Lass mal gut sein

Volksbühne In Yael Bartanas „What if Women Ruled the World“ regieren Frauen eine Supermacht, die bedroht wird. Kriegen die das geregelt?

Es ist der Tag, an dem Chris Dercon als Intendant das Handtuch wirft. Am Abend läuft eine der drei Vorstellungen von What if Women Ruled the World an der Berliner Volksbühne. Fünf Schauspielerinnen treffen auf fünf reale Expertinnen, die an jedem Abend wechseln. Was wäre, würden Frauen die Welt regieren? Auch der Theaterbetrieb ist fest in alter, weißer Männerhand. In Berlin ist das Gorki-Theater mit Shermin Langhoff eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Die Erwartung des Abends ist dementsprechend optimistisch: Alles könnte doch ganz anders sein!

Die israelische Multimedia-Künstlerin und Regisseurin Yael Bartana inszeniert eine pazifistische Supermacht, bei der das Kabinett ausschließlich mit Frauen besetzt ist. Die 47-Jährige studierte in Jerusalem, New York und Amsterdam und lebt seit einigen Jahren in Berlin. 2011 repräsentierte sie auf der 54. Venedig-Biennale Polen. What if Women Ruled the World war in veränderter Form bereits im vergangenen Jahr in Manchester und Aarhus zu sehen. Das englischsprachige Stück ist angelehnt an Stanley Kubricks Film Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben von 1964. Damals waren das Setting der Kalte Krieg und die beidseitige Aufrüstung der USA und der Sowjetunion. Der Film ist eine Satire auf toxische Männlichkeit, als Ergebnis wird die Menschheit vernichtet. Ist die Lage heute genauso brenzlig?

Zwei Minuten noch

Eine dröhnende Klangkulisse empfängt das Publikum. Analog zum „war room“ in Kubricks Film ist auf der Bühne der „peace room“ aufgebaut. Wir befinden uns in einem fensterlosen Atombunker. Es gibt einen großen runden Tisch, darüber hängen zwei Leinwände und die „doomsday watch“, die Uhr, die die Zeit bis zur Weltvernichtung anzeigt. Daneben sind Kaffee, Tee und Obst angerichtet wie bei einer Konferenz. Es drängen wichtige Entscheidungen. Ein Verbündeter hält sich nicht an das internationale Abkommen zur Abrüstung der Atomwaffen und droht mit Bomben. Die Frage ist: Wie den Nuklearkrieg verhindern? Soll man weiter bei der Politik der Abrüstung bleiben angesichts der aktuellen Entwicklungen? Die Uhr tickt.

Die irische Schauspielerin Olwen Fouéré spielt die Präsidentin. Ihre weißen wallenden Haare geben ihr die Autorität einer alten Weisen. Ihre erste Amtshandlung: Erst mal eine große Zigarre anzünden, alles zuqualmen und einen meditativen Song zur Eröffnung des Meetings anstimmen. So wird das also, wenn Frauen regieren?

Präsidentin, Vizepräsidentin, Friedensministerin, Generalstabschefin und Außenministerin der Supermacht sind sich nicht einig über die drängenden Fragen der Zeit und laden sich deswegen fünf Expertinnen ein. Die haben ganz unterschiedliche Hintergründe, arbeiten als Rechtsanwältinnen, in NGOs, waren beim Militär. Die zentrale Figur des Stücks sitzt jedoch nicht mit am Tisch, sondern erscheint als schwarzer Schatten auf der Leinwand. Man erkennt ihn sofort. Im Stück wird er satirisch Präsident Twittler genannt. Ja, genau, Trump gemischt mit Twitter und Hitler! Er ist es, der eskaliert. Er hat die Aufstockung seiner Atomwaffen angekündigt und prahlt mit seinem großen roten Knopf. Auf ihn muss die fiktive Supermacht reagieren.

Deswegen wird ausgiebig geredet. Die Vizepräsidentin, gespielt von der israelischen Journalistin Anat Saragusti, fällt schnippisch allen ins Wort. Die nerdige Außenministerin mit starkem deutschen Akzent, gespielt von Anne Tismer, gießt ihren Kaktus und erklärt den Unterschied zwischen dem Patriarchat der Schimpansen und dem Matriarchat der Bonobos. Die hochschwangere Generalstabschefin, gespielt von Noa Bodner, schält sich eine Banane am Konferenztisch und holt die Cornichons vom Pausenbuffet. Sie ist die Einzige, die sich für ein mögliches Fallenlassen des Abrüsten-Plans einsetzt. Alle anderen wollen an der Abrüstung festhalten und diskutieren alternative Strategien, um die Weltvernichtung zu verhindern.

Die Expertinnen haben viel zu sagen, doch fällt es schwer, ihnen zu folgen, da nicht ganz klar ist, was genau die Spielvereinbarung ist, und man so kaum etwas von ihren Arbeitsrealitäten erfährt. Ist die Annahme, dass in der Welt, die dieses Theaterstück erschafft, Frauen regieren, oder diskutieren die Frauen im „peace room“ im Konjunktiv: Was wäre, wenn Frauen die Welt regieren würden? Durch die Unklarheit verlieren die Statements an Gewicht.

Strukturiert wird das zu großen Teilen im Gespräch mit den Expertinnen improvisierte Stück durch Telefonanrufe von außen. Die Generalstabschefin bekommt einen Anruf und muss ihrem Kind am Telefon ein Gutenachtlied vorsingen: „Can’t daddy do that? No?“ Oder die Mitteilung: Twittler hat etwas getwittert! Große Aufregung, denn er bezeichnet die Präsidentin als unattraktiv. Zusätzlich zu den mächtigen Frauen gibt es zwei männliche Sekretäre und einen „tea boy“, der mit nacktem Oberkörper einen Fruchtkorb reicht. Hier wird noch jeder Witz zum Kalauer platt getreten. Man mokiert sich darüber, dass eine sexistische Umdrehung ja nicht okay sein kann. Tatsächlich lustig ist dazu ein Kommentar von der als Expertin geladenen Journalistin Kübra Gümüşay, die Kopftuch trägt, und sagt: „I wouldn’t force a t-shirt on him.“ Da ahnt man die Ambivalenz des Selbstbestimmungs-Postulats.

Während die Frauen darüber reden, ob eher in Bildung investiert werden sollte, auf internationalen Abkommen insistiert oder ob Twittler einen Mutterkomplex hat, rücken die Bomben auf dem Bildschirm näher. Sind Frauen denn überhaupt pazifistischer als Männer? Auch das wird diskutiert. Ein interessanter Punkt: Wenn Frauen die Macht der Männer einfach nur kopieren, wird das doch nichts mit der Veränderung. „Meine Intuition ist, Präsident Twittler direkt anzurufen“, sagt die Präsidentin, nachdem sie beraten worden ist.

Hier werden viele Fragen gestellt und kaum eine beantwortet. Es wird nichts entschieden und Konsequenzen sieht man auch keine. Die Frauen sitzen zwar im atmosphärischen „peace room“, tatsächliche Macht aber haben sie nicht. Für Hannah Arendt besteht Macht dann, wenn Menschen sich mit anderen zusammenschließen, um im Einvernehmen zu handeln. Diese Supermacht handelt aber nicht, und einig sind sie sich nur darin, dass sie alle auf der guten, der richtigen Seite stehen.

Nach der Vorstellung trifft man auf eine kleine feiernde Meute auf den Stufen des Foyers. In der Mitte der Gruppe flaschenweise Alkohol. Vor sich haben sie ein Tuch ausgebreitet mit dem Symbol der alten Volksbühne. Sie feiern, dass die Zukunft wieder offen ist, und fragen sich: Was wäre, wenn?

06:00 03.05.2018

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