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Da isse ja endlich, unsere Opposition! Mit einem Herzerwärmer für Taktiker, Strippenzieher, Schauspieler und den Rest der Nation! Nimmt sich ausnahmsweise die Kanzlerin zum Vorbild und lässt für einen Moment alles Inhaltliche außen vor. Ja: Den Gauck auf den Kandidatenschild zu hieven, ist ein Meisterstück politischer Taktik. Hundsgemein, hinterfotzig, wirkungsvoll.

Ein Bravo den rot-grünen Strategen! Ein so geschickter, ja kluger Schachzug verdient Anerkennung. Allein wegen der Belebung der aktuellen Berliner Polit-Parkett-Szene: Besser kann es doch gar nicht laufen zurzeit – nicht nur, was den Unterhaltungsfaktor für den interessierten Beobachter betrifft.

Die Benennung von Gauck schlägt so viele Fliegen mit einer Klappe, dass einem ganz schwindlig wird – und der Effekt ist umso größer, als der Ausgang der Wahl fast egal wird: Rot-Grün hat symbolisch schon jetzt gewonnen.

Was sehen wir?

Eine Linkspartei im altbekannten Verweigerungsdilemma. Eine „aufs Allterhärteste“ über die eigenen Worte strauchelnde Kanzlerin, die den Kandidaten der Gegenseite vor kurzem noch lautstark würdigte. Die CSU, die denselben 1999 ins präsidiale Spiel brachte. Einen niedersächsischen Ministerpräsidenten, von dem man nicht gedacht hätte, dass man überhaupt mal Mitleid mit ihm haben könnte. Und da ist – lasset uns feixend die Hände reiben! – die FDP.

Austeilen, Anzählen, Auftrumpfen

Joachim Gauck bringt nicht nur die Unionsparteien in Bedrängnis, sondern mehr noch – und allein das lohnt das Schauspiel! – die FDP. Deren Vorsitzender und Außenminister verhält sich in dieser Sache ungewöhnlich still, wirkt beinahe zurückgenommen. Zwar spricht man schon kurz nach Regierungsantritt von der „angezählten“ Koalition, Sportlsprache ist ja Pflicht, wenn die WM ins Haus steht, aber am „angezähltesten“ ist deren glückloser Guido. Wie der seine Felle davon schwimmen sieht – und zwar alle! – lässt doch das schadenfreudige Herz links höher schlagen. Um dieser herrlichen Gemeinheit willen muss es doch sogar unter stockkonsequenten Linken erlaubt oder gar geboten sein, einen Freiheitsapostel in den Dienst der Sache zu stellen – wenn’s der Wahrheitsfindung – und der Koalitionsschwächung – dient. Da fällt ja sogar einem Stoiber zum eigenen Kandidaten (bei Anne Will gestern) nicht viel mehr ein als dessen Einstehen für „Generationengerechtigkeit“, weil der ja, also der Christian, jünger als der Joachim und außerdem Vater eines kleinen Kindes sei… Wenn es nicht so lächerlich wäre, wäre es zum Lachen. Aber auch so ist es noch ziemlich lustig.

Neue Blockpartei für Gauck: die bürgerliche Presse

Noch lustiger: Blockparteiähnlich begeistert sich die konservative Presse für den rot-grünen Gegenkandidaten. Da lacht man sich, so ist zu vermuten, im Willy-Brandt-Haus, bei den Grünen, in den Büros Steinmeier/Oppermann gerade so wunderbar ins Fäustchen wie seit Jahren nicht. Und mit gutem Grund! Und zu Recht!

Klar hat auch die wohlfeile Empörung gegen Schwarz-Gelb – „parteipolitisch-böse-böse-wo-bleibt-der-Repsekt-vor-demAmt!“ – einen leicht bigotten Beigeschmack. Denn auch Gauck, bei allem Respekt, wäre ja nicht reinen Herzens und aus purer Sachlichkeit aufs Tablett gekommen, sondern um dem Gegner so richtig schön eins einzutantern, wie man unter Kartenspielern sagt. Ihm einzuschenken. Eine harte Nuss zu knabbern zu geben, an der er sich die angefaulten schwarz-gelben Zähne ausbeißt. Ja, so wünscht man sich eine schlagkräftige Opposition, die gerade von ihren Widersachern lernt: verspielt genug, um ernsthaft austeilen zu können, klug, flexibel, schauspielerisch unübertroffen, vorausschauend, mit allen Wassern gewaschen. Alles fließt, da kommt Bewegung auf.

Ideologisches Alleinstellungsmerkmal "Freiheit" in Gefahr

Die FDP gerät ohnehin seit Wochen steuer“inhaltlich“ in programmatischen Zugzwang – die Jungs liefern nämlich nicht. Und jetzt noch diese Parade! Liberale haben ja strenggenommen, wenn sie ihre „Freiheit“ als ideologisches Alleinstellungsmerkmal nur ein klein wenig ernstnehmen, mit dem Patchwork-weichgespülten Konservativen Wullfungleich weniger gemein als mit dem kantigen Gauck. Die Benennung des einstigen Pfarrers drängt den Liberalen, denen die eigene Liberalität abhanden zu kommen droht, nicht nur eine Freiheitsdebatte auf, sondern zwingt auch – schon wieder! – ihren Blick auf eine rot-grün-gelbe Option, die mittelfristig – wie hier auf dieser Plattform kürzlich von Steinmeiers Ghoststrategen Oliver Schmolke gefordert – zu führen sein wird. Denn so redet es sich im politischen Berlin daher: „zu führen sein“. Klingt nach Kampfkraft. Nach Zukunft. Und die liegt, nach dem Willen eines beharrendenTeils der SPD und der Grünen, bei einer Öffnung der FDP hin zu einem Koalitionspapa, nein -partner SPD. Rot-Grün-Gelb. Wenn NRW das nun auch noch vormacht, wird der 30. Juni womöglich der letzte Tag von Schwarz-Gelb sein. Das wieder aus dem Sprachgebrauch verschwundene „Gaucken“ könnte – als semantische Adaption – ein unerwartetes Revival erfahren – „die ist gegauckt worden“ würde Synonym für „die ist abgezockt worden“. Nur das Ergebnis wäre dasselbe wie zu Zeiten der Gauck-Behörde: Die Gegauckte muss gehen.

Kreativ Kopfstehen mit Gauck

Unter einem Bundespräsidenten Gauck wäre die Republik nicht mehr kopf-, aber vorübergehend regierungslos, weil wegen anstehender Neuwahlen die Exekutive fehlt. Man kann sagen: Hier heiligt tatsächlich ausnahmsweise der Zweck die Mittel – der da lautet: Freiheit, von einer Kanzlerin Merkel, von einer schwarz-gelben Regierung, frei werden für die Wahl einer kompetenten Bundesführung. Denn eigentlich, und das wissen auch wir Schadenfrohen alle, ist das Ganze ganz und gar nicht lustig.

Verehrte Bundesversammelte, wir rufen euch deshalb auf: Wählt Gauck! Der Respekt vor dem Amt gebietet in diesem Fall eine Gewissensentscheidung! Schlicht aus taktischen Gründen! Damit die liebe Freiheit ihre Ruhe hat! Und damit die Republik den amtierenden Dilettant-Taktismus hinter sich lassen und in Richtung der guten alten Dialektik aufbrechen kann: zu neuen Ufern!

15:51 07.06.2010
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Geschrieben von

Katharina Körting

„Die Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet.“ (Pippi L.)
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