Wann breiten wir uns in unserer eigenen Schönheit aus?

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Bist du schön? Bist du dünn? Bist du dick? Jedenfalls bin ich dicker als du. Der Spiegel sagt es mir. Er lügt mich an. Ich lüge mit. Ich passe mich an. Ich betrachte mich von außen, vergleiche mich mit einem absichtlich so perfekt gestalteten Ideal, dass es unerreichbar bleibt. (Perfide!) Damit ich immer was zu tun habe, und immer genügend blöd finden kann an mir, woran ich ARBEITEN muss – und da draußen auf all die Dinge reinfalle, die ich HABEN muss, die ich KAUFEN soll, damit irgendwann alles gut, perfekt, glücklich, fit und gesund ist, wenn ich mich nur genug anstrenge, und wenn man älter wird, ist es noch schlimmer, noch teurer, unbezahlbar.

Die Körper haben eine Schwerkraft. Ein Gewicht.

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Neulich auf dem Trimmdichgerät im Park: Eine Besessene, ca. 65Jährige, immer allein. Geliftetes Lächeln oder angestrengtes Mitzählen der Zeit und der Übungsschritte. Erzählt jedem, dass sie täglich zwei Stunden stramm trainiert. Dünn ist sie, diszipliniert, "sieht gut aus", "hat sich gut gehalten", teure Frisur, teure Fitnesskleidung, teures Gesicht, das verkneift sie, blafft alle Kinder an, die es wagen, neben ihr SPASS zu haben, weil sie die Geräte "falsch" benutzten, sagt sie, und die seien auch gar nicht für Kinder blablabla, denn es ist ja eine ERNSTHAFTE Sache, nicht wahr, was sie da tut! Möchte ich so sein? So werden?

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Dies ist kein journalistischer Text. Auch kein Ratgeber. Vielleicht ein Pamphlet? Oder ein Versuch. In eigener Sache. Entscheide du.

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Wo ist der Weg, auf dem ich älter werden kann, ohne zu leiern? Welche Platte spielt meine Musik? Wie oft lebt man? Vermutlich dieses eine Mal. Was fühlt sich gut an, in dieser kurzen Zeit? Was macht etwas besser? Werde ich selbstbestimmt rosten können? Wie mache ich das? Davor habe ich Angst. Ich lasse mir Schrott andrehen, der kein Glück bringt, aber angeblich dies OPTIMIERT und jenes ATTRAKTIVER macht. An was glauben?

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Ich bin keine Ratgeberin. Lieber möchte ich wütend sein, und klinge doch so klein dabei. So dünn. So leise. Auf etwas anderes wütend sein als auf mich selbst. Was läuft falsch? Warum reproduziere ich das Falsche am eigenen Körper, anstatt es zu benennen – dem Falschen MIT MIR zu begegnen? Als GEGNER! (Was läuft denn falsch? Was stimmt da nicht?)

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Kontrolle ist nötig. Wir haben uns daran gewöhnt. Der natürliche Umgang mit Nahrung, mit unseren Körpern, mit Berührung ist verloren. Das ist so! Für immer? Gibt es etwas Neues? Was machen wir daraus? Wie können wir unsere Kontrolle kontrollieren? Das Bedürfnis danach lokalisieren? Uns die eigene Bestimmung aneignen?

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Es geht nicht darum, sich gehen zu lassen – im Wortsinn. Oder darum, sich vollzustopfen. Das wäre ja weder angenehm noch gesund noch hülfe es irgendjemandem außer den Produzenten der Junkfood-Industrie. Fettsein ist nur die andere Seite der Körpermissachtung (Selbstverachtung): Vollgestopfte Roboter, die das Glück in Chips und Kuchen und Cola und Gedankenlosigkeit und Fettfleisch und Dreck suchen, vergebens, je mehr sie fressensuchen, desto mehr Unglück brauchen sie. Man nennt das Sucht: sich innen verdrecken, der Außenwelt anpassen, sich gleichmachen.

Die Welt ist süchtig nach Dreck. Sie lebt davon! Ist sie veränderbar? Weniger Dreck fressen! Nicht weniger sein, sondern weniger Hungern, Fressen, Schamhaarrasieren(lassen), Vergleichen, zwanghaft Shoppen, Relativieren, Depressivwerden, Tabletten schlucken, sich mit Alkohol, Sentimentalität, Heilsversprechen betäuben, FünfStundenprotaginsfittnesstudio gehen – das Fehlen weniger normal machen. Hingucken – weg vom eigenen Schwabbelsixpack.

Kranksucht. Selbsthass. Macht schwach.

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Kontrolle ist nötig, wo Vertrauen fehlt. Ich misstraue mir. Schwach fühle ich mich sicherer. Wovor habe ich Angst? Was kann ich mir tun?Habe ich Angst, dass ich die Kontrolle verliere? Über mich? Über das Wenige, das ich in diesem verwirrenden Leben ÜBERHAUPT kontrollieren kann? Niemand lässt sich verantwortlich machen für die GROSSE UNGERECHTIGKEIT, nichts als Strukturen, Systeme, Begriffe, Zwänge, Unterbau, Überbau – da sind keine Menschen, keine Gegner, keine Feinde, keine Partner, keine Freunde, keine Wegefährten– nichts als Zeitgenossen.

Niemand ist verantwortlich. Nur ich kleine Konsumentin bin Schuld. Also muss ich mich kontrollieren, verbessern, verkleinern. Verlieren. Habe ich Angst zu gewinnen? Fürchte ich die eigene Kraft? Dafür müsste ich einstehen, verantwortlich sein, könnte nicht mehr die kleine Konsumentin bleiben, die sich so große Mühe gibt, sich selbst kritisiert, beobachtet, quält, treibt, sich nicht über den Weg traut – dann stünde ich da... Im Weg! Unübersehbar. Machtvoll. Wirksam.

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Wer hat etwas davon, wenn ich mich schwach mache?
Kann ich das verantworten?
Habe ich etwas zu verschenken?

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FREI SEIN. Aber die Freiheit ist vergiftet von der „Freiheit“, die ich kaufen soll. Ich will die andere Freiheit, die nicht käuflich ist. Und nicht verhandelbar. Mit der Kraft könnte ich eine Menge anstellen.

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Ich weiß nicht, wie es geht.
Vielleicht geht es auch nicht allein.
Aber von allein geht es sicherlich nicht.

Wann breiten wir uns in unserer eigenen Schönheit aus?

Angeregt von:

Marie Schmidt/Laurie Penny: "Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen." Laurie Penny, Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus - tolle Rezension von Marie Schmidt

und Falk Richters/Anouk van Dijks PROTECT ME (Tanztextstück über das perfect me), heute noch mal zum Abschluss des F.I.N.D. Festivals aufgeführt in der Berliner Schaubühne

11:49 11.03.2012
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Geschrieben von

Katharina Körting

„Die Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet.“ (Pippi L.)
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