The Economy, Stupid

Ton & Text Déjà-vu: massive Profiterwartungen und kaltschnäuzige Reißbrettplanung – die deutsche Festivallandschaft dient als exzessiv ausgenutzte Melkkuh für Risiko-Investoren

Dafür, dass es tendenziell bergab geht mit Popmusik, gibt es ein untrügliches Symptom: die Wirtschaftsredaktionen berichten. Sie schauen dorthin, woran der gemeine Musikinteressierte normalerweise eher uninteressiert ist, nämlich auf das Geschäft mit Musik und vor allem darauf, wer das macht. Allerdings erst, wenn eine kritische Größe erreicht ist, die ein solches Maß an Aufmerksamkeit auch verdient. Wenn also viel Geld im Spiel ist, wenn Umsätze überdurchschnittlich wachsen, wenn es Aktienkurse zu vermelden gibt, Fusionen, Übernahmen. Wenn also „Investoren“ ein Geschäftsfeld entdecken, das bessere Rendite verspricht als andere. Derzeit schwer angesagt bei Wirtschaftswoche und Co.: das Live-Geschäft.

Konzerte sind bekanntermaßen der Boom-Bereich der Musikwirtschaft, genau genommen, der einzige, der überhaupt noch so etwas wie Gewinnerwartungen bereithält – und zwar offensichtlich ganz außerordentliche, schließlich gäbe es sonst all die Meldungen nicht, wer gerade wen geschluckt hat oder welche Firmenkonstrukte sich gerade vor Gericht um Verträge streiten. Wo das hinführt – nämlich zum großen Katzenjammer bei allen, die mit Musik etwas anderes verbinden als geschäftliches Interesse – hat die Wirtschaftsgeschichte unlängst schon aufgezeigt. Am Anfang der großen Krise der Musikindustrie stand nämlich ihre Rendite-Attraktivität. Begründet war die auf dem Erfolg der Compact Disc, die der Branche erlaubte, ihr Produkt zu geringeren Kosten und mit weitaus höherer Gewinnmarge an den Kunden zu bringen. Und das oft sogar zum zweiten Mal, weil die Vinylplatte gegenüber der CD auch gleich noch zum Auslaufmodell erklärt wurde.

Die Erlöse waren enorm. Plattenfirmen, die in der gesamtwirtschaftlichen Bilanz kaum eine Rolle spielten, gaben plötzlich eine willkommene Investitionsnische ab. In der Folge wurden sie als Kapitalgesellschaften geführt, die nicht dem Gründungsmythos der langfristigen künstlerischen Entwicklung verpflichtet waren, sondern einem Quartalsbericht, der überdurchschnittliche Gewinne vermelden musste. Gewinne, die sich wiederum durch Optimierung, Umstrukturierung, Verschlankung noch steigern ließen, was am eigentlichen Kapital der Firmen, dem mit Kompetenz und Glück gleichermaßen zusammengestellten Artist Roster, dramatischen Raubbau betrieb. Dazu gesellte sich die komplette Ignoranz der Tatsache, dass die cash cow CD im Handumdrehen das eigentliche Auslaufmodell war, eine Übergangslösung der Musiktechnologie im selbst eröffneten digitalen Zeitalter. Auf kurze zehn Jahre Hausse folgte eine bis heute nicht überwundene Baisse. Stand der Dinge: Heute bestimmen Technologie- und Investmentfirmen die radikal entwertete Popmusik.

Wer sich die Entwicklung im Live-Geschäft anschaut, kommt um ein Déjà-vu nicht herum. Die hemmungslos kultivierte Mär vom „nicht downloadbaren Konzerterlebnis“ scheint ungebrochen Erfolg zu haben. Das schon immer zweifelhafte Authentizitätsversprechen der Popmusik kann hier noch ohne größeren Widerspruch behauptet werden, ungeachtet der Tatsache, dass gerade die großen Touren und Festivals zunehmend zu einer potemkinschen Simulation dessen werden, was Konzerte eigentlich ausmachen, zu einer Ansammlung von Kitsch und Klischees, zugeschneidert auf die kulturellen Ansprüche und Erfahrungen eines Massenpublikums. Dessen vermutete immer noch wachsende Bereitschaft zu immer noch höheren Preisen und immer noch mehr „Festivalevents“ sorgt für inzwischen sogar vom Kartellamt nicht mehr zu übersehende Monopolisierungsbestrebungen im Wertschöpfungsgefüge von Agenturen, Ticketing und Locations sowie einen ungebrochenen Investitionsschub. Auslöser ist der erwartete Profit. Da wird das Kapital schnell (um mal zu einer Marx-Fußnote zu greifen) lebhaft bis waghalsig und lässt die inzwischen auch bekannten Bedenken wegen des vergleichsweise hohen Risikos ignorieren – zumindest, bis es dann eben doch mal daneben geht.

Bestes Beispiel ist die Posse um das selbst für Musikbranchenverhältnisse extrem kaltschnäuzig projektierte Grüne Hölle-Festival. Wir erinnern uns, das etablierte Rock am Ring musste vom Nürburgring abziehen, weil sich dessen Betreiber in einer Zusammenarbeit mit der auf Expansionskurs in Richtung Festivals befindlichen börsennotierten Deag noch mehr Gewinn als ohnehin schon versprachen. Allerdings ging das für alle Beteiligten voll nach hinten los, jetzt ist die Grüne Hölle praktisch über Nacht nach Gelsenkirchen geflüchtet, heißt Rock im Revier und dürfte nach menschlichem Ermessen weit weg von einem Plus in der Bilanz agieren, ebenso wie die parallelen Schwesterfestivals in München und Wien, deren Vorverkaufserlöse – das lässt sich anhand der Verkaufspolitik ganz gut prognostizieren – desaströs ausfallen dürften.

Dass die absehbare Pleite kein Einzelphänomen ist, haben die letzten Jahre schon gezeigt. Etliche halbgar geplante Festivals wurden zu Flops oder wurden gar schon im Vorfeld gecancelt. Sogar Rock-am-Ring-Mogul Marek Lieberbergs Schwergewichts-Neugründung Rock’n’Heim hat sich im dritten Jahr auf einen einzigen Tag zurechtschrumpfen müssen. Die besten Zeiten scheinen absehbar vorbei, die – bleiben wir mal im BWL-Slang – Konsolidierung der Branche ist in vollem Gang. Die Schäden der exzessiven Ausbeutung der künstlerischen und Ticketkäufer-Ressourcen lassen sich jedoch nicht ohne weiteres beheben. Gerade im deutschen Raum ist das Niveau der Festivalszene auf Jahre hinaus schwer beschädigt. Schon jetzt sehen die Headliner-Plakatzeilen aller großen Festivals wie eine Neuauflage der gleichen Veranstaltungen vor zwanzig Jahren aus. Wer jetzt noch im großen Maßstab veranstaltet, muss noch mehr Zugeständnisse an den Massengeschmack machen, um profitabel arbeiten zu können. Gleichzeitig sickern die Erwartungen des Mainstream-Publikums an „Eventcharakter“ und kommerzielle Ausrichtung von Festivals nach unten durch, machen alternative Konzepte wie die Fusion zu einer immer schwieriger zu bewältigenden Gratwanderung zwischen Massenansturm und veranstalterischem Eigenanspruch. Dass mit dem Erfolg eines eigentlich guten Konzepts die bisherigen Stammbesucher durch die notwendig gewordene Vorverkaufs-Prozedur teilweise herausgedrängt werden, ist schon lange kein Alleinstellungsmerkmal der Fusion mehr. Alles in allem: keine guten Aussichten. 

11:58 19.05.2015
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