Alles friert, alles fließt – „Ist hier das Klassik-Event?“

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Bin ich „kulturinteressiert“ oder einfach nur so blöd? Jedenfalls friereich in einer Schlange, die immer länger wird, vor dem Watergate, i.e. an der schönsten Brücke der Stadt, wenn nicht sogar der Welt. Hier kommen alle her und wollen rein, eintauchen ins Berliner Nachtleben, an der Spree. Aber ich will nicht tauchen, will auch kein Nightlife, sondern zur Klassik-Lounge des rbb-Kulturradio

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„Ist hier das Klassik-Event?“ , fragt einer, der das offenbar auch will. Event mag ich ja eher weniger, so rein begriffsmäßig – Musik aber schon, und deshalb warte ich mit ihm.

Nein, dies wird keine Konzertkritik – ich weiß gar nichts von Klassik, bin einfach nur neugierig auf Töne (und ziemlich radiosüchtig). Die Warterei jedoch macht mich grantig. Ich muss hier stehen, während die Spree direkt vor meinen Augen so beeindruckend unbeeindruckt sich ihren Weg durch die kantige Gegend bahnt, immer weiter fließt, den eiskalten Regen erträgt, den Wind und jede Veränderung, die die Menschen mit ihr anstellen, nimmt alles hin mit derselben trotzigen Gelassenheit wie ihre Berliner links und rechts vom Ufer. Stehe mit meinen klammen Füßen, abfrierenden Fingern, in meinen langweiligen Klamotten. Nein, ich bin nicht hip genug fürs Watergate, aber die Leute vor und hinter mir sehen auch nicht so aus wie das Stammpublikum eines total angesagten Clubs.

Vorher hab ich noch ein bisschen gegoogelt,um zu wissen, wo ich da überhaupt hingehe, doch die Website gibt sich geheimnisvoll nichtssagend. Die meistens Online-„Bewertungen“ geben der Location nur einen von fünf Sternen, und viele erhalten nicht mal Einlass: Die Touris aus USA, Westerstede oder München werden von den Türstehern und doorgirls für „zu schick“ befunden, aber erst, nachdem sie sich umsonst die Beine in den Bauch gestanden haben, nachts um halb drei vor dieser eisernen Tür, vor der ich jetzt genauso dumm rumstehe und, als Teil einer Schlange, die Attraktivität des Clubs erhöhe. Schwarze Lederschuhe und Jackett sind halt nicht angesagt genug für eine Stadt wie Berlin. Wir Einheimischen sind arm und trotzdem sexy und tragen unsere T-Shirts und alten Schuhe mit Stolz.

Die Leute in der Schlange haben keine Turnschuhe an, und für T-Shirts ist es zu kalt; viele tragen Brillen und fast alle sind nicht um-die-20. Aber alle wollen wir rein, ins Watergate, und niemand weiß genau, wann und ob überhaupt irgendwas los geht. 19 Uhr? 19.30? 20 Uhr? Noch später? So frösteln wir hilflos weiter, während sich neben uns die gelbe U-Bahn die Oberbaumbrücke hoch und runter quält, von Westen nach Osten und zurück.

Da! Die schwere Eisentür öffnet sich!

„Ich darf Sie leider nicht reinlassen“, sagt ohne hörbares Bedauern ein junger Mann mit rotem Mikro vorm Mund. Dann verschwindet er wieder, und mit ihm die Hoffnung auf baldige Erwärmung. Keiner murrt, aber innerlich koche ich, trotz der Kälte. Wie können sie es wagen! Uns Leutchen hier draußen stehen zu lassen! Ich hab das schon früher gehasst, diesen Trick unwürdig gefunden: Wartende warten lassen, ohne Not,damit die Leute dankbar sind, wenn sie reinkommen. Die genau deshalb unbedingt reinwollen, weil sie nicht reindürfen. Damit sie sich dann nach ihrer freiwilligen Demütigung, als was Besonderes fühlen, wenn sie endlich drin sind,– aber eben nicht ganz so besonders wie die Schnösel, die ihnen überteuerte Drinks mittelmäßiger Qualität verkaufen.

Wieder öffnet sich die Tür. Hoffnungsvolles Aufatmen. Füßescharren in der Schlange.

„Bitte treten Sie etwas zurück“, sagt diesmal ein anderer Schnösel. Sonst sagt er nichts, auch nicht „Entschuldigung“ oder „nur noch ein paar Minuten“. Stattdessen sperrt er die Zugänge mit einem Seil ab. Als würden wir mehr oder weniger gutbürgerlichen und durchaus duldsamen Herren und Damen ihm sonst die Bude einrennen. Vor Ärger bin ich kurz davor, diesen Kulturversuch abzubrechen – ist mir einfach zu chillig.

Und noch einmal geht die Tür auf, diesmal, um einen weiteren Angestellten hineinzulassen, Bussi-Bussi-Hallo, nur wir lästigen Gäste dürfen wieder nicht. Immerhin stellt der Schnösel uns einen Elektrostrahler raus, der aber nichts hilft. Wo aber Gefahr (z.B. der kulturellen Resignation wegen asozialer Kälte) ist, wächst das Rettende auch: Die Tür öffnet sich endlich auch für uns. Sie lassen uns rein! Für entspannte fünf Euro. Mit Stempel auf Hand. Dann will ein kräftiger Mann noch unbedingt einen Blick in meine Tasche werfen. Könnte ja ne Bombe drin sein. Oder ein eingeschmuggeltes Bier. Dann darf ich durch.

Hej, ich bin drin! Ich bin im Watergate! Und es wird keine Niederlage, deshalb höre ich jetzt endlich auf zu meckern: Das unwürdige Warten und Frieren hat sich gelohnt und unversehens, sozusagen fließenden Übergangs, in sein Gegenteil verkehrt:in genießendes Da-Sein. Dieser Club ist nämlich wirklich ein toller Laden. Prätentiös unprätentiös. Einfache helle Wände, in der Mitte eine Bar und Riesenfenster zum Fluss. Sofort fühlt man sich wohl. Und voll wird es, immer mehr Leute drängen nach, obwohl es, glaub ich, gar keine nennenswerte "Pressearbeit" oder gar Werbung gibt für diese cross-over-Lounges. Die Stimmung ist gut, wird immer besser; links und rechts neben mir sitzen auf den beigen Kunstlederbänkenunanstrengende Kulturinteressenten, von denen die eine sich als ambitionierte Laiengesangsflötistin mit einiger Kenntnis im Instrumentalbau outet.

Die Renaissance-Pop-Band heißt passenderweise Panta Rhei. Und als sie anhebt zu spielen, klingt es wie Bio-Essen für die Ohren, unplugged und lecker; jede Stimme bekommt mit königlicher Harmonie ihr Renaissance-verbrieftes Recht. Als Zugabe für Bildungshungrige, die den Hals nicht voll genug kriegen, erzählt Ensembleleiterin Gaby Bultmann hörenswerte Anekdoten über Dowland und Elizabeth I., die Musikanten-Honorare bei Hofe, den kompromisslosen Liebeskummer des Earl of Essex oder auch über den noch ganz lebendigen Viereckige-Flötenerfinder, der lieber die runden bauen wollte und deshalb sein Patent auf die eckigen verkaufte. Der Bassflötist bedient zusätzlich eine akzentuierte Trommel und hin-und-wieder als running-gag sein Signalglöckchen.

Den Spaß, den die Musiker haben, teilen sie großzügig mit dem Publikum, während die Klangcollage von „DJ Gagarino“ aus der Konserve sich glänzend einfügt, ergänzend und bereichernd. Kurzum: Alles stimmt. Auf verblüffende Weise passt diesejugendliche Tanzmusik aus alten Zeiten mitten in die heterogen-heutige Berliner Konzert-Landschaft. Und ins Watergate. Das Flöten-Quintett fügt sich schmiegsam in die demonstrativ neue Welt, in der alles im Fluss ist, und so vieles Klang, und ich möchte hiermit eine kleine Lobeshymne anstimmen für die Klassik-Lounge, das Kulturradio, dessen Musikchef Christian Detig (bekennender Anti-E-U-Musik-Unterteiler) – und auf anständiges Radio überhaupt: Merci beaucoup. Thanks a lot. DANKE!

[Nächster Termin: 27. Februar 2012 (Céline Moinet & Ni Fan - whatever that may be... I will wait - and be there -)]

EDIT 19. Januar 2012:
Übrigens kam eine freundliche Antwort der Flötistin auf meine Komplimente, die ich ihr per Mail sandte. Sie freute sich, das Draußenstehenmüssen tue ihr Leid (davon wussten die Musiker drinnen offenbar nichts), es müsse am Fernsehen gelegen haben, die einen 5-Minuten-Beitrag gedreht hätten.

20:08 17.01.2012
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Geschrieben von

Katharina Körting

„Die Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet.“ (Pippi L.)
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