Johanna Montanari
Ausgabe 1717 | 02.05.2017 | 06:00 3

Keine Kapitulation in Sicht

Dokumentation Der Film „Erfolgreich Scheitern“ widmet sich dem Lieblingsmythos des Neoliberalismus – und verpasst es, ihn in Frage zu stellen

Keine Kapitulation in Sicht

Zerfiel ein Schiff in seine Einzelteile, nannte man das im 16. Jhd "scheitern"

Foto: Danita Delimont/imago

Scheitern ist ein neues Lieblingsthema im Neoliberalismus. Die Dokumentation Erfolgreich Scheitern von Constanze Griessler steigt auf diesen Zug auf und porträtiert Menschen, die auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Thema verbunden sind. Die einzelnen Geschichten sind unterhaltsam, doch die Doku verpasst es, nicht nur an der Oberfläche des Hypes zu kratzen, sondern die Verklärung des Scheiterns einmal in Frage zu stellen.

Mit hoher Geschwindigkeit werden die porträtierten Personen und einzelnen Aspekte des Scheiterns aneinandergereiht. Ein Thema, das auf der Hand liegt, sind die erfolgreichen „Fuck-up Nights“. Hier erzählen Leute auf unterhaltsame Art von ihren gescheiterten Geschäftsideen. Die Westküste der USA wird als Vorbild genannt. Dort gehöre Scheitern zum kreativen Prozess.

Katja Porsch wurde jung reich, hat dann alles verloren und arbeitet nun als Motivationstrainerin. „Es wird besser, versprochen“, sagt sie in einem Vortrag. Also einfach durchhalten? Düster im Vergleich zum Rest der Doku mutet das Porträt von Attila von Unruh an, der selbst Insolvenz anmelden musste. Er beschreibt, in was für einer Situation sich Menschen wie er wiederfinden. Er hat die Anonymen Insolvenzler gegründet und engagiert sich gegen das Stigma, das Gescheiterten anhaftet.

Was haben Rechtschreibfehler mit dem Thema Scheitern zu tun? Ein Willi Nachdenklich verbreitet fehlerhaft geschriebene Sinnsprüche auf Facebook. Scheitere ich, wenn mir ein Foto misslingt oder ich mich peinlich verhalte? Erik Kessels, in der Werbebranche in den Niederlanden tätig, nutzt das Imperfekte als Inspiration für seine Arbeit: „Natürlich spreche ich hier rein aus dem Blickwinkel eines kreativen Arbeiters. Ein Arzt in einem Krankenhaus oder ein Taxifahrer sollten so wenig Fehler wie möglich machen.“ Die Dokumentation von Constanze Griessler reißt vieles an, ohne die verschiedenen Aspekte in Beziehung zu setzen.

Es erscheint fast, als lade das Thema Scheitern dazu ein, nur Erfolgsgeschichten zu erzählen. Nie ist von Niederlage, Fehler, Verlust, Misserfolg oder Versagen die Rede. Niemand in dieser Doku ist wirklich arm geworden. Selbst Attila von Unruh bemüht sich, seine Insolvenzler von einer als verantwortungslos gezeichneten Unterschicht abzugrenzen: „Wir haben Ärzte, wir haben Unternehmer, wir haben Anwälte, wir haben sehr erfolgreiche Gründer.“ Sozialer Abstieg scheint das größte Tabuthema zu sein, das auch diese Doku umschifft.

Es gibt gute Gedanken und schöne Momente. Den Designer Stefan Sagmeister nervt dieses Buzzword in seiner Branche, wahres Scheitern tue weh. Berührend ist die Geschichte der österreichischen Skispringerlegende Toni Innauer, der nach einem schweren Sturz seine Karriere beenden musste. „Für mich sind Menschen gescheitert, die sich nie etwas stellen, wo der Ausgang nicht berechenbar ist“, sagt er.

Das Wort Scheitern, so wird in der Doku erklärt, bedeutet das Zerschellen eines Schiffes an einem Felsen, sodass es in Holzscheite zerfällt. Kein kleines Loch also, das wieder repariert werden kann. Das Schiff ist futsch. Vielleicht wäre es interessant, sich den Felsen anzuschauen, an dem es zerschellt ist, bevor man die Holzscheite wieder zusammenbaut.

Info

Erfolgreich Scheitern läuft am 2. Mai um 22 Uhr bei 3Sat

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/17.

Kommentare (3)

poor on ruhr 02.05.2017 | 07:44

Gute Gedanken. Gerne gelesen. Danke. Hatte neulich auch Christian Lindner im Radio gehoert. Der FDP-Frontmann wurde zum Wahlkampf in NRW interview. Er klagt sprach auch davon, wenn auch anders formuliert. Er Ist wohl auch schon mal mit einer Firma gegen die Wand gefahren. Ihm ging es wohl um Chancenvielfalt. Dass einer danach nicht abgestemelt ist und so. Das war fuer mich gut nachvollziehbar. Dieser Artikel sensibilisiert aber gut vor moeglichen Missverstaendnissen, wenn so etwas aus neoliberalen Mund zu hoeren ist, wobei ich die FDP alleine fuer so eine Aussage sowieso und auch sonst nicht waehlen wuerde.

gelse 02.05.2017 | 08:10

>>Er Ist wohl auch schon mal mit einer Firma gegen die Wand gefahren.<<
Ja, der Lindner ist ein prächtiges Beispiel fürs erfolgreiche Scheitern:

Von 1997 bis 1999 und 2002 bis 2004 war Lindner als freiberuflicher Unternehmensberater[14] und im Stromhandel tätig.[15][16] Diese Tätigkeit ließ er im Zuge seiner Wahl zum nordrhein-westfälischen FDP-Generalsekretär auslaufen.
Von 1999 bis 2002 war Lindner geschäftsführender Gesellschafter der von ihm mitgegründeten Unternehmensberatung knüppel lindner communications GmbH, deren Ersteintragung im Handelsregister unter die Königsmacher GmbH erfolgte.[17] Das Unternehmen entfaltete keine größere Geschäftstätigkeit und wurde 2003 aufgelöst.[18]
Im Mai 2000 gründete Lindner zusammen mit drei weiteren Partnern die Internetfirma Moomax GmbH.[19] Die Anschubfinanzierung von circa 2.000.000 € erfolgte durch eine Wagniskapitalgesellschaft, wofür diese wiederum einen Kredit in Höhe von 1.400.000 € aus öffentlichen Mitteln der Kreditanstalt für Wiederaufbau erhielt.[20] Lindner war von 2000 bis 2001 Geschäftsführer[14] und verließ dann das Unternehmen, das kurze Zeit später Insolvenz anmeldete. Der Kredit aus öffentlicher Hand musste aufgrund der Insolvenz nicht zurückgezahlt werden.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Lindner

1 400 000 € Steuergeld irgendwie verschwinden lassen: Damit hat er sich für die Karriere als neoliberaler Politiker profiliert.