Bleib doch noch

Arbeit Die Deutschen leisten rund zwei Milliarden Überstunden pro Jahr, den Großteil unbezahlt. Wie lässt sich das ändern?

Sie war auch schon mal bis drei Uhr nachts im Büro, um vor ihrem Urlaub noch alles fertig zu kriegen. Charlotte Ahrens* arbeitet als Produktmanagerin bei einem internationalen Plattenlabel. Manchmal nimmt sie sich ein Taxi nach Hause, weil es schon so spät ist, wenn sie Feierabend macht. Es ist ihr Traumjob. Dafür nimmt sie die vielen Überstunden gern in Kauf.

„Ich habe von Anfang an richtig Gas gegeben“, erzählt die 30-Jährige. Jetzt, nach drei Jahren, hat sie endlich eine unbefristete Stelle ergattert. Weniger Überstunden macht sie deswegen nicht. „Mehr als 40 Stunden sind es eigentlich immer. Ich hatte irgendwann mal angefangen, mir meine Überstunden aufzuschreiben. Aber dann fand ich es sinnlos, meine Zeit damit zu vergeuden.“

Ende 2017 stellte die Linke im Bundestag eine kleine Anfrage zum Thema bezahlte und unbezahlte Überstunden in Deutschland. Die Antwort der Bundesregierung: 2016 haben Arbeitnehmer in Deutschland 1,7 Milliarden Überstunden geleistet, fast eine Milliarde davon unbezahlt. Die Gesamtstundenzahl der nicht entlohnten Überstünden entspricht der Arbeitszeit von 578.000 Vollzeitjobs, die ohne Bezahlung verrichtet werden. Das, so schlussfolgerte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), entspreche einem „Lohnklau“ in der Höhe von 20 Milliarden Euro, den Unternehmen ihren Arbeitnehmern vorenthielten.

Ihre Zahlen stützte die Bundesregierung auf Statistiken des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, wobei sowohl freiwillige Angaben von Unternehmen als auch von Arbeitnehmern einfließen. Die durchschnittliche Zahl der Überstunden nahm laut IAB 2016 im Vergleich zum Vorjahr etwas ab. Jeder Arbeitnehmer machte im Durchschnitt 19,7 bezahlte Überstunden, das sind 0,2 Stunden weniger als 2016, und 23,1 unbezahlte Überstunden, eine Stunde weniger als im Vorjahr.

Einen Skandal nennt Rolf Schmucker vom DGB die Zahl der unbezahlten Überstunden trotzdem: „Ein Arbeitsverhältnis beruht auf dem grundsätzlichen Tausch von Arbeit gegen Entgelt. Man könnte auch sagen, das ist Lohnklau.“ Nicht nur den Betroffenen entgeht durch die unbezahlte Mehrarbeit Gehalt, sondern auch den Sozialversicherungen. Dazu ist es wahrscheinlich, dass die offiziellen Zahlen das Volumen der tatsächlich geleisteten Überstunden noch unterschätzen, da Überstunden häufig weder vom Arbeitnehmer noch vom Arbeitgeber registriert werden.

Die vielen Überstunden sind kein neues Phänomen. Laut Enzo Weber vom IAB ist die Zahl der Überstunden in Deutschland seit der Wiedervereinigung weitgehend konstant, allerdings gehe der Trend dahin, Überstunden nicht zu bezahlen, sondern eher mit Freizeit auszugleichen. „Dass die Zahlen stabil sind, macht die Situation nicht besser“, sagt DGB-Mann Schmucker. Die Schwierigkeit, diese Situation zu verändern, bestehe darin, dass ganz unterschiedliche Konstellationen und Motive dazu führten, dass es zu unbezahlter Arbeit kommt. „Man kann das Problem nicht mit einer einzigen Lösung beseitigen.“

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel von Nele Orlowski*, die in der Verwaltung eines Krankenhauses arbeitet. „Im Dienst nach der regulären Arbeitszeit“, sagt sie, „haben wir ganz wenige Überstunden. Die fallen kaum an, weil wir eine gute Besetzung haben und die nächste Schicht kommt und die Kollegen ablöst.“ In einem mittelgroßen Krankenhaus ist sie als Case-Managerin für die Betten-Belegung des Hauses zuständig und arbeitet als stellvertretende Pflegedienstleitung. Das Krankenhaus gehört keinem Konzern, hat keine Aktionäre. Überschüsse werden ins Haus sowie in die Mitarbeiter reinvestiert.

* Name geändert

Die Stechuhr, dein Freund

Ihr Krankenhaus sieht Orlowski als Positivbeispiel in der Krisenbranche Pflege. „Bei uns entstehen die Überstunden fast nur durch den deutschlandweiten Personalmangel, wenn wir einfach eine Stelle nicht besetzen können.“ Wenn in diesem Fall Kollegen für ganze Dienste einspringen, werden die Überstunden im elektronischen Dienstplan erfasst und so schnell wie möglich mit Freizeit ausgeglichen. „Es gibt auch Mitarbeiter, die würden ihre Überstunden gern ausbezahlt bekommen, aber das Credo des Hauses ist, wenn man schon im Schichtdienst arbeitet oder wie die Ärzte im Bereitschaftsdienst, dann ist Freizeit enorm wichtig, um sich zu erholen.“

Dass lange Arbeitszeiten Stress verursachen und gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Herzprobleme, Rückenschmerzen oder Schlafstörungen zur Folge haben, ist bekannt. Gute Arbeit zeichnet sich auch durch ein angemessenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit aus. Die gesetzlich erlaubte Arbeitszeit sind acht Stunden pro Tag. Dabei sind viele Ausnahmen möglich, solange der Durchschnitt über einen längeren Zeitraum nicht höher ausfällt.

Rolf Schmucker führt für das Institut DGB-Index Gute Arbeit, dessen Leiter er ist, jährlich eine bundesweite repräsentative Befragung unter abhängig Beschäftigten durch, um Aussagen über die Qualität der Arbeitsbedingungen in Deutschland treffen zu können. Die Beschäftigten werden nach ihren Arbeitsbedingungen gefragt und danach, inwiefern ihre Arbeit für sie eine Belastung darstellt. 15 Prozent der Beschäftigten 2017 gaben laut DGB-Index an, dass sie oft oder sehr häufig unbezahlt arbeiteten, 23 Prozent sagten, dass sie dies selten täten.

Wie wahrscheinlich es ist, dass Überstunden gemacht werden, hat laut Schmucker auch mit der Arbeitszeiterfassung zu tun. Dort, wo es eine genaue Arbeitszeiterfassung durch die klassische Stechuhr, eine Chipkarte oder Ähnliches gibt, liegt der Anteil der Beschäftigten, die unbezahlte Mehrarbeit leisten, deutlich niedriger als dort, wo die Arbeitszeit nicht erfasst wird und die sogenannte Vertrauensarbeitszeit praktiziert wird. 26 statt 15 Prozent der Befragten aus dieser Gruppe gaben an, dass sie oft oder sehr häufig unbezahlt arbeiteten.

Auch Charlotte Ahrens arbeitet nach dem Prinzip Vertrauensarbeitszeit. „Ich bin extrem flexibel. Wir haben Kernarbeitszeiten von 10 bis 16 Uhr, und wenn ich mal erst um 11 komme, guckt auch keiner komisch. Wichtig ist nur, die eigenen Projekte zu schaffen.“ Laut einer Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ist der häufigste Grund für Überstunden, dass die gestellten Aufgaben in der vorgegebenen Zeit nicht zu bewältigen sind.

„Das ist der Dauerbrenner unserer gesamten Abteilung“, berichtet Ahrens. „Alle ächzen und sagen, es sind zu viele Projekte. Wir schaffen es nicht. Doch die Projektanzahl wächst und wächst. Die Zahlen des Unternehmens müssen eben stimmen.“ Eine Lösung ist nicht in Sicht. „Ich muss selber entscheiden, in welchen Projekten ich versuche, weniger Stunden zu investieren. Was extrem schwierig ist, wenn man mit Künstlern zusammenarbeitet, die sehr hohe Ansprüche haben, was auch legitim ist.“ Überstunden werden bei Ahrens im Unternehmen nie bezahlt, und auch der Freizeitausgleich ist eigenes Ermessen. „Wenn ich an einem Wochenende gearbeitet habe, weil da ein Fotoshoot oder ein Videodreh war,“ erklärt Ahrens, „dann kann ich natürlich sagen, ich komme am Montag nicht. Nur sind in der Zeit meistens alle anderen Sachen liegen geblieben, sodass ich häufig auch dann auf diese Ausgleichstage verzichte.“

Versteckte Überstunden, sagt Nele Orlowski, gebe es geringfügig auch bei ihr im Krankenhaus. „Es passiert natürlich schon oft, dass der Frühdienst sagt, ok, ich mach das jetzt noch schnell fertig, damit es nicht liegen bleibt, und bleibe eine halbe Stunde länger.“ Das liege an dem hohen Arbeitsethos und den Ansprüchen, die die Angestellten selbst an ihre Arbeit haben. „Insgesamt ist das Problem, dass versucht wird, an Pflegekräften zu sparen. Ich kann mir als Krankenhaus überlegen, möchte ich den Chefärzten ein besonders hohes Gehalt zahlen, dann muss ich an anderem Personal sparen. Das machen wir so nicht“, sagt Orlowski.

Pflegen, pflegen, pflegen

In der Pflege sind die Aufgaben klar. Die Arbeit endet, wenn der Arbeitsplatz verlassen wird. Charlotte Ahrens dagegen besitzt ein Diensthandy und einen Dienstlaptop, sie kann theoretisch immer und von überall aus arbeiten. „Es macht schon Sinn, vor Ort zu sein, weil ich mich dann mit Kollegen absprechen kann. Aber ich kann auch von zu Hause aus arbeiten oder wenn ich auf Reisen bin.“

Atypische Arbeitszeiten haben in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. „Seit Mitte der Neunziger gibt es einen deutlichen Anstieg von Menschen, die am Wochenende, abends oder nachts arbeiten“, so Rolf Schmucker. Das hat nicht automatisch etwas mit der Arbeitszeitdauer zu tun. Nicht nur die Anzahl der Überstunden blieb in den letzten Jahren relativ konstant, auch das Gesamtarbeitszeitvolumen, bei einer gleichzeitig wachsende Zahl von Beschäftigten. „Es gibt eine Polarisierung“, erklärt Schmucker, „auf der einen Seite gibt es deutlich mehr Beschäftigte in Teilzeit, insbesondere Frauen. Und auf der anderen Seite Vollzeitbeschäftigte, die teilweise auch sehr lange, sogenannte überlange Arbeitszeiten leisten, 48 Stunden und mehr pro Woche.“

Die Jungen arbeiten möglicherweise besonders viel, um sich beim Unternehmen zu beweisen. Von Führungskräften mit hohem Gehalt wird sowieso erwartet, dass sie Überstunden leisten. „Meine Chefs arbeiten extrem viel“, bestätigt Ahrens. Sie erzählt von den Versuchen ihres Unternehmens, E-Mail-Richtlinien zu verabschieden, mit denen insbesondere Führungskräfte dazu angehalten werden sollen, eine Vorbild- und Schutzfunktion einzunehmen, also spät und am Wochenende keine E-Mails mehr zu verschicken. „Das wird immer wieder versucht, aber das funktioniert überhaupt nicht“, erzählt Ahrens und lacht.

Es gibt Situationen, in denen Überstunden gerechtfertigt sind. Doch der Arbeitgeber darf sie nicht einseitig anordnen. Er braucht die Zustimmung des Beschäftigten und, wenn vorhanden, die des Betriebsrats, außer in extremen Notfällen, etwa Katastrophen. „Aber als Katastrophe zählt ein zusätzlicher Auftrag nicht“, merkt Schmucker an. Wenn man eine vertraglich festgelegte Arbeitszeit habe, sollte das auch die Zeit sein, die der Beschäftigte auf der Arbeit zubringt.

Schmucker erwähnt einen anderen wichtigen Punkt: wie in den Unternehmen die Leistung der Beschäftigten gesteuert wird. „Indirekte Steuerungsformen nehmen zu“, sagt er. Das heißt, dass ein großer Teil der Beschäftigten nicht mehr jeden Tag in Bezug darauf, was seine Aufgaben sind, angewiesen, sondern dass Zielvereinbarungen abgeschlossen werden: Der Beschäftigte soll ein bestimmtes Ziel in einem bestimmten Zeitraum erledigen, wie und wann genau, bleibt ihm selbst überlasen. Auch damit ließen sich Überstunden erklären, sagt Schmucker. Die Art und Weise, wie er seine Arbeit erledigt und wie er das Ziel erreicht, ist dem Arbeitgeber letztlich egal; alles, was zählt, ist das vereinbarte Ziel. „Durch solche Mechanismen arbeiten Beschäftigte gegen ihre eigentlichen Interessen und teilweise gegen bestimmte Regulierungen, die es gibt. Sie unterlaufen den Arbeitsschutz, der ihnen zusteht. Es wird nicht direkt vom Arbeitgeber angeordnet: Du arbeitest heute unbezahlt länger. Der Druck entsteht aus der Konstellation, dass man gute Arbeit machen will.“

Charlotte Ahrens macht sich schon manchmal Vorwürfe, dass sie so viel arbeitet. „Im letzten Jahr, da hatte ich schon eine Vollzeitstelle, da habe ich es mal überschlagen, und es kam heraus, dass ich insgesamt zwei bis zweieinhalb Monate Überstunden gemacht hatte. Man bewegt sich aber so sehr in diesem ganzen Kosmos dieser Branche, wo das komplett normal ist, was es schwer macht, da auszubrechen.“

06:00 21.08.2018

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