Fragwürdige Verknüpfung

#MeToo Schlechter Sex ist doof. Übergriffe sind doofer, findet unsere Autorin
Fragwürdige Verknüpfung
Dem Schauspieler Aziz Ansari wird sexuelle Belästigung vorgeworfen. Doch wo ist die Grenze zwischen "schlechtem Sex" und sexuellem Übergriff?

Foto: Christopher Polk/Getty Images for The Critics' Choice Awards

Knapp vier Monate sind seit den Enthüllungen um Harvey Weinstein vergangen. Seitdem zeigt #MeToo, wie verbreitet sexuelle Übergriffe und Belästigungen sind, immer mehr Fälle werden öffentlich: Zuletzt wurde unter anderen dem US-Comedian und Sympathie-Träger Aziz Ansari, bekannt aus der Serie Master of None, öffentlich sexuelle Belästigung vorgeworfen. Eine Person, im Internet nur Grace genannt, beschrieb eine Nacht mit Ansari im Detail, nannte sie „die schlimmste ihres Lebens“. Ansari reagierte prompt: Er sei traurig, das zu hören, und habe anscheinend in der Situation Zeichen falsch gelesen. Seitdem diskutiert die Öffentlichkeit, ob es sich bei dem geschilderten Vorfall überhaupt um einen Übergriff oder schlicht um „schlechten Sex“ gehandelt habe. Und was der Unterschied zwischen beidem ist.

Das verstärkt die Debatte, die kurz zuvor französische Schauspielerinnen, darunter Catherine Deneuve, angestoßen hatten: Ist die sexuelle Freiheit durch diese Debatte in Gefahr? Führt #MeToo zu einem neuen Puritanismus? Bei dem Frauen vor allem als Opfer markiert werden, die sich nicht wehren können?

Es ist sinnvoll, diese Fragen zu stellen. Und sich gleichzeitig daran zu erinnern, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass Frauen um elementare Rechte kämpften. Bis 1977 durften Frauen in Deutschland ohne Erlaubnis ihres Ehemannes nicht arbeiten gehen. Sie durften kein eigenes Konto führen. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit Kurzem, seit 1997, verboten. Trotzdem sind Diskriminierung von Frauen, Sexismus, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen immer noch Teil so mancher gesellschaftlicher Strukturen. Am stärksten dort, wo Abhängigkeitsverhältnisse und Machtgefälle vorherrschen. Das heißt: Für sexuelle Freiheit muss weiterhin gekämpft werden. Sexuelle Freiheit zu leben, beinhaltet explizit, zum eigenen Wollen zu stehen. Entscheidungen zu treffen, zu kommunizieren, die andere Person in ihrem Willen ernst zu nehmen. Ein Nein aussprechen und ein Nein annehmen zu können. Auch recht deutlich werden zu können und einen Konflikt nicht zu scheuen, der daraus entstehen kann. Mit gutem und mit schlechtem Sex hat das noch nichts zu tun.

Guter Sex, das ist: sich sicher fühlen, dem Anderen die eigenen Bedürfnisse und Fantasien offenbaren zu können. Das funktioniert nicht immer, es ist äußerst fragil. Schlechter Sex kann langweilig, lustig, peinlich, frustrierend sein. Und: Schlechter Sex ist an sich nicht übergriffig, er beruht ebenfalls auf Einvernehmlichkeit. Ein Übergriff dagegen ist eine Situation, in der der Wille einer Person ignoriert oder gebrochen wird – so wie Grace es bei Ansari wahrgenommen hat. Ein Übergriff ist Gewalt. Übergriffe als „schlechten Sex“ zu bezeichnen, ist Täterschutz.

Die Stärke der #MeToo-Bewegung liegt darin, Betroffenen sexueller Gewalt das Gefühl zu geben: Du bist nicht allein. Voraussetzung dafür ist, die Gefühle und die Wahrnehmung der Betroffenen ernst zu nehmen. Welche Konsequenzen daraus für die beschuldigte Person folgen sollten, ist eine andere Frage. Die #MeToo-Warnerinnen und -Warner stellen zwischen sexueller Gewalt und Sex mitunter eine fragwürdige Verknüpfung her, die der öffentliche Mainstream mitunter so verhandelt, als ob diese Themen das erste Mal debattiert würden und es darauf einfache Antworten gäbe.

Es ist an der Zeit, auf Erkenntnisse, Theorien und Erfahrungen der Frauenbewegung der siebziger Jahre zurückzugreifen. Es ist Zeit für mehr Komplexität in der Diskussion um #MeToo – ohne darüber die Solidarität mit Betroffenen sexualisierter Gewalt zu vergessen.

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06:00 25.01.2018

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