Erübrigt sich während Corona das Sternchen?

Feminismus In Situationen wie diesen muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Es gibt aber keinen Grund, dabei hinter bereits gewonnene Errungenschaften zurückzufallen
Erübrigt sich während Corona das Sternchen?
Traditionelle Geschlechterrollen erleben in der Krise eine Renaissance. Zu ihrer Legitimierung taugt das trotzdem nicht

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Diese Corona-Zeit ist eine Extremerfahrung. Wir alle erleben sie sehr unterschiedlich, sie verstärkt bestehende Ungleichheiten. Ein paar gemeinsame Erfahrungen gibt es in dieser Zeit aber: Maske tragen, Homeoffice, Videokonferenzen, Bananenbrot backen statt in die Kneipe zu gehen. Viele, insbesondere die Privilegierten, denken: Endlich können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren! In einem Kommentar beim NDR freute sich Schriftstellerin Cora Stephan kürzlich darüber, dass es momentan nicht um „Gendersternchen“ und „Toiletten für das dritte Geschlecht“ ginge. Die derzeitige Krise würde zeigen, dass sich „das alte Normal“, sprich die angestaubten Geschlechter-, Identitäts- und Familienkategorien, hinter der „vielfältigbuntdiversen Oberfläche“ nur versteckt hielt und wir das „neue Normal“ getrost hinter uns lassen könnten.

Das alte Normal? Dass die neue Häuslichkeit alten Rollenbildern in die Hände spielt, ist klar (der Freitag 18/2020). Frauen, die öfter in Teilzeit arbeiten und weniger verdienen als ihre männlichen Counterparts, bleiben eher zu Hause, betreuen die Kinder und schmeißen den Haushalt. Weltweit leisten Frauen laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation drei Viertel der insgesamt 16,4 Milliarden Stunden an unbezahlter Arbeit pro Tag. Und von den 1,5 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland sind rund 90 Prozent Frauen. Corona ist ein „Desaster“ für den Feminismus, stellte das US-amerikanische Magazin The Atlantic bereits Mitte März fest.

Es sieht nicht gut aus für den Feminismus, das stimmt. Womit Cora Stephan aber nicht recht hat, ist, dass dieser Zustand zukunftsweisend sei. Zu diesem Schluss kam kürzlich auch Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski. Optimistisch stimmte sie, dass Ungerechtigkeiten wie die unbezahlten Fürsorgearbeit sichtbar würden. „Nun wäre es vielleicht etwas viel erwartet, all die von der Pandemie besonders Benachteiligten würden jetzt neben Homeoffice und Homeschooling auch noch einen Home-Riot anzetteln“, schreibt sie. Eine Revolution brauche Ressourcen.

Der Deutsche Frauenrat fordert deswegen zum Beispiel eine geschlechtergerechte Krisenpolitik, die sicherstellt, dass die dafür eingesetzten Steuermittel gleichermaßen bei Frauen wie bei Männern ankommen, indem nicht nur Männerberufe, etwa in der Industrie, in den Fokus genommen, sondern Beschäftigungsformen und -verhältnisse von Frauen gleichermaßen berücksichtigt werden. Vom Fenster aus fürs Krankenhauspersonal klatschen bringt da wenig. Es braucht finanzielle Anreize und Hilfen. Nur weil wir alle gerade mehr Zeit zu Hause verbringen, werden wir nicht weniger feministisch. Feminismus ist nicht Luxus, den wir uns leisten können müssen, sondern alltäglich, auch und gerade während einer Pandemie. Und könnten wir nicht auch darüber sprechen, dass Männer gerade in ihrer Männlichkeit verunsichert werden – weil ihre Jobs unsicherer werden, sie Angst haben (höhere Sterblichkeit!), Schwäche zeigen –, während sie gleichzeitig so viel Zeit mit ihren Kindern verbringen wie sonst nie?

Wir alle blicken in eine ungewisse Zukunft. Der hart erkämpfte Teilzeitjob der Frauen ist dabei genauso unsicher wie die fragile Ernährer-Position der Männer. Das Gendersternchen genauso wie genderneutrale Toiletten gehören zu einer Diskussion, die die Vielfalt der Geschlechter ernst nehmen will, weil sie de facto da ist.

Wie genau das Post-Corona-Normal aussehen wird, darüber können wir diskutieren. Aber dabei müssen wir nicht von vorn anfangen, sondern können auf den bereits errungenen Errungenschaften aufbauen. In diesem Sinne: Bananenbrotbäcker*innen aller Länder, vereinigt euch!

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06:00 16.05.2020

Ausgabe 32/2020

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