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Ton & Text Irgendwo zwischen "Musik ist wichtig" und "Tod der Großraumdisco!" – bei der GEMA sind gerade Aktionswochen angesagt

„Für mich spielt Musik wirklich eine große Rolle“, sagt eine gewisse Elinor Jagodnik und man wundert sich eigentlich ein bisschen, warum sie das als Tänzerin betonen muss, schließlich ist es schwer vorstellbar, dieser Tätigkeit ohne Musik nachzugehen. Aber irgendwas mit Musik muss man ja sagen, wenn man in der neuen GEMA-Kampagne auftaucht. Als Beispiel für Menschen, denen Musik etwas wert ist. „Mit gezielten Image-Maßnahmen schärft die GEMA ab Mitte April das Bewusstsein für musikalische Kreativität in Deutschland." So heißt es ganz offiziell. Dass sich die Kreativität der Kampagne – weitere Motive: Chor in der Kirche, ältere Dame in der Küche, DFB-Fanblock beim Gruppengesang, Tatortgucker-Familiensofaidylle – ungefähr dem Originalitätslevel der verwendeten Musik annähert … nun ja. Ob ausgerechnet ein Schlager-Bert wie Jack White als in der Urheberrechts-Debatte zukunftsfähiges Beispiel für „Musik ist uns was wert“ taugt, darf man jedoch nicht nur als beinharter Schulhof-Pirat bezweifeln. Immerhin, so könnte man jetzt noch schelmisch anmerken, geschieht die Ausschüttung der auch für diese Kampagne gezahlten GEMA-Abgaben an Jack White diesmal mit einiger Berechtigung, also nicht nur aufgrund des mannigfach kritisierten und scheinbar für die Ewigkeit geltenden Vergütungsschlüssel, der Urheber mit Massentauglichkeit wie eben Jack White drastisch bevorzugt – was diese für sich selbst denn auch mit schöner Regelmäßigkeit so beschließen.

Wie auch immer: Dass die GEMA ein mordsmäßiges Image-Problem hat, weiß sie selbst ziemlich genau. Nicht umsonst hat sie letztlich ihr Öffentlichkeits-Team aufgestockt, gibt sich auf ihrer „GEMA Dialog“-Facebookseite zumindest nach GEMA-Maßstäben gesprächsbereit – diesen Account zu betreuen, ist ein Job, der außerordentliche Toleranz und Ausdauer verlangt und für den man sogar GEMA-Mitarbeiter fast bedauern muss – und schickt ihre Mitarbeiter gar systematisch in den erfahrungsgemäß gerade gegen die GEMA sehr verbissen geführten Grabenkampf der Kommentarspalten von Online-Artikeln zum Thema. Und da haben sie gerade mal wieder alle Hände voll zu tun.

Seit Jahr und Tag gilt die GEMA als prinzipiell nicht gern gesehener Zwangspartner bei jedweder Musikverwendung, als die Organisation, die immer die Hand aufhält, wenn irgendwo Musik spielt: bei „Vorführungen von Narrenvereinigungen“ ebenso wie „Erotikfilmvorführungen in Videoeinzelkabinen“ oder „Bildtonträger-Nutzung zum Beispiel in Arztpraxen“. Das Tarifsystem der GEMA ist ob seiner Artenvielfalt und Dschungelhaftigkeit einigermaßen legendär. Dort aufzuräumen, transparentere Tarife zu schaffen und den realen Bedürfnissen der Musiknutzer entgegenzukommen, ist eine der immer wieder erhobenen Forderungen. Dass das prinzipiell auch geht, zeigt die Reformierung der Tarife für Livemusik, die seit letztem Jahr für etliche Konzertveranstalter tatsächlich mehr Übersicht und oft genug auch günstigere – weil an den wirklichen Einnahmen orientierte – Konditionen bedeuten. Nicht so gut kommt jetzt die Neuregelung der, vereinfacht formuliert, Discotheken-Tarife an, die ab 2013 gelten sollen. Knapp 30.000 Unterstützer hat eine viel weitergepostete Online-Petition schon eingesammelt, die gegen die Einführung der zwei – statt bisher elf – neuen Tarife protestiert. (Wobei man von der GEMA sicher auch schönes Wetter fordern und ähnliche Teilnehmerzahlen erreichen könnte.)

Indie-Argument

Diesmal geht es tatsächlich um ziemlich viel Geld. „Erhöhungen von zum Teil mehreren hundert bis zu über tausend Prozent“ hat die DEHOGA, der Dachverband der Hotel- und Gaststättenbetreiber, ausgerechnet und damit nicht ganz Unrecht. Das ist auch der Wille der GEMA: kleinere Veranstalter könnten mit den neuen Tarifen ganz gut oder sogar besser leben. Die großen – so sieht das die GEMA – hätten halt bisher einfach zu wenig bezahlt, es ginge hier vor allem um Gerechtigkeit. Zehn Prozent der Einnahmen peilt sie als Gebühr an. Man kann diesen Streit denn auch ganz pragmatisch sehen: Hier gehts nicht um die hehre Kultur oder das Clubleben einer Kulturszene, es streiten sich Gastronomie-Unternehmer mit Rechteinhabern über Kosten. Mehreinnahmen kommen den Künstlern zugute. Natürlich wiederum jenen, die eh am meisten vom Kuchen abbekommen – was aber diesmal ja auch die sind, die in dieser Liga vermutlich tatsächlich anteilig öfter gespielt werden. Das „Mein GEMA-Geld bekommt eh Dieter Bohlen“-Indie-Argument zieht hier also nicht wirklich. (Ob es prinzipiell zu begrüßen ist, dass ausgerechnet die GEMA nun der „Dissen“-Party-Kultur auf die Pelle rückt, wäre indes noch eine Diskussion wert.) Das letzte Wort ist ohnehin noch nicht gesprochen, erstmal gehts vor die Schiedsstelle des zuständigen Patent- und Markenamtes.

Zumindest vorerst entschieden werden soll diese Woche noch ein epischer Streit: der zwischen der GEMA und YouTube. Das Landgericht Hamburg hat ein Urteil darüber angekündigt, ob YouTube – auch das ist etwas vereinfacht dargestellt – wirklich verpflichtet ist, alle zwölf von der GEMA benannten Musikstücke absolut unzugänglich zu machen – praktisch also jeden Upload vor Freischaltung auf urheberrechtliche Relevanz zu prüfen. Würde das verbindlich, hätte es dramatische Folgen für YouTube und sein in Urheberrechtsangelegenheiten bekanntermaßen eher Laissez-faire-Geschäftsmodell. Hintergründig geht es natürlich auch hier vor allem um Geld, Zähl- und Zahlungsmodalitäten. Ob das erwartete Urteil die leidigen Sperrungen beseitigen wird, darf bezweifelt werden. Eine Niederlage wird wohl keine der Parteien einfach so schlucken. Womit wir wieder bei der aktuellen Kampagne der GEMA sind: „Ohne Musik fänd ich’s furchtbar“, sagt die ältere Dame mit der Vorliebe fürs Küchenradio. Das kann man mal so stehen lassen.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit entstandenmotor.de



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17:30 17.04.2012
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