Ein gutes Ende

Tarifkonflikt Wer streikt, kann gewinnen. Die GDL hat gezeigt, dass man zur richtigen Zeit stur und zur richtigen Zeit kompromissbereit sein sollte. Und wissen muss, was man will
Happy: Claus Weselsky
Happy: Claus Weselsky

Foto: Sean Gallup/AFP/Getty Images

Überstundenbremse, Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhung und ein eigener Tarifvertrag trotz "Tarifeinheitsgesetz" – für die GDL ist das Schlichtungsergebnis bei der Deutschen Bahn ein Erfolg auf der ganzen Linie. Nach neun Streiks über insgesamt 420 Stunden und einer zweimal verlängerten, fünfwöchigen Schlichtung hat der genau ein Jahr andauernde Tarifkonflikt zwischen Deutscher Bahn AG und Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer am Mittwoch sein Ende gefunden. Die Gewerkschafter Deutscher Lokomotivführer hat ihre Forderungen in allen ihr wichtigen Punkten durchsetzen können. Wenn dieser Konflikt eines lehrt, dann ist es: Streiken kann sich lohnen.

Ohne die entschlossene und unbeirrte Sturheit, mit der Lokführer, Bordgastronomen und Zugbegleiter für ihre Forderungen eintraten, hätte es nicht dieses Ergebnis, ja noch nicht einmal dieses Schlichtungsverfahren gegeben. Dafür legten sie sich nicht nur mit ihrem Arbeitgeber an, sondern mussten es mit dem Großteil des politischen Establishments und Medienbetriebs aufnehmen. Was ihnen zeitweise entgegen schlug, war kein mehr oder weniger verständlicher Unmut sitzengebliebener Bahnpassagiere, sondern regelrechter Hass neoliberaler Law-and-order-Journalisten, die es als ihren ureigenen Job begriffen, den Klassenkampf von oben hochzujazzen.

Dass die GDLer durch- und zusammenhielten, sich weder einschüchtern noch spalten ließen, hat viel damit zu tun, dass sie ihre Forderungen selbst für recht und billig hielten: Vor allem die nach weniger Stress durch Überstunden, die sie nur deshalb vor sich herschieben, weil ein an herbei halluzinierten Benchmarks orientiertes Management sich jahrelang weigerte, ausreichend Personal einzustellen.

Und es hat damit zu tun, dass sie mit dem Lokführer Claus Weselsky einen Mann an der Spitze haben, der genau dieses Sich-nicht-einschüchtern-lassen personifiziert wie kein anderer. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders": Wenn Weselsky Luther zitiert, ist das kein flotter Spruch, zu dem ihm eine Werbeagentur geraten hat. Der Mann kann wirklich nicht anders. Jeder spürt es, jeder weiß es – egal, was in den Kommentarspalten von BILD bis Welt steht. Es ist diese Charakterfestigkeit und Verlässlichkeit, die im heutigen Politikbusiness und weit bis in die Gewerkschaften hinein als völlig anachronistisch gilt und gerade deshalb, wo sie plötzlich und unerwartet auftaucht, bei den einen hysterische Wutanfälle auslöst und die anderen Berge versetzen lässt.

Das Ergebnis ist ein Kompromiss, wie es bei Tarifabschlüssen normal und logisch ist, aber zweifellos ein kluger. Die Schlichter Matthias Platzeck und Bodo Ramelow waren eine gute Wahl und haben großartige Arbeit geleistet. Die GDL hat ihr verfassungsmäßiges Recht, Tarifverträge für all ihre Mitglieder abzuschließen, verteidigt. Anders als ihr immer wieder vorgeworfen wird, hat sie gerade nicht auf den Standesegoismus einer starken Klientel gesetzt, sondern die Durchsetzungsmacht der Lokführer strategisch genutzt, um die Arbeitsbedingungen der schwächeren Berufsgruppen – Zugbegleiter, Bordgastronomen, Rangierlokführer – zu verbessern. Und sie hat, schneller als das Bundesverfassungsgericht handeln konnte, dafür gesorgt, dass das Tarifeinheitsgesetz der Großen Koalition bei der Deutschen Bahn, einem der größten Arbeitgeber der Republik, heute schon Makulatur ist.

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