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"Wissen Sie, ich kann zwei Sachen messen“, sagte neulich eine Kollegin Mutter zur Lehrerin, „ die Zufriedenheit meines Kindes und seine Leistung…“ Man kommt ins Grübeln: Verfügt diese Mutter über ein Leistometer, das das Ergebnis der Messung in einer farbigen Excel-Tabelle darstellt? Misst sie die Zufriedenheit mit einem Gefühlsbarometer? Und darf das schwanken, oder muss es immer „Sonne“ anzeigen, weil sie andernfalls das Kind sofort von der Schule nimmt?

DeutschLand der Dichter und Denker macht Bildung zur „Chefsache“ und heizt durch seine „Bildungsgipfel“. „Die“ Wirtschaft hat kein Geld oder keine Lust mehr, genügend Ausbildungsstellen bereit zu stellen (und klagt über Fachkräftemangel). Die Lehrer im Lande stöhnen im Chor mit derselben Wirtschaft über die fehlenden Rechtschreib- und Rechenkenntnisse ihrer Schüler. Das Land reformiert seine Schulen, mal so mal so, und hüpft dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen und wieder zurück. Und an den Schulen rumort es genauso wie an den Küchentischen „bildungsnaher“ Eltern (oder derjenigen, die sich dafür halten).

Bildung = Leistung

Sie sehen sie ja auch überall, die Gleichung Bildung = Leistung = Zukunft. Also vergleichen sie das Angebot: an Schulen, Methoden, Umfeld und Lehrern, prüfen das Material, das Preis-Leistungs-Verhältnis wie beim Schuhe kaufen oder bei der Zahnspange: Da gibt es die Prekariatsvariante, „Komfort“ für die Mittelschicht und die Luxusausführung. An den Zähnen werdet ihr sie erkennen – und die Bildung ist entscheidend dafür, ob das was wird. Oder ob alles krumm und schief wächst, wie der Schnabel gewachsen ist. Null-acht-fuffzehn oder Privatschule? Sein oder Nichtsein?

So wie kaum ein Kind ohne Zahnspange die besten Jahre seiner Kindheit verbringt, so gilt es, aus dieser das Beste auch bildungsmäßig rauszuholen, blank zu putzen, Möglichkeiten zu wienern, zu zupfen, zu ziehen. Schule = Dienstleistung, denn immer und überall geht es um LEISTUNG, in Warnblinkfarben und mit Tatütata fremddefiniert. Nie ist es genug, und immer geht alles zu langsam. Der Zug ist so schnell abgefahren! Und die Fenster, die gefürchteten Zeitfenster, schließen sich so schnell, dass man keine Zeit verlieren darf, hinauszuschauen. Man muss etwas hineintun, bevor sie für immer geschlossen sind – Klappe zu Affe tot. Die Zeit drängt, drängt, drängt!

Panikähnliche Bildungsattacken

Schon im Grundschulalter gilt es, Nachweise zu sammeln, Zertifikate, die später in den Bewerbungsmappen diverse Qualifikationen belegen sollen – Rechenkönig, soziales Engagement, Frühenglisch… Alles soll dem Berufsleben nützlich sein, und dafür, für die künftige Leistungsfähigkeit, geben Eltern, die es sich leisten können, einen Haufen Geld aus: für die Zukunft. „Frühkindliche Bildung“, so gut sie gemeint sein mag, erhält da rasch einen schrillen Beiklang.

Doch das Leben ist laut, die Zeiten sind hart, da heißt es Ohren anlegen und durch, möglichst schnell, möglichst sehr gut, möglichst wenig abgelenkt. So quälen viele Eltern sich und ihre Kinder mit panikähnlichen Bildungsattacken und machen sich (gegenseitig) verrückt. Das natürliche Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder schwindet. Auch dem Lehrer traut man nichts mehr zu. Einfach so erfolgreich zu sein, in der Schule, im Leben, im Beruf, an Widerständen zu wachsen, Misserfolge auch ohne psychologischen Beistand zu verarbeiten – unmöglich! Also steuern, füttern, nachhelfen! Notfalls mit Coach und Vitaminpillen! Anders wird das nichts! Bloß keine Zeit verschwenden! Zeit ist Bildung! Wie Brennnesseln vermehren sich die Nachhilfe-“Institute“ auf den Betonböden unserer Städte; die Suggestionen wuchern, dass es ohne nicht geht, dass ohne nichts geht, dass die Schule nicht reicht. Hausaufgaben? Machen die bildungsnahen Mütter gemeinsam mit ihren Kindern, schreiben auch die Arbeiten mit ihnen. „Wir haben das Probehalbjahr bestanden“, heißt es dann. Mit Hängen und Würgen und Dauerstress für alle Beteiligten. Eine mal mehr – mal weniger unbeschwerte Kindheit, eine Schulzeit, die man weitgehend ohne Eltern hinkriegt und in der man auch mal gepflegt versagen darf, kommt nur noch in denjenigen Büchern vor, die die Kinder nicht mehr lesen und die Erwachsenen sicherheitshalber vergessen. Bildung wird zum großen Angstthema der Zeit, und die findet immer etwas Neues, was man nicht versäumen darf.

Indem Eltern ihre Kinder als Messlatte für den eigenen Erfolg missbrauchen, werden die kostbaren freien Räume des schwebenden, zweckfreien Seins zugestellt mit Ängsten, Konkurrenzen, Ansprüchen – und die Kinder darin, um die es angeblich doch geht, werden an jeder ellbogenharten Ecke gemessen, vermessen für eine Gesellschaft, die sich an ihrer eigenen Zukunft verhebt, während sie das Maß zusammen mit dem Ziel verliert: Bildung, die ein Mensch verdient – und Lernen, das ein Leben wert ist.

09:37 23.06.2010
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Geschrieben von

Katharina Körting

„Die Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet.“ (Pippi L.)
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