Wir müssen hier raus

Ton & Text Transzendenz auf dem Prüfstand: die neue testcard untersucht die Grenzüberschreitung aus der Realität mit den Mitteln der Poptheorie
Wir müssen hier raus

Bild testcard

Das muss man sich ja auch erstmal trauen: ausgerechnet die Transzendenz unters Mikroskop zu legen. Etwas, das sich per Selbstverständnis der sachlichen Analyse – dem Materiellen an sich – eigentlich zu entziehen versucht. Und trotzdem verblüffend verwurzelt ist im Diesseits; gerade in den konsequenteren Versuchen erstaunlich abhängig von Technologie und Wissenschaft, obendrein nur mit strenger Disziplin oder möglichst genau geplantem Versuchsaufbau zu erreichen. Ausgerechnet LSD, die Transzendenz-Droge schlechthin, ist in allen Etappen von der Erfindung bis zum Endkonsumenten ein wundervolles Beispiel dafür. Nachlesen kann man das in der aktuellen Ausgabe der Schriftreihe.

Es steht schlecht um den Popdiskurs, zumindest hierzulande. Seit die Spex die intellektuelle Lufthoheit der Vorzeit für ein paar Titelbilder von Tocotronic oder Casper verkauft hat, ist die kritische Beobachtung und Analyse abgewandert ins prinzipiell eher bildungsbürgerlich geprägte Großfeuilleton. Ein Popkultur-„Diskurs“ im Sinne systematisch betriebenen Themen-Settings beschränkt sich so naturgemäß auf die eher tagesrelevanten Themen, obendrein eingezwängt in die spärlichen Artikelformate, die Zeitungen für derlei bereitstellen. Nicht, dass es Mehrheiten gäbe, die das irgendwie stört. Die ernsthafte Betrachtung von Popkultur außerhalb kulturwissenschaftlicher Studiengänge hat sich in die Nische verzogen. Das Leitmedium dort heißt testcard. Seit knapp zwanzig Jahren untersucht der Almanach der Poptheorie Themenfelder, die auf den ersten Blick nicht unbedingt an der vordersten Front von Dringlichkeit zu verorten sind. So, wie das aktuelle Thema, dass denn doch – diese testcard beweist das eindrucksvoll – dem Zeitgeist verblüffend nahe kommt. Das beginnt bei der Begriffsdefinition, entzieht sich „Transzendenz“ doch einer Eingrenzung, gibt sich verwischt unscharf und kaum konkret greifbar, so wie der Sound der derzeit hoch gehandelten Vaporwave-Musiker, die das Schleierhafte, das Vernebelte ebenso zum Inhalt ihrer Musik gemacht haben wie die permanente musikalische Reflexion der Entfremdung.

Natürlich geht es in testcard viel um Musik, in dieser Ausgabe gipfelt das in der ellenlangen und durchaus lehrreichen „Großen Transzendenz-Diskografie“, die zwischen Musique Concrete und Acidrock kaum Lücken offen lässt, nicht mal die von „Therapeutischer Funktionsmusik“. Und selbstverständlich drängen sich einige Themen auf: allen voran der Afrofuturismus eines Sun Ra, dessen „Space Is The Place“-Verständnis die allgemein geltenden Wirklichkeitsregeln einfach ignorierte. Oder Krautrock, jener schon musikalisch kaum eingrenzbare und bis heute faszinierend kompromisslose deutsche Beitrag zur internationalen Popkultur. Und eben die aktuellen „Hauntology“-Apologeten, die soundliche Unschärfe und akustische Körnigkeit als stilbildendes musikalisches Element nutzen. Bei Burial ist es das Knistern und Rauschen des Plattenvinyls, das als zentrales Moment wirkt, bei Internet Club sind es die Reverbfilter und bewusst fehlerhafte Loops. Ein James Blake hat sich mit dieser Herangehensweise zum neuen Superstar gemacht – bevor er mit seinem zweiten Album den Schritt zurück machte und sich auf die zum Teil nervtötend jaulende Sinnsuche begab.

Allen diesen Künstlern eigen ist die souveräne Verletzung der herkömmlichen Zeit-Konventionen, der Widerstand gegen die Einengung durch Längen, Takte oder Tempi. Als „Nicht-Zeit“ definiert der (derzeit recht angesagte) britische Autor und Kulturtheoretiker Mark Fisher den sich wandelnden Zeitbegriff und reflektiert über das Verschwinden von Erinnerungskultur – ausgelöst ausgerechnet vom jetzt permanent möglichen Zugriff auf das Gestern und die Diskrepanz zwischen ständigem technologischem Fortschritt und dem Entwicklungs-Stillstand der damit vermittelten Kultur. Die Auflösung der Zeit, das Herstellen einer anderen Wahrnehmung generell, sind klassisches Handwerkszeug des Transzendenzstrebens – per mühsam anzueignender Meditation oder eben mit den Mitteln der Technologie: LSD ist eine bestens erforschte synthetische Droge, die die „Pforten der Wahrnehmung“ – also das andersartige synästhetische Empfinden – problemlos durchschreiten lässt. Dass ausgerechnet LSD-Propheten wie Timothy Leary dessen Konsum an vergleichsweise strenge Regeln knüpfen wollten, ist ein bemerkenswerter Haken an ihrer Transzendenz-Offensive.

Dass der Erkenntnisgewinn nicht ohne Anstrengung zu erlangen ist, macht einem allerdings auch testcard an sich immer mal wieder klar. Der immer noch gängige Vorwurf, die Poptheorie hätte neben Adorno und Benjamin vor allem die Unlesbarkeit als Grundlage, lässt sich auch in dieser Ausgabe nicht gänzlich von der Hand weisen. Schon der große Opener-Artikel geht dabei mit schier unendlichen Schachtelsatzkonstruktionen und einer fast schon hämischen Rezeptions-Ignoranz in die Vollen. Auch das große Ganze droht ein wenig aus dem Blick zu geraten, vor allem, weil Popmusik hier vor allem als Gegenentwurf zur Transzendenz denunziert wird, als Kunstform, die sich im materiellen Diesseits bescheidet. Dabei ist Transzendenz doch so etwas wie eine Geschäftsgrundlage von Popmusik, seit Robert Johnson für seinen Erfolg den Teufel bemühte. Was kann es transzendenteres geben als den Tausch von Ruhm gegen Seele? Als das Überschreiten von Grenzen der vorgegebenen Realität, das Außerkraftsetzen der Regeln, die ein irdisches Leben so langweilig und mühsam machen: kein Mädchen herumkriegen zu können, nicht reich und berühmt zu sein, nicht als Gott angesehen zu werden. Es ist das große Ur-Versprechen der Popmusik, all das auszuhebeln mit einem Plattenvertrag – oder heutzutage vielleicht eher mit ein paar Millionen YouTube-Klicks.

Das kann man sicher auch anders sehen. Aber wenigstens hat man überhaupt mal drüber geredet. Beziehungsweise gelesen. Dafür gibt es testcard, so etwas wie den letzten Mohikaner des deutschen Popdiskurs.

testcard #23: Transzendenz
Beiträge zur Popgeschichte
Ventil Verlag, 304 Seiten, 15,00 €
ISBN 978-3-931555-22-1

16:40 23.10.2013
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