Spaß verstehen

Charlie Hebdo Da haben sich ein paar Extremisten aber einen rüden Spaß mit der „westlichen Gesellschaft“ erlaubt.
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Insbesondere mit unserem Wert der Rede und Meinungsfreiheit. Denn geht es nicht im Humor gerade darum. Grenzen infrage zu stellen, mit etablierten Werten und Konventionen verknüpfte Erwartungen zu unterlaufen? Satire ist demnach nichts heilig, kennt keine Grenzen, darf von den Zumutungen selbst sakrosankter Erwartungen abweichen. Haben uns die Extremisten demnach nicht die Kontingenz eines uns heiligen Wertes (der Rede- und Meinungsfreiheit) aufgezeigt, sich den Spaß erlaubt, unsere humoristische Erwartung zu unterlaufen, noch angesichts eines „Tabubruchs“ Spaß zu verstehen? Ist also der tödliche Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ nicht die größte Satire aller Zeiten? Ganz so, wie auch Karlheinz Stockhausen vom „9/11“ Terroranschlag behauptete, „das [er das] größte Kunstwerk, das es je gegeben hat“ gewesen sei.

Mit den zynischen, aber durch Meinungsfreiheit gedeckten Ausführungen unterlaufen wir selbst die mit dem Terroranschlag verbundenen üblichen Erwartungen. Etwa die, nun pietätvoll zu Schweigen. Solidarität mit den Opfern zu zeigen. Flagge zu zeigen, Geschlossenheit, demonstrative Einigkeit angesichts der Bedrohung westlicher Werte. Es wird kein Spaß verstanden, werden diese Erwartungen unterlaufen. Ist dem Autor also die „psychiatrische Klinik“ zu empfehlen? Die auch György Ligeti seinem Kollegen Stockhausen empfahl, hätte er sich doch „auf die Seite der Terroristen gestellt“ indem „er diesen niederträchtigen Massenmord als Kunstwerk auffasst.“

Der Terroranschlag zeigt jedenfalls, dass auch der „Westen“ über sakrosankte Werte verfügt, Werte wie Rede- und Meinungsfreiheit, die nicht ungestraft verletzt werden dürfen, Werte, die verteidigt werden müssen. Auch die Empörung, der demonstrative Aufschrei des „Westens“ angesichts der vermeintlichen Verletzung dieses Werts (denn „Verletzungen“ sind es ja, an denen Werte sich beweisen), ist dem Furor des „Ostens“ angesichts der Mohammed-Karikaturen nicht unähnlich. Nicht an Himmelsrichtungen lässt sich hier ein Unterschied festmachen. Es lässt sich vielmehr von unterschiedlichen Strategien angesichts von Tabuverletzungen innerhalb der einen Weltgesellschaft ausgehen. Wenn symbolisch verkürzt ein Gegensatz konstruiert werden soll, dann zwischen Handlungsweisen, mehr an Moral orientiert einerseits, mehr an Humor andererseits.

Humor (nicht unähnlich der Kunst) legt es darauf an, Konventionen, übliche Erwartungen nicht gerecht zu werden und damit zu reflektieren. Schlicht um der der Reflexion willen etwa im Nonsens; mit eher kritischem Impetus in Formen wie dem Sarkasmus oder der Satire. Humor kann als Medium der Reflexion verstanden werden. Er ermöglicht der modernen, sich schnell wandelnden Gesellschaft, Alternativen aufzuzeigen, es anders zu machen; allenfalls besser. Er schafft (kritische) Distanz zum Geschehen, nötigt auf, Beobachter zu beobachten, schon Unterschiedenes (kritisch) zu unterscheiden.

Moral ist der Gegenspieler des Humors. Er nötigt schnelle, unüberlegte Reaktionen auf (für Überlegungen ist gar keine Zeit), angesichts von Gefahren, die von Handlungen ausgehen, die dem Sammelsurium an (sakrosankten) Erwartungen nicht gerecht werden. Moral empört, erzürnt, entrüstet, setzt also genügend Emotion frei, um kopflos, bedingungslos in den Kampf zu ziehen. Moral kennt nur Freund oder Feind, Achtung und Missachtung. Moral war es, die den Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift motiviert hat.

Nicht der Koran, der wohl den meisten IS-Kämpfern unbekannt ist, ist die Waffe der Extremisten, sondern Moral. Zumal Religion zwar oft vorderhand, aber nicht hauptsächlich moralische Handlungsorientierungen begründet. Oft entzündet sich simplifizierende Moral an sozio-ökonomischen Verhältnissen; die Kombination aus Bildungsferne und prekären ökonomischen Verhältnissen, etwa durch Arbeitslosigkeit, mag nicht nur Jihad Kämpfer, sondern aktuell Pegida-Demonstranten moralisch motivieren. Auch politisch-totalitäre Systeme instrumentalisieren bevorzugt Moral. Zwar kann davon ausgegangen werden, dass an Moral orientiertes Handeln vorzugsweise in traditionellen Formen der Gesellschaft, etwa Stammesgesellschaften zu finden ist; um traditionelle Werte und Handlungsmuster zu stabilisieren, Abweichungen von Traditionen zu verhindern. Dennoch ist keineswegs ausgemacht, dass eine Orientierung an Moral vorzugsweise Sache des „Ostens“ ist.

Denn was ist aktuell davon zu halten, dass sich nun angesichts von kriminellen Handlungen Massen genötigt sehen, sich mit Charlie Hebdo zu solidarisieren, für Rede- und Meinungsfreiheit einzutreten, dabei gleichzeitig versichert wird, dass der Islam nicht unter Generalverdacht steht? Wenn tatsächlich von extremistischen Einzeltätern, allenfalls von extremistischen Organisationen auszugehen ist, dann wären Großdemonstrationen nicht nötig. Die Demonstrationen belegen einen unreflektierten Generalverdacht, wie er sonst gerade Extremisten zugerechnet wird. Die etwa abstrus-allgemein von der generellen Dekadenz und Sündenhaftigkeit des „Westens“ ausgehen, wogegen zu demonstrieren, in den Kampf zu ziehen ist.

Der Wert der Rede- und Meinungsfreiheit ist nicht in Gefahr, wird angesichts der aktuellen vermeintlichen Bedrohungen vielmehr gerade als Wert gestärkt und stabilisiert. In tatsächlich schon seit Jahren konkreter Gefahr ist der „Westen“, sich vom moralischen Extremismus der Jihad-Kämpfer korrumpieren zu lassen. Die moralisch, letztlich lediglich wilde, kopflose Entschlossenheit ausdrückende Formulierung eines „Kriegs gegen den Terror“ angesichts des Terroranschlags in New York – anstatt schlicht von einem kriminellen Akt auszugehen, der mit dem Mittel des Rechtsstaates zu ahnden ist – zeugt nicht nur von extremen politischen Dilettantismus, sondern hat sich als self-fulfilling prophecy erwiesen. Präsentierte Präsident Bush im Oktober 2001 noch eine Liste mit den 22 meistgesuchten Verbrechern, hat der „Krieg gegen den Terror“ mittlerweile zu Listen von Terrorverdächtigen geführt, die in die Millionen gehen. Mit dem „IS“ (Islamischen Staat) konnte der „Krieg gegen den Terror“ mittlerweile den im Jahre 2001 für einen „Krieg“ noch fehlenden „Staat“ nachliefern.

Den Irak-Krieg unbegründet, oder allenfalls mit konstruierten Beweisen zu beginnen, war nicht mehr als extremer, kopfloser Moralismus. Denn Moral kennt Freund und Feind mit absoluter Sicherheit, braucht keine Beweise. Schon die Überlegung, dass diese simple Unterscheidung selbst nicht sonderlich freundlich, also eher der Seite der Feinde zuzurechnen ist, kostet zu viel Zeit, ist gefährlich, defätistisch, spielt dem Feind in die Hände, muss aus moralischen Gründen unterdrückt werden. - Das mag durchaus richtig sein; in jedem Fall aber gilt: Wer mit dem simplen Schema von Freund/Feind beobachtet, macht sich mit Sicherheit auch dort Feinde, wo zunächst gar keine waren.

Wenn Humor und Satire (und damit „Charlie Hebdo“) für kritische Distanziertheit, ja kritische Selbstdistanz stehen, für Reflexion im besten Sinne, und damit in äußerster Ferne zum moralischen Rigorismus der Jihadisten, dann ist gerade dies eben mittlerweile oft nicht mehr der Fall: „Je suis Charlie“. Denn Rechtsstaatlichkeit als eine in Jahrhunderten erkämpfte zivilisatorische Errungenschaft des „Westens“, Legitimation durch Verfahren, institutionalisierte Reflexivität statt moralische Blindwütigkeit, sind im „Krieg gegen den Terror“ überraschend schnell durch Institutionen extremistischer Moral ergänzt worden. Guantanamo und jahrelang ausgeübte Folter nicht nur in Abu Ghraib stehen exemplarisch dafür.

Es ist billig, nun demonstrativ „Solidarität“ mit „Charlie Hebdo“ zu zeigen. Sich an der tumben Sicherheit, der moralischen Überlegenheit eines „Wir gegen Euch“ aufzuwärmen, dem üblichen Freund/Feind Schema der Moral zu verfallen. „Charlie Hebdo“ steht für kühle, und damit auch den Furor von Moral abkühlende Reflexivität. Der Unterschied zu den (Moral-)Fundamentalisten, dass eben zeigt „Charlie“, ist weitaus fundamentaler, als dies gerade Solidaritätsbekundigungen ausdrücken. Oder sollte dies zumindest sein.

Es war der Soziologe Niklas Luhmann, der der Auffassung war, das Ethik die Aufgabe zukommt, vor Moral zu warnen. Aktuelle Entwicklungen im Zuge des „Kriegs gegen den Terror“ zeigen wie recht er hat. Es ist die Simplizität dieses Beobachtungsschemas, die nur Achtung und Missachtung kennt, nur Freund und Feind, die brandgefährlich ist. Auch wenn zwischen Freunden und Feinden unterschieden wird - das Schema selbst ist in jedem Fall feindselig.

10:02 15.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jörg Räwel

Soziologe
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