Deutschlands Integration: Welche Gesellschaft wollen wir bilden?

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In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? In was für einem Land – in was für einer Stadt wollen wir unsere Kinder aufziehen? Wollen wir tatsächlich ein soziales Umfeld entstehen lassen, in dem ernsthaft über Gebärprämien für Besserverdienende räsoniert wird? Ist das noch gesund – oder nicht eher schon gefährlich nahe dran an der kranken Akzeptanz von Zwangssterilisation oder, sagen wir, Beugehaft für Akademikerinnen, die die Schwangerschaft abbrechen wollen? Solche Fragen, oh Graus!, stellen sich – wieder! – in Deutschland.

Die Debatte über Integration ist heißgelaufen. Gerade Berlin, in dem so viele verschiedene Kulturen zusammen leben, ist davon betroffen. Da finden zurzeit nicht wenige, dass der Sarrazin, Thilo zwar ein bisschen „übertreibt“, „zuspitzt“ oder „polemisiert“, aber doch mit seinen Thesen und Sprüchen Gutes bewirke, weil er eine längst fällige Debatte über Integration verursache. Das hört man– im eigenen "sozialen Umfeld"!

„Integration“ ist ein Wort, das man eigentlich in Anführungszeichen setzen muss, weil es unpräzise, zum Teil sogar mit gegensätzlicher Bedeutung verwendet wird und nie politisch oder ideologisch neutral ist: Jeder meint und will etwas Anderes damit. Ein großer Teil der CDU meint damit zum Beispiel „Anpassung“ der „Fremden“ an eine ebenfalls ungenau definierte, aber klar vorausgesetzte „deutsche“ „Kultur“. Sarrazins Thesen meinen Bedrohung, Exklusion, Eliteförderung im Namen von Statistik, Pseudowissenschaftlichkeit und Rendite. Sozialdemokraten, Grüne und andere eher Linke benutzen das Wort Integration als politischen Handlungsauftrag mit klarem Ziel: ein für jeden einzelnen Bürger, für jede Bürgerin fruchtbares und chancenreiches Zusammenleben in friedlicher Gemeinschaft. Das heißt in erster Linie: BILDUNG FÜR ALLE. Ohne Chancengleichheit gibt es keine soziale Gerechtigkeit.

Toleranz – lächerlich?

Klar: Man muss genau hinschauen, was ist, sachlich prüfen, was ggf. schief läuft, kluge Lösungsvorschläge machen – und klar sagen, was werden soll. Zurzeit jedoch ist eine konstruktive Diskussion gerade durch Sarrazins destruktive Stimmungsmache schwer möglich. Die „Integrations-Debatte“ ist auf ihrem Weg von einer notwendigen öffentlichen Diskussion hin zum Besserwisser-Stammtisch abgerutscht, so gesättigt mit Ressentiments, so gefüttert mit diffusen Ängsten, so selbstgerecht in ihrer Diktion und in ihrem kaum verhohlenen Dünkel so weit von realistischer Politikbetrachtung abgekommen, dass man mittlerweile fast befürchten muss, ausgelacht zu werden, wenn man für Ziele wie soziale Gerechtigkeit, Bildungschancen, Toleranz und Akzeptanz eintritt.

„Multikulti“ gilt als Träumerei von „Gutmenschen“. Die harten Fakten seien andere, wird einem entgegengehalten. Ein Bedrohungsszenario wird aufgebaut, das Kopftuch zum Angriff auf die freiheitliche Grundordnung aufgebauscht. Von „Deutschen“-„Mobbing“ ist die Rede, wenn Nichtmuslime von Muslimen abfällig als „Schweinefresser“ bezeichnet werden. (Das klingt wie ein verspätetes Echo auf die italienischen „Spaghettifresser“ von anno dazumal. Mittlerweile essen übrigens alle herkunftsdeutschen Berliner Nudeln – und sind immer noch nicht alle katholisch oder für Berlusconi). Dringend notwendige Unterscheidungen werden verwischt, religiöse mit nationaler Zugehörigkeit gleichgesetzt – und Selbstbestimmung gerade von Muslimen und Musliminnen gerade dadurch erschwert.

Und nun spricht man auch – wieder – von genetisch weniger oder mehr Intelligenzbegabten. Man behauptet – wieder! – allen Ernstes einen wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung von Armut und Dummheit. Von „Bildungsnähe“ und „Intelligenz“. Man betreibt Determinismus vom Feinsten und stellt, sozusagen als Sahnehäubchen des rechtspopulistischen Endlich-wieder-Sagen-Dürfens, Einwanderung unter das Primat wirtschaftlicher Verwertbarkeit. Mit Blick auf eines der reichsten Länder, in dem wir ja leben, finde ich gerade das ganz besonders bedrückend:Wenn man Menschlichkeit zur Ware macht, wird soziales Verhalten schnell zur Fehlinvestition. Dann wird ein ganz anderes „Mobbing“ salonfähig: der schlechtbürgerliche Mob nämlich.

Exklusiver Kulturkreis mit Migrationshintergrund

Auch „Kulturkreis“ ist so ein Wort, das neutral scheint, jedoch exkulsiv wirkt, denn die Zugehörigkeit zu diesem Kreis entscheidet ein diffuses Ich-Sager-„Wir“ in Abgrenzung gegen „Die anderen“, die sich gefälligst erstmal bemühen sollen, dazuzugehören und bis dahin ausgeschlossen sind.Ohne Migration gäbe es auch diesen Kulturkreis jedoch nicht, egal, wie weit man in die Geschichte zurückgeht: Deutschland insgesamt hat Migrationshintergrund. Nationalsozialistische Versuche, eine irgend germanische Reinheit auf genetischer Grundlage herzustellen, endeten in einer weltweiten Katastrophe. Deshalb allein ist es für einen aufrechten Bürger dieses Landes egal welcher Herkunft unmöglich, sich pseudowissenschaftlich auf biologistische oder längst überholte darwinistische Lehren zu berufen: Wer meint, die eigene Geschichte und moderne wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren zu können in Namen einer irgend deutschen Rettungsmission, begibt sich zwangsläufig in schlechte Gesellschaft.

Ich fürchte, wir befinden uns auf einem schlechten Weg dorthin – und in so einer Gesellschaft will ich nicht leben. Ich will nicht, dass meine Kinder in einem Land aufwachsen, das ungleiche Chancen zementiert und andere Kinder von Bildung und Anerkennung ausschließt, weil sie diese oder jene Namen oder Kleidung tragen, diese oder jene Eltern haben, diese oder jene Religion ausüben oder nicht ausüben. Ich will ein Land, das alles für seine Leute tut: Eine gute Schulbildung und ein lebenswertes soziales Umfeld für jedes Kind machte die Integrationsdebatte samt ihren wohlfeilen Bestsellern überflüssig. Andernfalls, fürchte ich, wird sich die Sarrazinsche „Prognose“ erfüllen: Dann schafft Deutschland als lebenswertes, soziales, fortschrittliches Land sich tatsächlich ab.

11:44 09.10.2010
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Geschrieben von

Katharina Körting

„Die Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet.“ (Pippi L.)
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