Die Friedensstatue mit der Leerstelle

„Trostfrauen“ In Berlin darf ein Mahnmal gegen sexualisierte Gewalt im 2. Weltkrieg bleiben. Wie lange noch und in welcher Form, das ist politisch umkämpft
Die Friedensstatue mit der Leerstelle
Die bronzene Friedensstatue: ein Mahnmal gegen sexualisierte Gewalt in Berlin-Mitte

Foto: Xinhua/Imago Images

Seit Ende September steht sie da, ob und wie lange sie bleiben darf, ist unklar: die bronzene Friedensstatue. Ein Mahnmal gegen sexualisierte Gewalt in Berlin-Mitte. Eine Frau mit abgeschnittenen Haaren und geballten Fäusten sitzt auf einem Stuhl, ihr Körper wirft einen dunklen Schatten, der Stuhl neben ihr ist leer. Die Statue erinnert an die mindestens 200.000 Frauen, die Japan im II. Weltkrieg sexuell versklavte. Sie kamen aus 14 Ländern, vor allem aus Korea, China und aus Japan selbst. Euphemistisch wurden sie „Trostfrauen“ genannt.

Aufgestellt hat die Statue der Berliner Korea-Verband, dessen Büro in der Nähe liegt. Auf Druck der japanischen Regierung beschloss der Bezirk jedoch schon kurz nach der Aufstellung die Entfernung der Statue. Japan hat das Kriegsverbrechen zwar offiziell anerkannt, ist aber an der internationalen Verbreitung der Geschichte wenig interessiert. Nationalistische rechte Stimmen leugnen die Zwangsprostitution des kaiserlichen Militärs bis heute. Auf die Entscheidung, die Statue zu entfernen, folgte zivilgesellschaftlicher Protest. Auch Soyeon Schröder-Kim, die koreanischstämmige Ehefrau des Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), sprach sich öffentlich für den Erhalt der Statue aus. Der grüne Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel begründete seine Entscheidung damit, dass sich „ein politisch-historisch belasteter und komplexer Konflikt“ nicht für die Aufarbeitung in Deutschland eigne. Für die Leiterin des Korea-Verbands Nataly Jung-Hwa Han geht es jedoch nicht um einen Konflikt zwischen Südkorea und Japan: „Ein Konflikt wäre das doch nur, wenn wir etwas darstellen würden, was nicht anerkannt ist.“ Die Statue solle den Mut all derer wertschätzen, die mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gehen. Fast ein halbes Jahrhundert dauerte es, bis die Geschichte der „Trostfrauen“ überhaupt ans Licht kam. 1991 wandte sich Kim Hak-Sun, damals 67 Jahre alt, in einem südkoreanischen Fernsehinterview an die Öffentlichkeit. Ihr Mut bestärkte viele Betroffene, sich zu outen – und inspirierte Menschen weltweit, gegen sexualisierte Gewalt aktiv zu werden. Jung-Hwa Han sagt: „Die Mehrheit im Korea-Verband sind Biodeutsche und auch die, die koreanischer Herkunft sind, haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Das heißt, die Statue ist auch deutsches Interesse.“ Und sie fügt hinzu: „Ich selbst habe die deutsche Staatsbürgerschaft nicht angenommen, weil ich ganz genau weiß, so wie ich aussehe, werde ich niemals als Deutsche akzeptiert.“

Das Bezirksamt setzte die Entfernung Mitte Oktober wieder aus, offiziell um die Bewertung des Verwaltungsgerichts auf den Eilantrag des Korea-Verbands abzuwarten. Möglich ist, dass es auf eine Umgestaltung der Gedenktafeln hinausläuft. Und die Statue, zumindest für ein Jahr, weiter sitzen bleiben kann.

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