johann

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RE: Gott ist sterblich | 17.10.2011 | 14:14

Ich bin kein "Apple-Jünger". Ich bin bestenfalls Vernunft-Fan.

Genau das regt mich an diesen Schnellschußfans, die immer nur einen weithin sichtbaren Schuldigen suchen, immer so auf: Dass jeder Versuch, in diese wahnwitzigen Argumentationen ein bißchen Vernunft und Fakten und Kontext hereinzubringen, sofort mit der "Jünger"-Keule beantwortet wird.

Tatsache ist doch, dass wir alle jeden Tag von der Ausbeutung der Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren. Kaum etwas von dem, was wir zu Spottpreisen kaufen, könnten wir uns leisten (und alles zusammen schon gar nicht), wenn es nicht zu Löhnen herstellt würde, für die wir nicht arbeiten wollten.

Dieses willkürliche Herausgreifen von einzelnen Unternehmen ist einfach intellektuell unredlich und vor allem bewirkt es nichts außer mit dem Finger auf irgendwen zu zeigen und dann wieder ganz zufrieden so weitermachen zu können wie vorher. Wie gesagt, nicht nur so gut wie jeder Computer und fast jedes Technikzubehör wird unter denselben oder schlechteren Bedingungen hergestellt wie Apple-Kram, bei Kleidung und Haushaltswaren sieht es noch viel, viel schlimmer aus. Aber da müßte man sich ja an die eigene Nase packen und das geht einfach nicht.

Denjenigen, die hier immer nur auf Apple zeigen, geht es gar nicht um die armen chinesischen Arbeiter. Denen geht es nur darum, einen gut sichtbaren Schuldigen zu finden, an dem sie sich auslassen können.

Und ja, man darf ruhig sagen, dass alle von Dell bis Nokia dort genauso fertigen lassen und es macht einen auch nicht zum Apple-Fan, wenn man das sagt. Es macht es bloß viel schwieriger, damit seinen Frieden zu machen, denn dann wird einem auch klar, dass sich das so einfach nicht ändern läßt. Apple oder Steve Jobs laut brüllend auf den Scheiterhaufen zu werfen ist natürlich sehr viel einfacher.

Und wo habe ich Steve Jobs als Gott verehrt? Sowas findet man immer nur als Vorwurf, ich habe noch nie jemanden gehört oder gelesen, der das tut.

Dieses wutschnaubende Suchen nach einem Sündenbock, damit man die eigenen Hände in Unschuld waschen kann, ist einfach nur widerlich und der verächtliche, selbstgerechte Ton, in dem das ganze immer rüberkommt, macht es nicht besser. Das ist irgendwie genau derselbe Ton, in dem die biertrinkenden Neonazis an der Straßenecke über Ausländer reden, die ihnen angeblich die Arbeitsplätze wegnehmen, während sie selber noch nicht einmal in der Lage wären, eine Pommesbude zu betreiben.

Sorry, ich meine nicht Dich persönlich, aber das mußte mal raus.

RE: Gott ist sterblich | 17.10.2011 | 01:13

Ohne eigentlich Apple verteidigen zu wollen, aber: dieses selbstgerechte ahnungslose Sichaufregen ist noch viel gräßlicher. Beispiel Foxconn: Dort läßt nicht nur Apple fertigen, sondern auch z.B. Acer, Amazon, ASRock, Intel, Cisco, Hewlett-Packard, Dell, Nintendo, Nokia, Microsoft, MSI, Motorola und Sony Ericsson. Müßte man nicht auch über die reden und auch von denen nie mehr was kaufen?

Und dann ist Foxconn beileibe kein typisches chinesisches Ausbeuterunternehmen, die Arbeitsbedingungen und Löhne dort sind gegen den Rest Chinas geradezu traumhaft und weit über dem üblichen Durchschnitt, die Arbeiter schlagen sich dementsprechend auch um Jobs dort.

Von den chinesischen Herstellern, die den ganzen Scheiß produzieren, den jeder hierzulande bedenkenlos jeden Tag kauft, von der Plastikschüssel über das USB-Kabel bis zum Gummireifen am Kinderwagen gar nicht erst zu reden. Dort herrschen grauenhafte Arbeitsbedingungen und die Arbeiter besitzen oft nichts außer ihrer Kleidung und schlafen in Unterständen am Werkszaun. Die bringen sich nicht um, die sterben so schon. Stört das hier irgendwen? Nein, natürlich nicht. Hauptsache man greift sich einfach einen schillernden Sündenbock heraus (wie Apple) und kann so weitermachen wie immer. Das Gewissen ist beruhigt, man hat sich nett aufgeregt und muß nicht mehr nachdenken.

Und man kann ja über Apple sagen was man will, aber der Laden macht immerhin schlicht Geschäfte nach guter alter Art: Geld gegen Ware und fertig. Mir sind tausend Apples und Steve Jobs immer noch tausendmal lieber als ein Ackermann und eine Deutsche Bank. Denn Apple kann ich einfach nicht kaufen, wenn ich nicht will. Die Ackermanns jedoch ruinieren uns alle, ob wir dort kaufen wollen oder nicht.

Aber das hier wird eh keiner mehr lesen. Jeder ist befriedigt, dass er mal wieder seine Vorurteile bestätigt bekommen hat, kotzt noch schnell einen Kommentar rein, in dem er sich dafür bedankt und dann schnell weg. Bloß nicht nachdenken, bloß keine Fakten und auf gar keinen Fall zu dem Schluß kommen, dass das vielleicht alles gar nicht so einfach ist.

Peinlicher als Leute, die Apple-Produkte benutzen, finde ich übrigens solche, die Samsung-Produkte benutzen, weil sie Apple peinlich finden. Samsung ist nämlich nicht nur korrupt ohne Ende, sondern ein Riesenkonzern ("Republik Samsung"), der seinen Arbeitnehmern die Mitgliedschaft in Gewerkschaften verbietet und von der koreanischen Regierung protegiert wird wie kein anderes Unternehmen der Welt (bei der Bestechung von zwei Ex-Premierministern auch kein Wunder). Gegen Samsung ist Apple geradezu ein Wohltätigkeitsverein. Aber sowas will auch keiner wissen, das ist einfach zu unbequem.

Jobs war kein Heiliger, aber viel mehr als ungeheuren Erfolg kann man ihm wirklich nicht vorwerfen. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen.