Die Wissenschaftsaktivistin

Porträt Amrei Bahr kämpft gegen die Zumutungen befristeter Verträge in Forschung und Lehre

Acht Arbeitsverträge hat sie seit 2017 unterschrieben. Amrei Bahr ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf – auf zwei halben Stellen mit unterschiedlichen Laufzeiten und Chef*innen. Überstunden, nachts arbeiten, Anstellungsverträge mit Laufzeiten von lediglich einem halben Jahr – alles normal, nicht nur in Bahrs Leben, auch in dem vieler anderer Menschen, die an deutschen Hochschulen beschäftigt sind. „Ich brenne für die Philosophie“, sagt Amrei Bahr, 35, im Gespräch mit dem Freitag, „mache das gerne und anscheinend auch nicht ganz schlecht. Aber das Problem ist, dass die Bedingungen in der Wissenschaft so miserabel sind.“ Das will sie längst nicht mehr hinnehmen. Bahr schreibt dieser Tage bei Twitter deutliche Botschaften an die Adresse des von Anja Karliczek (CDU) verantworteten Bundesforschungsministeriums, etwa: „Ihr fahrt das Wissenschaftssystem mit Anlauf an die Wand, während die in ihm Beschäftigten permanent fürchten müssen, bald ihre Miete nicht zahlen zu können und mit 40+ zur Neuorientierung gezwungen werden.“

Zusammen mit dem Historiker Sebastian Kubon und der Literaturwissenschaftlerin Kristin Eichhorn hat Bahr eine Kampagne gestartet, die dem sperrigen Thema „Wissenschaftszeitvertragsgesetz“ (WissZeitVG) Aufmerksamkeit beschert wie noch nie: Unter dem Hashtag #ichbinHanna finden sich mittlerweile unzählige Meldungen wie diese: „Ich bin Miriam, promovierte Soziologin, habe meine Diss. im Wesentlichen während des Mutterschutzes, in der Elternzeit und zum Schluss auf ALG I fertig geschrieben. Denn die Diss. ist ja ,Privatvergnügen‘. Eine Habil. unter diesen Bedingungen wird es bei mir nicht geben.“ #ichbinHanna landete in den deutschen Twitter-Trends. Als Bahr, Kubon, Eichhorn und andere 2020 dazu aufriefen, zum Reformationstag 95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz an Türen von Universitäten zu nageln und diese im Netz unter 95vswisszeitvg.wordpress.com selbst publizierten, fiel das Echo nicht annähernd so groß aus.

Jetzt aber hat ein Erklärfilm aus dem Hause Karliczeks, eigentlich schon im Juli 2018 veröffentlicht, das Fass zum Überlaufen gebracht: Darin ist „Hanna“ zu sehen, die ihre Doktorarbeit in Biologie schreibt. Das WissZeitVG regelt Arbeitsverträge, die eine wissenschaftliche Qualifizierung zum Ziel haben. Im Video heißt es: „Damit auch nachrückende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Chance auf den Erwerb dieser Qualifizierungen haben und nicht eine Generation alle Stellen verstopft, dürfen Hochschulen und Forschungseinrichtungen befristete Verträge nach den besonderen Regeln des WissZeitVG abschließen. So kommt es zu Fluktuation und die fördert die Innovationskraft.“

Für Wissenschaftler*innen, denen die Befristungspraxis eine Zukunfts- und Familienplanung oft bis Mitte 40 unmöglich macht und große psychische Belastungen auferlegt, ist die Unterstellung, sie würden das System „verstopfen“, blanker Hohn. Das WissZeitVG, demnach Wissenschaftler*innen sechs Jahre bis zur Promotion und sechs Jahre nach der Promotion befristet angestellt sein dürfen, gibt es seit 2007. Dabei wird nicht zwischen Vollzeit- und Teilzeitstellen unterschieden. Wird die Stelle überwiegend aus Drittmitteln finanziert, sind Befristungen sogar über die Zwölfjahresregel hinaus zulässig.

Bahr war, bevor sie an der Uni in Düsseldorf anfing, arbeitslos. Ihre Promotion war noch nicht fertig, aber das Stipendium, das sie nach ihrer Promotionsstelle ergattern konnte, bereits ausgelaufen. „Das ist nicht ungewöhnlich. Der Bundesbericht zum wissenschaftlichen Nachwuchs macht deutlich, dass die durchschnittliche Zeit, die es braucht, um so eine Arbeit zu schreiben, bei 5,7 Jahren liegt“, sagt sie. „Ich war noch unterhalb des Durchschnitts, aber dieses System verkauft das natürlich trotzdem als eigenes Verschulden.“ Erst seit ein paar Monaten arbeitet sie nur noch in Ausnahmefällen am Wochenende, um nicht auszubrennen. Auch dafür, nicht im Urlaub zu arbeiten, muss sie kämpfen: „Viele setzen das selbstverständlich voraus.“

Bereits im Bachelor wusste sie, dass Lehre und Forschung ihre Leidenschaft sind. Bahr entschied sich für eine Fast-Track-Promotion, direkt nach dem Bachelor ging es los. Kinder hat sie nicht. Über Familienplanung wagt sie „angesichts der prekären Situation und der familienfeindlichen Ausgestaltung des Wissenschaftssystems“ nicht nachzudenken.

Sie arbeitet im Bereich der Angewandten Ethik, fragt auch in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit danach, was gut oder gerecht ist. In ihrer Doktorarbeit ging es darum, welche Kopierhandlungen Rechte von Urheber*innen verletzen. Momentan beschäftigt sie sich mit den Abgründen des angeblich moralisch guten Recyclings, das jedoch häufig schlimme Arbeitsbedingungen im Globalen Süden und Umweltverschmutzung dort in Kauf nehme.

Ehrenwerte Intentionen, desaströse Folgen, so ist es auch beim WissZeitVG: Das Gesetz sei durchaus mit dem Ziel entstanden, prekäre Beschäftigungsverhältnisse einzudämmen, sagt Bahr, schiebe der Kurzzeitbefristung aber keinen Riegel vor. „Aus einer unternehmerischen Perspektive ist es für die Uni natürlich viel günstiger, Leute immer nur für sechs Jahre oder weniger zu beschäftigen.“ Und die mangelnde Grundfinanzierung der Unis, die viele Gelder in projektförmigen, befristeten Formaten bekommen, tue ihr Übriges

Wie reagiert das Forschungsministerium auf den Protest? Nachdem es Sonntagabend eine Erklärung veröffentlicht hatte, die kaum auf die Argumente der Kritiker*innen einging und das Wissenschaftszeitvertragsgesetz verteidigte, ist das Hanna-Video mittlerweile von der Internetseite des Ministeriums verschwunden.

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06:00 17.06.2021

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