Was die "Leistungsträger" der Gesellschaft nicht leisten

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Die Debatte um die sogenannten Leistungsträger der Gesellschaft offenbart eine verblüffende Unkenntnis bzw. ein naives Scheinwissen, nun ja, auch von Politikern als Leistungsträgern, über moderne gesellschaftliche Verhältnisse.

Folgt man aktuellen Diskussionen, definieren sich Leistungsträger als die positive Kehrseite „unproduktiver Massen“ der Gesellschaft, als Kehrseite etwa zu Arbeitslosen (oft ausländischer Herkunft), Hartz IV-Empfängern, Lernunwilligen oder -unfähigen, Schulabbrechern. Ob (arabische) Obst- und Gemüsehändler zu den Leistungsträgern der Gesellschaft gehören, ist, gemäß einem Votum des Politikers Thilo Sarazzin, zumindest zweifelhaft. Auch fragwürdig in diesem Sinne ist der Status von Personen im Niedriglohnsektor, so paradigmatisch von Angestellten im Friseurhandwerk, aber etwa auch von sogenannten 1-Euro Jobbern oder Lohn-Aufstockern. Auf der sicheren, achtenswerten Seite dieser Unterscheidung mögen sich allenfalls etwa Ingenieure, Handwerker, Mediziner, Wissenschaftler, Informatiker, Manager – wohl auch Politiker befinden. Dies obgleich die zunehmende Anzahl prekär Beschäftigter, schließlich über Wählerstimmen verfügend, widerwillig von der Politik als Leistungsträger immerhin etikettiert wird.

Die naive, moralinsaure Unterscheidung zwischen Leistungsträgern und Leistungsempfängern (Versagern?, Migranten? Unfähigen? Unwilligen? Erfolglosen?) verstellt den Blick auf die aus wirtschaftlicher Sicht treffendere Unterscheidung zwischen Produzenten (von Profiten, Waren, Dienstleistungen) einerseits und entsprechenden Konsumenten dieser Produkte andererseits. Obgleich Produzenten auch als Konsumenten zu verstehen sind, ist doch, in Deutschland etwa seit den 70iger Jahren, in der Stagnation von Löhnen, in steigenden Arbeitslosenraten oder in der zunehmenden Zahl von in Zeitarbeit und im Niedriglohnbereich Beschäftigten ein wachsendes Ungleichgewicht festzustellen. Effizienzsteigerungen, Automatisierung und weltwirtschaftliche Verschiebungen im Produktionssektor haben dazu geführt, dass (europäische) Konsumenten staatlicherseits im Ausbau von Netzen sozialer Sicherheit zu alimentieren sind, oder sich Konsumenten, als einer eher us-amerikanischen Strategie der „Eigenverantwortung“, durch Verschuldung selbst alimentieren müssen.

Die Unterscheidung zwischen Produzenten und Konsumenten macht sichtbar, dass es sich bei sozialen Transferleistungen nicht um eine moralische Alimentierung im Sinne von Almosen handelt, sondern diese aus wirtschaftlicher Notwendigkeit erfolgen. Die moderne, in hohem Masse produktive, leistungsfähige Gesellschaft ist wirtschaftlich davon abhängig, über ein ihrem Produktionspotential entsprechendes Angebot an kaufkräftigen Konsumenten zu verfügen. In der Produktion reproduzierte Zahlungsfähigkeit steht in einem komplementären Verhältnis zu in Konsumation reproduzierter Zahlungsunfähigkeit. Mangelt es an Konsumenten, hat die Gesellschaft für ihr wirtschaftliches Funktionieren auch noch selbst für die Produktion von Verbrauchern zu sorgen. Dabei erweist sich – zumindest bislang – das europäische, eher politisch orientierte Verfahren einer staatlichen Produktion von Konsumenten durch Sozialleistungen als tragfähiger, als die eher in den USA praktizierte, mehr wirtschaftlich orientierte Lösung einer Produktion von Konsumenten über ihre eigene, finanzwirtschaftlich organisierte Verschuldung. Schließlich waren es jüngst die Leistungsträger der Finanzwirtschaft selbst, die auf kapitale Weise von Staats wegen zu alimentieren waren. Die Unterscheidung von achtenswerten Leistungsträgern einerseits und zu missachtenden (unfähigen? unwilligen?) Leistungsempfängern andererseits karikiert sich selbst auf diese Weise.

Die naiv moralisierende Unterscheidung von Leistungsträgern und -empfängern verstellt den Blick auf diese wirtschaftlichen Zusammenhänge. Die Unterscheidung scheint allenfalls nahe zu legen, dass ausreichen könnte, Leistungsempfänger als Sozialschmarotzer (in wirtschaftlicher Diktion treffender: „bloße“ Konsumenten) auszumerzen, um die Wirtschaft „anzukurbeln“. Die moralische Devise, dass nur essen (konsumieren) dürfe, wer (als Leistungserbringer) auch arbeitete, konnte möglicherweise in archaischen, einfach strukturierten Gesellschaften eine gewisse Plausibilität beanspruchen. In Clans oder Stämmen organisierte Gesellschaften differenzierten auf personaler Ebene kaum unterschiedliche Rollen aus, so dass wohl (noch) eher als heute von latent Neid hervorrufenden vergleichbaren Positionen und unmittelbaren persönlichen Abhängigkeiten auszugehen war. Schon in komplexeren, etwa hierarchisch ausdifferenzierten Gesellschaftsformen wie dem mittelalterlichen Feudalismus vermochte die schlichte, moralisierende Beziehung zwischen zu achtenden Leistungsträgern einerseits und zu missachtenden „bloßen“ Konsumenten von Leistungen andererseits wohl kaum zu überzeugen. Denn wer war hier als „Leistungsträger“ mehr zu achten? –Adel oder Bauernstand?

In der modernen mannigfach in funktionalen Systemen (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Religion, Kunst etc.), und auf personaler Ebene in einer Vielfalt von Rollen ausdifferenzierten Gesellschaft, erscheint das schlichte Wertesystem, welches der moralinfizierten Diskussion um die „Leistungsträger“ der Gesellschaft zugrunde liegt, nur noch absurd. Offenkundig bereitet es einer immer noch dominierenden archaischen Moral Schwierigkeiten, anzuerkennen, dass wirtschaftliche Notwendigkeit ist, wenn die moderne Gesellschaft derzeit diesseits von Altersrentenbeziehern beginnt, die Rolle von „bloßen“ Konsumenten auszudifferenzieren. Zu erkennen etwa an den Debatten zum bedingungslosen Grundeinkommen oder an Forderungen, die Binnennachfrage zu stärken. Die Gesellschaft realisiert allmählich, dass nur schon die bloße Konsumtion von Leistungen selbst eine heutzutage offensichtlich durch „Leistungsträger“ allein nicht mehr zu erbringende Leistung darstellt. Eine wirtschaftsnotwendige Leistung abseits eines hier stets von archaischer Moral noch gewitterten Sozialschmarotzertums, welches den Leistungen von etablierten Rollenträgern der Gesellschaft, etwa Medizinern, Handwerkern, Wissenschaftlern, Theologen, Lehrern, keineswegs nachsteht.

Nun ließe sich die aktuelle Diskussion um Moral und Unmoral von Leistungsträger und -empfängern selbst verächtlich in der Feststellung abtun, dass sich darin lediglich das Unvermögen nicht nur von gesellschaftlichen „Leistungsträgern“ zeigt, gesellschaftliche Verhältnisse abseits schlichter moralischer Schemata zu beobachten. Derzeitige Wirtschaftskrise verdeutlicht jedoch die konkrete Gefahr, die mit diesem gesellschaftsweit verbreiteten, naiv moralisierenden Beobachtungschema verbunden ist. Die auf kurzfristigen Profit ausgerichtete Marginalisierung des privaten Konsums zeigt sich nämlich in der exorbitanten Verschuldung, die in den letzten Jahrzehnten aufgrund nicht ausreichender Entlohnung breiter Massen der Bevölkerung notwendig wurde. Der Marginalisierung des privaten Konsums zugunsten einer immer kleiner werdenden „Leistungsträgerschaft“ entspricht auf öffentlicher Ebene eine überbordende Staatsverschuldung. So hat die penetrante Forderung nach einem „schlanken Staat“ mit selbstverständlich stets zu minimierenden Steueraufkommen offensichtlich Wirkung gezeigt. Folge davon ist allerdings, dass Staaten derart auf Wirtschaft schädigende Weise kaum als Konsumenten produzierter Waren und Dienstleistungen in Frage kommen, wenn sie sich nicht weiter exzessiv verschulden wollen. Der Vorwurf in diesem Zusammenhang, dass sich der Staat systematisch als „Verschwender“ geriert und deshalb in seine Schranken zu weisen ist, schießt ins Leere. Denn um was anderes sollte es in der Konsumtion von Produkten oder Dienstleistungen wohl gehen?

So führte die seit Jahren politisch geförderte Profitmaximierung der sich als „Leistungsträger“ gebenden Produzenten von Profiten, Waren und Dienstleistungen auf Kosten privater wie öffentlicher Konsumation zu einer Verschuldung, die die Wirtschaft fast zum Kollaps brachte. Zwar war es selbst „schlanken“, selbst schon hoch verschuldeten Staaten in beispiellos massierter Konsumtion eben dieser Schulden („bail-outs“) möglich, einen wirtschaftlichen Zusammenbruch wohl vorerst zu verhindern (von Island abgesehen). Doch wird nun erschreckender Weise gleichwohl diese erst in die Krise führende Politik der Marginalisierung des privaten und öffentlichen Konsums zu Gunsten erneuerter Profitmaximierung von „Leistungsträgern“ (zuvorderst Investmentbanken) weiter betrieben.

Für Konsumenten ist einmal mehr, nun gerade in der Krise, Lohnzurückhaltung, Bescheidenheit angesagt, sollen die Arbeitslosenraten nicht noch weiter in die Höhe getrieben werden. Nach wie vor ist politisch opportun, einen steuerminimierten, entbürokratisierten, „schlanken“ Staat zu fordern und damit gerade die Instanz zu schwächen, die einen Wirtschaftsbankrott vorläufig verhindert hat. Staaten setzen ihre an schlichter steinzeitlicher Moral orientierte Politik weiter fort: Nur wer arbeitet, soll auch essen dürfen. Doch anders als in der Steinzeit ist heutzutage in kurzfristiger Perspektive eine Form von Arbeit am profitabelsten, die es reflexiv darauf anlegt, aus Profiten noch mehr Profit zu schlagen. Es ist nun Aufgabe der Politik, diesen langfristig in den wirtschaftlichen Zusammenbruch führenden onanistischen Profitzirkel in endlich angemessener, Konsumtion fördernder Weise steuerlich zu penetrieren und so auf für die Gesellschaft fruchtbare Weise zu enttautologisieren.

14:18 25.10.2009
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Geschrieben von

Jörg Räwel

Soziologe
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