Mit Armut sehen

Literatur Ein Sammelband hilft, dass „Klassismus“ nicht mehr so oft mit einer Kunstrichtung verwechselt wird
Mit Armut sehen
Keine Kunstepoche, wenngleich Inspiration für zahlreiche Kunstwerke – die soziale Klasse

Foto: Imagebroker/Imago Images

Kurz klargestellt, es geht hier um Klassismus, nicht Klassizismus! Manche verwechseln ihn mit der kunsthistorischen Epoche, was deutlich macht, dass der Begriff im Vergleich zu Sexismus oder Rassismus immer noch wenig bekannt ist. Der Sammelband Solidarisch gegen Klassismus will dies ändern und widmet sich der deutschsprachigen Debatte rund um den Begriff mit einem Schwerpunkt auf der politischen Praxis, die sich an dem Begriff festmacht. Die Herausgeber*innen Francis Seeck und Brigitte Theißl haben selbst eine „Klassenreise“ hinter sich, das heißt, sie sind prekär aufgewachsen, heute Akademiker*innen.

Bekannt sind vor allem die Klassenreisen weißer Männer, allen voran Didier Eribons Rückkehr nach Reims (2016) oder Ein Mann seiner Klasse (2020) von Freitag-Redakteur Christian Baron. Doch die Wurzeln autobiografischer Auseinandersetzungen mit Klasse und Klassismus seien „in Schwarzen und lesbisch-feministischen Zusammenhängen zu finden“, schreiben die Herausgeber*innen. Der Begriff classismwurde das erste Mal in den 1970ern von dem lesbischen Kollektiv The Furies in den USA verwendet, Kimberlé Crenshaw nutzte ihn später in ihrem Entwurf einer intersektionalen Rechtspraxis. Hierzulande wird erst über Klassismus diskutiert, seit 2009 Andreas Kemper und Heike Weinbach in Klassismus. Eine Einführung die Diskurse in den USA vorstellten und Anschlüsse suchten. Im Zuge der Diskussion über eine „Neue Klassenpolitik“ sprechen seit einigen Jahren linke Autor*innen wie etwa Freitag-Kolumnist Sebastian Friedrich vermehrt über Klassismus. Auch auf politischer Ebene tut sich etwas: Berlin hat im Juni erstmals den sozialen Status als Kategorie in das Landesantidiskriminierungsgesetz aufgenommen.

Manche fürchten, dass Klassismus den Begriff der Klasse ablösen will. Zwar könne der Begriff Klassenbewusstsein schaffen, er bliebe jedoch der Mikroebene des Individuums verhaftet, so die Kritik. Diese Argumente sind den Herausgeber*innen bewusst: „Klassismus lediglich als Diskriminierungsform zu verstehen, ohne die (Um-)Verteilungsfrage zu stellen“, stehe einer „emanzipatorischen antiklassistischen Politik“ entgegen. Der Band legt jedoch bewusst den Schwerpunkt auf persönliche Geschichten. „Die Möglichkeit, eine Erfahrung zu machen, ändert sich, wenn Erlebnisse mit der Brille eines Begriffs wie Klassismus zu einer bewussten Erfahrung verarbeitet werden,“ schreibt Jan Niggemann im Band.

26 Beiträge beleuchten das Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Olja Alvir beschreibt zum Beispiel die problematische Vorstellung vom sozialen Aufstieg als einer Sprossenwand, die es zu erklimmen gilt, und bei der sozialer Abstieg ausgeblendet wird. Julia Wasenmüller beschreibt die Situation, sowohl gegen Klassismus als auch gegen Rassismus zu kämpfen und wie schwierig das eine von dem anderen zu trennen ist. Manche Texte beschreiben ganz konkrete antiklassistische Interventionen, so etwa ein Interview mit einer österreichischen Aktivistin, die einen Verein für Wohnungslose gegründet hat.

Auf Bäuer*innenhöfen

Nur weil erst seit relativ Kurzem über Klassismus geredet wird, heißt das nicht, dass es nicht auch schon früher antiklassistische Praxis gab. Der Band zeichnet die Geschichte der Ende der 1980er-Jahre in der BRD gegründeten Proll-Lesbengruppen nach. In diesen Gruppen organisierten sich Lesben, die in Armut, in einem Arbeiter*innenumfeld, auf Bäuer*innenhöfen oder in Heimen aufgewachsen waren. Interessant ist auch der Blick auf einkommensarme Menschen, die die Isolation, die viele durch die Corona-Krise neu erleben, bereits kennen. „Sie sind es gewohnt, isoliert in ihren Wohnungen zu sitzen,“ schreibt Anne Seeck.

Klassismus ist kein leichtes Thema. Die Uneingeweihten denken an Kunstgeschichte, die Eingeweihten sorgen sich um den Verbleib des marxistischen Klassenbegriffs. Diese Situation macht das Nachdenken über eine solidarische Praxis, für die notwendigerweise die Stimmen Betroffener gehört werden müssen, umso wichtiger.

Info

Solidarisch gegen Klassismus Francis Seeck, Brigitte Theißl (Hrsg.) , Unrast 2020, 280 S., 16 €

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06:00 17.11.2020

Ausgabe 49/2020

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