JoergH
24.04.2009 | 19:43 3

Piraten und Zensur - Susanne Gaschke versteht das Netz nicht

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied JoergH

Anmerkung 29. 02.2012:

Mittlerweile habe ich Susanne Gaschke persönlich kennengelernt - als intelligente, sympathische und engagierte Frau. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich den Artikel noch einmal gelesen und muss zugeben - ich habe inhaltlich nichts zurückzunehmen. Das macht mich nachdenklich - wenn sogar jemand, den ich so schätze, so etwas schreibt, haben wir offenbar ein massives Kommunikationsproblem. Offensichtlich war damals niemand in der Lage, mit ruhigen und vernünftigen Argumenten zu ihr durchzudringen - und ich schätze sie nicht als jemanden ein, der alles ignoriert.

Vielleicht geht das Argument zu oft im lauten Tosen des Shitstorms unter, wenn mal wieder Aufregung das Netz regiert. Ich hoffe, das bessert sich nochmal. Denn es ist unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass unsere Argumente gehört werden.

Über das Thema Internet und Urheberrecht haben wir übrigens noch nie miteinander gesprochen - ich weiß also nicht, wie sie heute dazu steht. Vielleicht reden wir ja irgendwann mal drüber - unaufgeregt, bei einem guten Glas Wein.

Hier der Ursprungstext:

Es gibt Erlebnisse, die den Blogger gleichermaßen ärgern wie beruhigen. Zum Beispiel, wenn ein Leitmedium mit einem Artikel aufmacht, der den Gegenstand um Meilen verfehlt. Das ärgert, denn schließlich möchte man von den bezahlten KollegInnen etwas vernünftiges Lesen. Und es beruhigt - denn so schlecht ist man selber ja dann doch nicht.

Anlaß zu diesen Überlegungen gab übrigens der Aufmacher von Susanne Gaschke in der Zeit von dieser Woche. Und es geht dabei nicht um ihre Verteidigung der Urheber gegen die gierigen Tauschbörsennutzer und -betreiber. Schließlich hilft es der Debatte um alternative Publikationsformen und Lizenzmodelle nicht, das Recht der Kulturschaffenden in Frage zu stellen, über die Form, in der ihre Werke vertrieben werden, in Frage zu stellen. Ich will als Autor ja auch nicht, dass jemand anderes beschließt, dass meine Texte unter Creative Commons-Lizenz stehen - auch wenn ich selber in der Regel unter dieser Lizenz publiziere.

Nein, ärgerlich ist, dass Susanne Gaschke diese Debatte in einen Zusammenhang mit Ursula von der Leyens Internetsperrungen bringt. Ärgerlich ist, dass sie, ähnlich wie manche Unterzeichner des Heidelberger Appells, sich gar nicht auf die Debatte um zukünftige Veränderungen im Bereich der Publikationslizenzen einlassen will. Und ärgerlich ist auch, dass sie glaubt, dafür als Zeit-Autorin eine besondere Autorität gegenüber z.B. Bloggern beanspruchen zu dürfen.

Beim Thema Internetsperrungen macht Gaschke es sich besonders einfach. Sie meint, "mit dieser Regelung [werde] ein beliebtes Argument ausgehebelt, das bei nahezu allen Rechtsverstößen im Internet auftaucht: Sperrungen seien technisch nicht möglich, und falls doch, dann seien sie für die Rechtsbrecher leicht zu umgehen. Wir dürfen festhalten: sie sind möglich, und darauf, dass manche Nutzer sie umgehen können, kommt es gar nicht so sehr an." Diese Argumentation ist aus zweierlei Gründen interessant: Zum einen ignoriert Gaschke völlig, dass es sich bei den beschlossenen Maßnahmen keineswegs um wirksamme Sperren handelt, die den Zugriff auf die entsprechenden Seiten verhindern. Es wird mit der DNS-Sperre quasi nur das Finden der Angebote erschwert - ein Verfahren, das noch nicht mal im Einzelfall umgangen werden muss, sondern sich durch Wechsel auf einen providerunabhängigen Name-Server endgültig lösen lässt. Zweitens gibt sie an, dass es darum auch gar nicht gehe - der symbolische Wille, die Rechtsverletzung zu sanktionieren, sei entscheidend. Dies ist sicherlich eine für das Strafrecht der Zukunft wegweisende Überlegung, die die Strafverfolgungsbehörden von der tatsächlichen Verfolgung der Pädophilen wirksam entlasten dürfte.

Das zweite große Ärgernis: Aus der Forderung nach dem Recht, über die Form der Publikation selbst bestimmen zu dürfen, zieht sie die Schlussfolgerung, dass nur das klassische Urheberrecht die Existenz der Urheber sichern könnte. Alternative Vermarktungsmodelle, Creative Commons, die produktiven Möglichkeiten, die das Teilen von Wissen bietet - bei Gaschke nur etwas für Amateure. Die ungeheure Dynamik, die durch das Internet entsteht und die Verlage irgendwann vor die Existenzfrage, ob ihr Geschäftsmodell denn so noch tragbar ist, stellen wird - obsolet, da ja die klassische Verlagswelt per definitionem das Intellektuelle und Professionelle für sich gepachtet hat. Man muss die Zukunft ja nicht mögen, aber sich blind und taub zu stellen hat schon die Musikindustrie an den Rand des Ruins gebracht. Sie kommt nunmal.

Das dritte Ärgernis ist sehr persönlich. Gaschke schreibt: "Die Ideologen eines 'befreiten Wissens' mögen der Meinung sein, die elitäre 'etablierte' Kunst könne so leicht durch das unlektorierte Mitteilungsbedürfnis der Nutzermassen ersetzt werden wie der professionelle Journalismus durch den Jedermann-Reporter [...]. Welche intellektuelle Finsternis droht uns, wenn sie sich irren?" Doch das ist gar nicht der Punkt. Qualität wird sich immer durchsetzen, wenn man ihr die Freiheit lässt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber das geht nur, wenn der Zugang zur Publikation nicht monopolisiert wird. Was Blogger z.B. nicht leisten können, sind in der Regel Reportagen, die eine aufwändige Recherche erfordern. Hier hat der professionelle Journalismus eine Alleinstellung, die er im eigenen Interesse ausbauen muss. Für die bloße Meinungsäußerung hingegen brauche ich nicht von der Zeit berufen sein. Da tut es diese Community auch, ohne dass ich Susanne Gaschkes Autorität anerkennen muss. Sicherlich bricht keine intellektuelle Finsternis aus, wenn ich beanspruche, mit Zeit-AutorInnen auf Augenhöhe zu diskutieren. Aber es mag ein demokratisches Licht entflammen.

Das alles ist sicherlich Anlass, sich zu ärgern, wie Blogger Sebastian Sooth, der seinem Unmut umgehend via Twitter Luft machte. Aber es beruhigt auch. Denn es zeigt, dass auch eine Zeit-Autorin am Thema vorbeischreiben kann.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (3)

Honk 25.04.2009 | 11:34

Angesichts von "verschlankten" Redaktionen und einer fast an "Gleichschaltung" erinnernden Entwicklung der Medienszene großer Medienkonzern- Verlagshäuser und des Öffentlich- rechtlichen Rundfunks, ist der Professionalitäts- Anspruch ihrer Akteure schon abenteuerlich. Wer noch von "robuster Konjunktur" schwadroniert und postuliert ein "Exportweltmeister" sei "gut aufgestellt" in der Krise, während die, bis vor kurzem noch als Helden der Neuzeit gefeierten Investment- Banker schon dabei sind die Löffel abzugeben und ganze Volkswirtschaften (z.B. Irland o. Ungarn) an den Rand des Zusammenbruchs geraten, sollte wirklich kleinere Brötchen backen... -von den Unseglichkeiten in der Berichterstattung über den "internationalen ischlamischtischen Terrorischmusch" und die damit verbundenen Kriege, ganz zu Schweigen...