Gebt ihm neue Kleider! Ein Versuch über Aufklärung

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"Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeitherauszuarbeiten. (…) Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich. (…) Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“ (Kant)

An den Küchen-, Stamm- und Redaktionstischen der Nation wird in diesen Tagen viel von Würde gesprochen. Und von Klärung. Der Bundespräsident solle (sich) er-klären, endlich Antworten geben, am besten die ganze Wahrheit sagen (die Wahrheit, mein Gott…), um Licht ins Dunkel der von ihm selbst geschaffenen Unklarheit zu bringen. Endlich die Sache vollständig aufklären.

Denn es gibt so viele offene Fragen… so vieles, das man nicht versteht– so als mehr oder weniger einfaches Volk. All dies Reden über Amt und Würden zum Beispiel. Was hat es damit auf sich? Würde so eine Würde des Amtes fehlen, wenn sie fehlte? Wie hat man sich das vorzustellen? Und wer verleiht sie wem mit wessen Befugnis, diese Würde? Das Amt? Der Amtsinhaber selbst? Die Kanzlerin? „Die Medien“ ? – oder das Volk? Also „Wir“?

(Wer sind wir denn?)

Vor welcher Würde ziehen wir den Hut? Welcher Amtsmacht beugen wir uns? Und ist es würdevoll, vom Volk, dem hohen Amtsmann die Schuhsohlen zu zeigen, als sei er der Diktator einer würdelosen Bananenrepublik? Begibt sich „das Volk“ damit nicht „auf Augenhöhe“ mit einem, der seine Würde verschenkt, indem er würdelose Sätzeauf den Anfrufbeantworter eines Bananenblattchefs spricht?

Manche fragen auch gar nicht in echt, sondern so wie Lehrer, die die Antworten schon kennen. Besserwisserisch. Die Nahles zum Beispiel, die Generalsekretärin (was für ein Wort: Generalsekretär, klingt ähnlich hybrid wie der Krieg und das Stahlgewitter, von denen es im Bundespräsidialamt tönt: kleingeistmilitärbürokratisch…). Wenn die Nahles vom Bundespräsidenten Aufklärung fordert – beansprucht sie die dann für sich? Will sie es wirklich wissen? Wenn sie, die Generalsekretärin, von „ihrem“ Bundespräsidenten gute Reden verlangt, Aufrichtigkeit, Haltung, Worte über Moral – braucht sie das? Hat sie, die Nahles, die Integrität des Bundespräsidenten nötig? (Integrität bedeutet übrigens Unversehrtheit). Damit sie da unten unbehelligt ihrem „politischen Tagesgeschäft“ nachgehen kann? Oder meint sie in Wahrheit uns damit, die Demokratieschüler, die noch lernen: Wir, Volk, haben nämlich diesen Anti-Hindenburg zu brauchen.So will es das Grundgesetz. Dasteht nicht das Amt oder der Staat im Mittelpunkt. Sondern der Mensch.

(Das sind ja wir!)

Und wenn sie den Bundespräsidenten kritisiert, die Nahles, und von der Kanzlerin dies oder jenes fordert – tut die das dann, um die Würde des Amtes zu schützen? Garfür die Wahrheit? Oder geht es nicht auch ihr, der Generalsekretärin (denn das ist ihr Job!), in Wirklichkeit um ihre eigene politische Sache, die ja vielschichtig ist: sich durchsetzen gegen all die Männer um sie herum, gegen die Merkel wettern, beim Kanzlerkandidaten mitbestimmen, das Volk vertreten, sich möglichst wenig angreifbar machen – etc. All diese Motive bewegen die Nahles und ihre Kollegen. Ihre Rufe nach Würde und Integrität scheinen mit dem Bundespräsidenten eher wenig zu tun haben; der bewegt sich nur am Rande des politischen Tagesgeschäfts, tritt erst ins Rampenlicht, wenn er schwächelt.

(Aber dann!)

Dann schalten 11 Millionen Polit-Voyeure den Fernseher ein. Schauen zu, wie der Bundespräsident sich als Negativ-Joker anbietet. Da greift nicht nur die Nahles zu (das ist ihr Job), funktionalisiert ihn, den Bundespräsidenten und dessen Fehlverhalten, so wie zuvor die Merkelsche ihn, den Partei“freund“ instrumentalisiert hatte im Machtsicherungspoker.

(Wissen ja alle.)

Das weiß auch das Volk: Es war doch von Anfang an für jeden, der sehen kann, sichtbar: Da kommt der falsche Mann ins falsche Amt. Ein überschätzter Hybrid. Vielleicht ist es deshalb jetzt so ungehalten, das Volk, und reagiert selbst so würdelos: Allzu durchschaubar war die Inszenierung, und wie da die WÜRDE DES AMTES angetastet wurde – in unser aller Namen!Wenn sie uns schon für dumm verkaufen, dann bitte nicht so billig! Da sind wir doch Besseres gewohnt, wir, Volk! Glaubhafteres! Und nun servieren sie uns hier diese Schmierenkomödie, die sich ihrer eigenen Tragik nicht mal bewusst wird! Es war doch so offensichtlich, von Anfang an, dass dieses Mensch aus Osnabrück genug mit sich selbst, seiner Frau, seinem Image und seiner Karriere zu tun hat. Wie soll er sich da auch noch ums LAND kümmern! Also um uns – das Volk. Das kann man nicht erwarten.

(Wir sind das Volk, der Chor singt weiter.)

Aber das Volk ist stur. Das Volk erwartet das Unmögliche, fordert von einemAngeber, dass er von jetzt auf gleich zum Tonangeber wird. Wie soll er das machen – er hatte doch gar keine „Karenz“zeit! (Karenz heißtübrigens Entbehrung, Verzicht.) Konnte sich ja gar nicht vorbereiten! Das zumindest, findet hilflos der Bundespräsident, sei nicht sein eigener „schwerer Fehler“, sondern quasi Schicksal. Ein schweres Schicksal eigentlich. Suggeriert es in jenem Fernsehinterview, das wir alle sehen wollten – Und eigentlich könnten wir uns darüber freuen – wir Volk, die wir so oft als „politikverdrossen“ bezeichnet werden, mit besorgtem Unterton, als handle es sich dabei um eine schwer zu heilende, chronische Krankheit. Freuen wir uns, dass wir gespannt unserem Bundespräsidenten im Fernsehen zuhören! Das interessiert uns!Unser Bundespräsident liegt uns am Herzen – nicht, weil er „nett“ ist. Oder ein armer Sünder wie wir. Da oben wollen wir keinen Menschen wie du und mich – nicht wenn der uns 30 Millionen im Jahr kostet. Von uns haben wir schon genug. Da oben verlangen wir Glanz und Gloria– und nicht die lässliche Sündigkeit des Alltags.

(Ist das etwa zu anspruchsvoll?)

Auf dem höchsten Amt des Staates soll kein netter Mann sitzen, sondern ein Großer – und das eine ist mit dem anderen nicht vereinbar. Der Bundespräsident ist der, der uns sagen muss, dass wir den Gürtel enger schnallen – und dieser, der amtierende, der will die Torte selbst behalten und aufessen. Der will nett sein und groß. Beansprucht, ein Mensch zu sein – als wäre das nicht selbstverständlich. Bittet sein Volk dafür um Entschuldigung, dass er so ist wie er ist: ein netter Junge von nebenan, der auch mal Fehler macht, der an den alten Freunden hängt, die ihm geholfen haben zu werden, was aus ihm geworden ist. Das ist doch nur menschlich?

(Nett sein gilt nicht!)

Nett sind sie alle, solange man ihnen nicht dumm kommt – dann kriegen sie z.B. einen „Wutanfall“ oder entlassen ihren Pressesprecher. Wer nett ist, wird nicht Minister(präsident), auch nicht Generalsekretär(in) oder Chefredakteur. Wer nett ist, bleibt man schön zuhause und isst ein Stück Kuchen. Die anderen, die da oben, die Tonangeber, die können nicht nett sein.Oder „menschlich“. Alles kann man nun mal nicht haben in der großen weiten Welt. Das weiß der Bundespräsident mindestens so gut wie sein Volk, denn aus dem kommt er ja.

Nun ist er aber nicht mehr Volk, sondern Bundespräsident. Das muss er noch lernen. Wie das geht. Hat er gesagt. Der da auf dem Bundespräsidentenstuhl sitzt, spielt noch. Und behält dabei nicht immer die Hände über der Bettdecke –böser Junge! Im höchsten Amt des Staates zittert ein Kind mit zu großen Klamotten am Leib im kalten Wind, der ihm entgegen bläst; hat schon ganz rote Wangen. Ein Junge, der noch an sich arbeiten muss.Ein guter „Kerl“, sagen seine „Freunde“, einer, der sich – braver Junge! – für sein Fehlverhalten entschuldigt. Der für seine „Leistung“in diesem „Job“ gute Noten bekommen will (von wem eigentlich? Von „den Medien“? Von seiner Frau? Von Ferienhausvermietern auf Norderney? Von Günther Jauch? Papa? Dem Papst?) Man reibt sich die Augen, wie da einer sein Amt und die ganze Nation„missbraucht“, um sich selbst zu rechtfertigen, sich ins Blitzlicht(und keineswegs Stahl!)gewitter stellt und um Absolution buhlt. Unser Bundespräsident bittet uns um Gnade – und vergisst dabei, dass doch er kraft seines so verdammt würdevollen Amtes derjenige ist, der irgendjemanden begnadigen kann.

(Bitten wir ihn also um Gnade:)

Herr Bundespräsident, wir flehen Sie an. Hören Sie auf, um unser Mitleid zu heischen.Sie sind der höchste Mann im Staat – bitte vergessen Sie sich nicht mehr öffentlich und arbeiten Sie weniger laut an sich und ihre Versuchungen, sondern sprechen von wichtigeren „Themen“. Zukunft und so. Bildung. Fortschritt. Freiheit. Sie wissen schon. Wir wollen nicht Ihre Ferienwohnung besichtigen, sondern Sie - in angezogenem Zustand, mit angemessenem Abstand. Bitte, Herr Bundespräsident, machen Sie uns glaubwürdig glauben, dass wir an Sie glauben können! Wir flehen Sie an: Erlösen Sie uns und machen Sie anständig Ihren Job, bevor der Sie Ihr teures Amt kostet. Das kann doch nicht so schwer sein? Später, beim Bier (oder, wenn’s sein muss, auch Saft) können Sie dann immer noch über Würde reden, mit Ihren Freunden, falls Sie möchten. In Ordnung? Aber vorher bringen Sie diese Sache in Ordnung! Geben Sie uns unsere Würde zurück.

(Und führe uns nicht in Versuchung...)

Denn nur für uns, Volk,wurde dieser machtlose Bundespräsident erfunden. Damit wir einen „Repräsentanten“ haben. Der keine böse-böse Macht hat, sondern drüber steht,über den drei Gewalten:unser souveräner Stellvertreter auf Erden, ein Eunuch, eine pouvoir neutre, ein Bundespapst, dessen Wort gelten soll, auch wenn sich keiner dran hält. Weil es gut tut, wenn man das immer mal wieder gesagt bekommt, ins eine Ohr rein – durchs andere raus. Das mit der Toleranz und mit der Moral und so. Wellness für unsere werteburnoutete Staatsbürgerseele soll er uns bieten.Und nebenbeiunser Glaubensproblem lösen, das in Wahrheit ein Demokratieproblem ist. Wir brauchen ihn, damit wir an uns selbst, an unsere Demokratie glauben können, die wir uns allzu oft, mit dem Feuer spielend, inszenieren lassen, als Fernsehshow oder Youtubeclip.

Der Souverän ist bequem geworden, ein Demokratiezuschauer, der jedem Teilhabe-, jedem direkten Mitbestimmungsversuchden „Wutbürger“stempel aufdrückt. Auch deshalb brauchen wir ihn, unsern Bundespräsidenten: Damit er uns Unmutbürger schüttelt, wachrüttelt, immer wieder.Dafür geben wir ihm doch all die teuren Kleider: um unsere Blöße zu bedecken. Dennwir haben ja nicht mal mehr „die Intellektuellen“, die „die Obrigkeit“ ersetzen oder wenigstens erschüttern könnten, durchKritik, Klarsicht, Erkenntnis, Unbedingtheit, Nachdenklichkeit. Wir haben sie alle vergrault. Passen nicht auf den Bildschirm. Trauen sich nicht mehr. Oder haben nichts mehr zu sagen. Finden ihren Platz nicht mehr in „den Medien“. Also muss er den Job auch noch machen, der Bundespapstkönigantihindenburgpräsident: intellektuell sein. Wie soll der arme Mann das schaffen?

(Der Souverän schweigt.)



12:35 10.01.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Katharina Körting

„Die Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet.“ (Pippi L.)
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