Zug um Zug: Künstliche Kandidatenmache

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I Die ausführliche Variante (wem diese zu lang ist, der möge bis zum Ende dieses Textes scrollen: dort steht die Kurzfassung)

Vom „natürlichen Kanzlerkandidaten“ ist zurzeit in Sachen SPD-Personalien die Rede. Allein aus dieser Bezeichnung, aus der vorweggenommenen Selbstverständlichkeit, spricht ein reichlich merkwürdiges Demokratieverständnis. Eine Betrachtungsweise, die womöglich – Zug um Zug – beim Schachspiel ihre Berechtigung hat, oder auch beim Pokern. Meinetwegen auch in der Bundesliga, wenn es um die Ab- und Beschaffung von Trainern geht. In diesem Fall jedoch darf man getrost fragen: Ab wann ist es nicht mehr natürlich, sondern peinlich? Oder: Was heißt eigentlich „natürlich“?

Gewachsen? Gewollt? Schicksal? Schmidt-Gnaden?

Steinbrück wird, ganz natürlicherweise aus dem Medienschaum geboren, aufs Schild gehoben hauruckdi! oder vielmehr gezogen wie eine Schachfigur des Schicksals: Steinbrück wird Schicksal.

Das Schicksal seiner Partei indes scheint zu sein, diesem total natürlichen Verlauf der Dinge tatenlos zusehen, und das in einer Zeit, in der die Partei sich öffnen will für Reformen, gar öffentlich nachdenkt über eine neue Mitbestimmungskultur, und überhaupt: mehr Demokratie wagen soll. Demokratie und Kultur sind nun leider das Gegenteil von Natur. Demokratie ist anstrengend und dauert. Demokratie ist lästig. Da wollen alle mitreden. Und jeder hat eine Meinung. Das stört. Der Natur sind Meinungen egal. Natur heißt „Friss oder stirb“. Wer zuerst zuschnappt, gewinnt. Wie will nun die SPD ausgerechnet mit dieser archaischen Agenda weg von der alten Basta-Mache, ausbrechen aus der hausgemachten Alternativlosigkeit? Reichen dafür gutmeinende Papiere und Wir-werden-es-besser-machen-Beschlüsse? Da ist von Vielfalt die Rede. Von Jugend, ja sogar von Frauen: Davon will man mehr! Mehr Vielfalt. Mehr Offenheit. Mehr Jugend. Mehr Inhalt. Mehr Frauen. Mehr Meinung, die sich bilden kann anstatt von oben wie ein natürliches Recht möglichst konform von unten eingefordert zu werden.

Stattdessen lassen sich die Genossinnen und Genossen ausgerechnet von Günther Jauch via Helmut Schmidt (oder umgekehrt) ausgerechnet den zuvor von FAZ-Spiegel-BAMS dem Volk unter die Nase geriebenen, alternativlos natürlichen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück servieren. Mit einer super Quote. Ein Witz? Nein, auch wenn Ex-Kanzlers Liebling für ironische Scherze bekannt ist.

Natürlich: Es ist ein in der Politik selten gewordener Genuss, den Ex-Finanzminister witzeln zu hören, seinem scharfem Verstand bei der Arbeit zu lauschen. Der Mann ist gewiss kein Dummkopf, ein erfahrender, verdienter, wenn auch keineswegs fehlerfreier Mann. Aber das sind viele Sozialdemokraten. Manche davon haben sogar mal Wahlen gewonnen. Steinbrück nicht. Steinbrück ist weder jung noch Frau noch vielfältig noch bewegt er „die Massen“. Seine „Sympathiewerte“ schlagen außerhalb der FAZ-Chefredaktionsstube oder des Seeheimer Kreises nicht gerade in sagenhafte Höhen aus, und besonders ausgleichende, integrative oder gar visionäre Eigenschaften konnte man bei ihm bislang auch nicht erkennen. Warum also ausgerechnet er? Was qualifiziert ihn? Des Kaisers neue Finanzmarktkritikerkleider?

Man reibt sich verwunderte die Augen ob der sozialdemokratischen Streitleitkultur: Kaum einer hebt auch nur zaghaft den Finger. Offenbar geht da die kollektive Ur-Angst um, dass der Opa Schmidt einem ganz doll drauf haut, auf den frechen, unbotmäßigen Finger. Du-du-du! Und fühlt sich geknebelt von den bösen, bösen „die Medien“, die ja immer, wenn einer etwas Anderes als der Parteichef zu sagen wagt, sofort wieder – Verschwörung! – etwas Ungünstiges schreiben über den „Zank“ in der SPD. Über „Unmut“ an der Basis. Und dann hat man den Salat. Daran will man nicht schuld sein! Da lässt man sich doch lieber die Kandidaten-Debatte lange vor der Zeit von der „bürgerlichen Presse“ aufdrängen, die vermutlich angefeuert wird vom einen oder anderen innerparteilichen Steinbrück-Fan, der das Anheizen, das Scharfmachen „natürlich“ nicht öffentlich täte, sondern auf den anderen, den bewährten, den Hintenrum-Wegen. Lieber schaut man – alte Gewohnheit – eine Weile genervt zu, wie aus dem erzwungenen Gerücht eine Meinung wird, stöhnt dann leise, wenn der Talk nach dem Tatort diese Meinung ganz unschuldig, ganz natürlich zum Sachzwang macht. Und dann, zu spät, kann man auf keinen Fall etwas dagegen sagen. Man darf den „natürlichen Kandidaten“ ja nicht jetzt schon beschädigen, nicht wahr?

So funktioniert Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität heute: eher mäßig. Eher nach dem Motto: Darf nicht, kann nicht, geht nicht.

Wohin dieser natürliche Kandidat mit seiner Kandidatur eigentlich will, was ihn, pardon für diese altmodische Sichtweise, abseits des Jauchschen Ritterschlags inhaltlich qualifiziert, wird dabei fast schon egal. So egal wie die bunte-Blatt-Relevanz, ob der Peer dem Helmut Du oder Sie sagt.

Sollte man nicht gerade in einer Mediendemokratie, und erst recht als Sozialdemokrat, immer wieder die politische Kernfrage stellen, an jeden Kandidaten: In was für einem Land, in was für einer Gesellschaft sollen wir leben? Und wie kommen wir mit dir da hin?

II Die Kurzfassung:

(Wie wäre es mit Hannelore Kraft?)

14:03 26.10.2011
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Geschrieben von

Katharina Körting

„Die Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet.“ (Pippi L.)
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