, als Darsteller eines ultrabrutalen Rassisten, verurteilt wegen „Hate Crime“ und später auf hollywoodeske Weise zum tragischen Paulus gewandelt. Die Tätowierung also eine Art „Jugendsünde“, wie sie auch ein Nikitin anführt, der allerdings außer dem Hakenkreuz an sich immer noch sehr gern all die ganzen anderen Herrenmenschenkult-Insignien in Foto-Shootings präsentiert. Und deren Bedeutung weder er selbst, noch sonst jemand im Reich der Oper gekannt haben will. Wie gesagt, etwas weltfremd, das Opernwesen an sich und im – und wir formulieren auch das mal eher nachsichtig – zur diesbezüglichen Feinfühligkeit eigentlich verpflichteten Bayreuth.

Subkulturelle Ahnungslosigkeit

Nachsicht statt Häme scheint denn auch angebracht, zumindest aus popmusikalischer Sicht. Denn die – im besten Fall – Blödheit ist auch unter bekannten Popmusikern nicht unbedingt zum Aussterben verurteilt. Das hat soeben der englische Sänger Plan B bewiesen. „The Last Protest Singer“ nennt ihn das Magazin ShortList auf dem in einer Auflage von einer halben Million verbreiteten Coverbild, inszeniert hat sich Plan B dort als zornig dreinschauender Hooligan-Rebell mit Pyro in der Hand und – ausgerechnet – einem T-Shirt der Band Skrewdriver. Jener Band also, die bis heute als Inkarnation der Naziskin-Szene gilt, am ganz rechten Rand seit dem Unfalltod von Mastermind und Sänger Ian Stuart 1993 ungebrochen umkultet, vor allem auch, weil der zu den Mitbegründern des Neonazi-Netzwerks „Blood & Honour“ zählt – mit Skrewdriver-Security und Kumpel Nicky Crane, der auf dem Shirt abgebildet ist.

Davon hätte er überhaupt keine Ahnung gehabt, entschuldigte sich Plan B denn auch prompt, ihn hätten einfach nur die Bilder des Fotografen Gavin Watson fasziniert, eines Chronisten der englischen Skinhead-Szene, die – und das muss natürlich immer mal wieder angemerkt werden – tatsächlich nur zu Teilen als radikal rechts gelten kann. Entbindet das Nichtwissen um die problematischeren Tiefen der – wie doch eigentlich von ihm behauptet: geschätzten – Subkultur von der Verpflichtung, wenigstens zu bemerken, was man auf dem T-Shirt trägt? Immerhin, sogar Billy Bragg, der große linke, jedes Revisionismus unverdächtige englische Barde, hat die Entschuldigung akzeptiert.

Dass man im Popgeschäft mit unverhohlen rechtsradikalen Positionen heutzutage nicht wirklich mehrheitsfähig werden kann, zählt sogar bei den Fans und Machern des Rechtsrock zu den Binsenweisheiten. Hierzulande beobachten lässt sich das an der Rezeption der Böhsen Onkelz und den als deren Nachfolgern gehandelten Frei.Wild. Deren tägliches Geschäft war und ist die Distanzierung von allen „Extremisten, rechts wie links“, begleitet vom augenzwinkernden Verständnis der Szene, man wisse ja, wie das gemeint sei. Für Unbedarftere wirksam bleibt dabei die offiziell geltende Übereinkunft, ein bisschen Patriotismus und Stolz auf sein Land sei ja wohl in Ordnung.

Rock = links = Legende

Das zumindest ist ein alter Hut, den zum Beispiel Eric Clapton schon 1976 in den Ring warf. England dürfe keine „schwarze Kolonie“ werden gab er – volltrunken, so hieß es später – auf einem Konzert zum Besten, äußerte auch gleich seine Sympathie für den politischen Rechtsausleger Enoch Powell – heute noch in Großbritannien für seine fremdenfeindliche „Rivers Of Blood“-Rede bekannt – und skandierte dann „Keep Britain white!“. Das wiederum war ein damaliger Slogan der englischen rechtsradikalen „National Front“. Praktisch gleichzeitig ließ sich David Bowie im Playboy mit „Adolf Hitler war einer der ersten Rockstars“ zitieren und schob gleich nach: „Ich glaube an Faschismus. … Es braucht eine extrem rechte Front, um alles hinwegzufegen und wieder aufzurichten.“ Er sei zum Zeitpunkt des Interviews schwer auf Drogen gewesen, erklärte er später. Im Gegensatz zu Clapton, der die Ernsthaftigkeit seiner Äußerungen auch später nie in Frage stellte, allerdings die spektakuläre öffentliche Geste tunlichst unterließ.

Dass Rockmusiker irgendwie automatisch „links“ stehen müssten, war also schon immer eher stilbildende Legende. Einzelfälle sind solche ideologischen Rechtspositionen nämlich nicht. Schon lange bekannt ist, dass Johnny Ramone sich gern als erzkonservativen Kommunistenfresser sah. Nicht schlecht gestaunt haben viele Velvet Underground-Fans, als vor einiger Zeit eine ältere Dame in TV-Beiträgen über die gerade erstarkende amerikanische Tea Party-Bewegung gegen Liberale hetzte. Die entpuppte sich nämlich als Moe Tucker, Drummerin der Avantgarde-Band. Und dass auch ein Noel Gallagher nicht eben zu den hellsten Lampen am geistigen Firmament des humanen Fortschritts zählt, wurde erst kürzlich im Interview mit der Berliner Zeitung wieder deutlich: „Ich würde mehr Polizisten auf die Straße schicken, Gefängnisstrafen verschärfen und die Todesstrafe zurückbringen. Bei vorsätzlichem Mord gibt es dann keine Fragen mehr: Wenn du zweimal von einer Jury verurteilt wurdest und es keine Zweifel an deiner Schuld gibt, landest du auf dem Stuhl.“ Sogar für die bekannte Genre-systemimmanente Bildungsferne erstaunlich war, was HipHopper Snoop Dogg anlässlich der Obama-Wahl anzumerken hatte: der KuKluxKlan hätte seinen Wahlkampf mitfanziert und als Schwarzer hätte man sich bei den Juden abschauen sollen, wie man sein Geld „in the family“ hält. Da wirkt ein bisschen Koketterie mit der deutschen Fahne wie bei den – auch nicht gerade als intellektuell verschrienen – Berliner Hipsterpoppern MIA vor ein paar Jahren immerhin noch vergleichsweise unbedeutend. 

„Shut up and play!“, möchte man fast sagen, haltet einfach die Fresse und macht lieber einfach nur Musik – bloß nicht in Bayreuth, versteht sich. Auch wenn man sich manchmal eher „auf die Fresse“ wünschte.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit motor.de entstanden.

12:08 24.07.2012
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