Wir trinken zusammen, nicht allein

Ton & Text Marcus Wiebuschs „Der Tag wird kommen“ ist das aktuelle Beispiel für das ästhetische Händchenhalten der Generation Indie. Die Popmusik braucht aber keinen Konsens
Wir trinken zusammen, nicht allein
Marcus Wiebusch: So etwas wie der Peter Maffay der inzwischen erwachsenen Indie-Generation
Foto: Andreas Hornoff

„Ja, Marcus“, möchte man rufen, „du hast ja Recht: Homophobie ist dumm, scheiße, gestrig. Aber …“

So ein „aber“ verheißt natürlich nichts Gutes, und wir machen es hier mal kurz und bündig: Marcus Wiebuschs eben erst massenhaft begeistert durch die sozialen Netzwerke gereichter neuer Song „Der Tag wird kommen“ ist – und wir formulieren hier ganz ausdrücklich dezent – grauenhaft schlecht. Er ist (wir befinden uns immer noch im Bereich der Zusammenfassung) dröge, vorhersehbar, billig, populistisch und hat nicht mal eine gute Hookline. Es ist ein Song, der niemanden davon überzeugen wird, dass Popmusik die Welt ändern kann oder – und das ist das Schlimmste daran – dass die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden könnten. Es ist, schließlich, ein Song, den man vor 30 Jahren umstandslos den Bots zugeschrieben hätte, jener schunkelseligen Agitfolk-Kapelle, die bis heute in der Fußball-Bundesliga eine gewisse Relevanz besitzt. Bei Hoffenheim allerdings, was einen ausgemachten St. Paulianer wie Wiebusch fuchsen müsste. Dort ist „Sieben Tage lang“ die Torhymne, wegen der allein man sich schon wünschte, dass die SAP-Werbetruppe nie wieder treffen möge.

Fußball ist hier deshalb wichtig, weil es im Song darum geht, weil Wiebusch ganz explizit auf dessen ungebrochene Homophobie zielt, sich den Tag des ersten Outings eines aktiven Profifußballers als großen Freudentag vorstellt, an dem man sich um den Hals fallen und – nun ja – trinken müsste. Das ist natürlich schon im Detail anmäkelbar, weil es weiß Gott ein lösbares Problem ist, sich verstellen zu müssen, um in diesem urkapitalistischen Subsystem Fußball Karriere machen zu können; nämlich mit einer moralisch rigideren Haltung und der „Entweder-Oder“-Frage. Vielleicht auf Kosten der Karriere halt. So what? Nicht schön, klar, also verdammenswert, reaktionär, hinterwäldlerisch. Aber so verrottet und verkommen ist Fußball nun mal und zwar in nahezu allen politischen und moralischen Kategorien, nicht nur in Fragen der sexuellen Orientierung. Geht einfach nicht mehr hin, schaltet nicht mehr ein, macht nicht mehr mit, dann wäre der Spuk schnell vorbei.

Bemerkenswert, und zwar eben nicht positiv, ist „Der Tag wird kommen“ aber vor allem wegen seiner bestürzenden Klarheit in Pop-ästhetischen Fragen: Er steht im Popkultur-Kontext ganz klar auf der Seite der Etablierten, der Konsensrocker, der Langweiler. Das ist immer die falsche Seite. Man kann das rein textlich fassen: Wo ist der Unterschied zwischen „Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern … Ein Tag, als hätte man gewonnen, dieser Tag wird kommen.“ und „Wenn das so ist, bleibt nichts mehr übrig, nur verzweifelt überleben. Wenn das so ist, können wir aufhören von Hoffnung zu erzählen. Wenn das so ist, wächst Beton in unseren Herzen“? Das zweite ist der Titelsong zu Peter Maffays eben erschienenem Album. (Dass auch Maffay ein sozial engagierter Mensch ist, bestreitet niemand. Er hat gerade einen Echo für „soziales Engagement“ erhalten; bei einer Veranstaltung, übrigens, die kein Problem damit hat, im selben Zug einer berüchtigten rechtsoffenen Band wie Frei.Wild einen Persilschein auszustellen.)

Marcus Wiebusch ist inzwischen so etwas wie der Peter Maffay der inzwischen erwachsenen Indie-Generation. Nur, dass er sich seine Meriten im Hardcore verdient hat, statt im Schlager. Macht es das besser? Nein, schlimmer. Er ist jetzt jemand, der irgendwie okay ist und dessen Musik man irgendwie hören kann, wenn man erwachsen ist und keine besonderen Ansprüche hat, außer dass man irgendwie einverstanden ist und dass es nicht weh tut. Es ist kein Wunder, dass die Kids dieser Generation sich mit Grausen abwenden. Und natürlich haben sie Recht damit; das Formulieren von hehren Plattitüden ist ebenso wenig aufregend wie das Ausbreiten von Selbstverständlichkeiten – und hier ist es nicht mal sexy, wild, glitzernd, verheißungsvoll, gefährlich. Sondern Konsens, der eh nur die erreicht, die ihm schon zustimmen. Inbegriffen ist die Vorab-Kritikabwehrstrategie: „Gleich kommen die Meckerer!“ heißt das dann auf Facebook, wohl wissend, dass es die „Vaterlandsverräter“ geben wird, die das halt einfach scheiße finden, weil sie nicht akzeptieren wollen, dass es das schon gewesen ist mit Rock’n’Roll; mit der Rebellion, mit dem Dagegensein, mit dem Widerstand um jeden Preis. Die nicht einverstanden sind mit den kleinen Siegen, dem Weg durch die Instanzen – oder mit schlechter Musik.

Es ist das grundsätzliche Problem der westlichen und vor allem deutschen Popmusik, dass sie bis jetzt nicht damit umgehen kann, dass ihr die Möglichkeit der bedingungslosen Rebellion abhanden gekommen ist, schlicht, weil die prinzipiellen humanistischen Werte im Prinzip durchgesetzt scheinen. Nur, dass das System im Großen und Ganzen halt trotzdem noch besteht und immer noch genauso verbrecherisch eigennützig agiert, wie man es damals im Staatsbürgerkunde-Unterricht nicht glauben wollte. Ein bisschen Progressivität ist dabei schon eingerechnet, das verbessert die Effektivität und beseitigt Reibungsverluste, wo es bisher noch Defizite gibt. Zum Beispiel im Fußball, der so ganz offensichtlich an allen sonst geltenden ethischen Maßstäben vorbei agiert, dass er prima zum Ersatzkampfplatz taugt. Auf der Strecke bleibt das Identifikationspotenzial für all jene, welche sich irgendwie abgrenzen wollen von ihren Eltern, die alles verstehen und die – anders als alle Elterngenerationen vor ihnen – so verdammt auf der richtigen Seite zu stehen scheinen.

Eine Falle ist das, der man als Popmusiker kaum entgehen kann, jedenfalls, solange man mehrheitsfähig – man könnte auch formulieren: mainstreamtauglich – bleiben will. Wie Ausweichstrategien unter Bedingungen staatlicher Repression funktionieren, in denen politisch kritische Direktheit bestenfalls die Karriere, schlimmstenfalls das Leben in Freiheit beenden konnte, lässt sich schön im klassischen DDR-Ostrock begutachten. Der verlegte sich auf das Blümerante, das Ungefähre und verlangte ein komplexes, wohlwollendes Zwischendenzeilenlesen und einen entsprechenden Erfahrungshintergrund seiner Hörer, um überhaupt als rebellisch interpretiert werden zu können. In der freiheitlicheren Grundordnung ist es umfassende Ironie, die als Exit-Strategie herhalten muss oder – Tocotronic haben beides perfektioniert – die sinnentleerte Sloganhaftigkeit. Gegen den ja in der Tat existierenden reaktionären Rollback hilft beides ebenso wenig wie sturzbetroffene Agitation. Eine aktuelle Sprache der Rebellion muss die deutsche Popmusik erst wieder finden. Und zwar möglichst schnell, bevor die Bedeutungslosigkeit unumkehrbar wird.

Und Marcus Wiebusch? Der ist die immer willkommene Bestätigung des eigenen guten Gewissens. Man kann sich dann besser fühlen als die „Dümmsten der Dummen“ (Wiebusch) und einen drauf trinken: „Es wird genug für alle sein, wir trinken zusammen, roll das Fass mal rein, wir trinken zusammen, nicht allein.“ Man möchte nicht dazu gehören. 

11:22 02.04.2014
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