Wie die Linke gesprächsfähig wurde

30 Jahre Taz Die Gründer der "Taz" hatten Großes vor: Eine Gegenöffentlichkeit schaffen und Basisdemokratie auch in der Redaktion zu etablieren. Nun ist die "Taz" selber etabliert

Eine Zeitung machen. Beweisen, dass das möglich ist. Ein paar Wochen durchhalten: Es waren bescheidene Ziele, mit denen all die Spontis, Hausbesetzer, Ökos, AKW-Gegner, Frauen-, Schwulen- und Friedensbewegte ihr „Projekt“ begannen. Und doch hatten sie Großes vor. Sie wollten nicht nur die Zeitung neu erfinden, sondern auch das Zusammenarbeiten und -leben. „Projekt“ bedeutete: Basisdemokratie, Eigenverantwortlichkeit, Solidarität. Oder auch: Chaos, Streit, Überforderung. Dass daraus einmal 30 Jahre werden würden, hätte keiner zu hoffen gewagt – auch wenn die Tageszeitung (Taz) von heute mit den Ursprüngen nicht mehr viel zu tun hat. Was könnte „alternative Gegenöffentlichkeit“ denn noch sein, wenn das, was einmal alternativ war, zum Kernbestand der Gesellschaft gehört und jeder Blogger stündlich seine eigene Gegenöffentlichkeit feiert?

Damals war das anders. Aus der Erfahrung der Terrorismus-Hysterie im „Deutschen Herbst“ 1977, als die Medien sich freiwilliger Selbstzensur unterwarfen, wuchs die Sehnsucht nach einem linken Publikationsorgan, das auch solche Nachrichten verbreitete, die in den „bürgerlichen Medien“ unterdrückt oder verfälscht wurden. „Objektivität, nein danke“, lautete die Parole, weil doch Objektivität nur die bestehenden Verhältnisse zementierte. Die Trennung von Kommentar und Nachricht wurde großzügig aufgehoben; Betroffene schrieben in eigener Sache und mit schäumend subjektiver Ungerechtigkeit. Wer nachts an einer Hausbesetzung teilnahm, berichtete am nächsten Tag darüber und hatte auf jeden Fall Recht, denn er war ja dabei. Solche Texte nervten gewaltig, prägten aber die Taz, der es nur mühsam gelang, sich von all den „Inis“ und Stadtteilgrüppchen zu emanzipieren. Heute feiert der Betroffenheitsjournalismus eine seltsame Wiederauferstehung in Internetforen. Neue technische Möglichkeiten veredeln die Illusion des Authentischen aber nicht unbedingt zu neuer Wahrhaftigkeit.

Macher und Leser der Taz mussten lernen, dass eine Zeitung etwas anderes ist als eine politische Bewegung. Diesen Lernprozess nannten sie „Professionalisierung“, und wie alles, war auch dies umstritten. In einer Zeitung gilt es, verschiedene Positionen und Interessengebiete nebeneinander auszuhalten und miteinander in Beziehung zu setzen. Auch das unterscheidet sie vom Internet. Eine Zeitung verlangt Bündelung und Konzentration, Toleranz und Offenheit – nicht unbedingt verbreitete Tugenden. Doch mit der Entdeckung der Tageszeitung als ihrem Medium überwand die westdeutsche Linke in den achtziger Jahren den so verheerenden K-Gruppen-Kleingeist der Siebziger. Indem sie gesprächsfähig wurde, wurde sie gesellschaftsfähig und entdeckte, dass Gegenöffentlichkeit auch bedeutet, Teil der Öffentlichkeit zu sein. Mit den Grünen (und der Taz) etablierte sich ein alternatives Bürgertum, das die Republik nachhaltig verändert hat.

Die größte Errungenschaft der Taz ist die Einführung von Ironie im Journalismus – auch wenn das heute allzu oft zur krampfigen Witzigkeitsbemühung auf der Titelseite führt. Dass das Politische ästhetisch zu behandeln ist, dass Lesen und Aufklärung mit Lust und Laune zu tun haben, bleibt dennoch ein Markenzeichen der Taz. Von der Respektlosigkeit gegenüber den Mächtigen, der Gabe, mit bösem Witz auf die täglichen Weltübel zu reagieren und sich der eigenen Unterhaltsamkeit nicht zu schämen, profitieren auch diejenigen, die sie niemals lesen würden.

Jörg Magenau, Jg. 1961, war in den neunziger Jahren sowohl für die Tageszeitung als auch für den Freitag tätig. 1995 wurde der damalige Literaturredakteur des Freitag mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet. Seit 1999 schreibt Magenau für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2007 erschien im Carl-Hanser-Verlag sein Buch Die taz. Eine Zeitung als Lebensform.


Vom 17.-19.04.200 findet im Berliner Haus der Kulturen der Welt der Jubiläums-Tazkongress Tu was! - Utopie und Freiheit statt: am 17. gibt es eine Eröffnungs-Gala mit einer Rede von Daniel Cohn-Bendit, und am 18./19. wird zwei Tage lang in 80 Veranstaltungen diskutiert, unter anderem dabei: Wolfgang Schäuble, Saskia Sassen und Heinz Bude

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