Musik mit Message

Pressefreiheit Unter dem Motto „Auf die Presse!“ fand am Brandenburger Tor ein Solidaritätskonzert für den in der Türkei inhaftierten Welt-Korrespondenten Deniz Yücel statt
Musik mit Message
Die Initiative #FreeDeniz fordert die Freilassung von Denis Yücel sowie aller in der Türkei inhaftierten Journalisten
Foto: imago/IPON

„Was macht ihr mit der Wut? Was macht ihr mit der Angst?“ Idil Nuna Baydar, Schauspielerin und Kabarettistin, befragt das Publikum in ihrer Rolle als deutsch-türkische Kunstfigur Jilet Ayse nach Strategien gegen die AfD. „Wisst ihr nicht? Macht es wie die Muscheln. Macht eine Perle draus.“

Es ist der „Internationale Tag der Pressefreiheit“, der seit 1994 jedes Jahr am 3. Mai gefeiert wird. Seit bald drei Monaten ist der Journalist Deniz Yücel in der Türkei inhaftiert. Die Initiative #FreeDeniz organisiert gemeinsam mit Reporter ohne Grenzen, Amnesty International und dem Kulturforum Türkei Deutschland ein Solidaritätskonzert vor dem Brandenburger Tor. Das Motto lautet: „Auf die Presse!“ Ein Schlachtruf, ein Trinkspruch, ein umgewandeltes auf die Plätze, fertig, los.

Es geht um das Menschenrecht auf Meinungs- und Pressefreiheit, um Mut und Musik. Mit dabei sind unter anderem die Antilopen Gang, The Notwist, Die Sterne, Sookee und Mikail Aslan. Moderiert wird das Event von taz-Redakteurin Doris Akrap. Das letzte Mal, dass sie aus politischen Gründen zum Brandenburger Tor kam, erzählt sie, war im Januar 2015. Damals war es die Mahnwache nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris – Akrap ging dort zusammen mit Deniz Yücel hin.

Im größten Gefängnis der Türkei

Der Journalist Deniz Yücel, der die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, befindet sich seit Mitte Februar in der Türkei in Untersuchungshaft. Der Vorwurf lautet Terrorpropaganda und Volksverhetzung. Yücel hat von 2002 bis 2007 für die Jungle World geschrieben, arbeitete von 2007 bis 2015 bei der taz, dann wurde er Türkei-Korrespondent für die Welt. In Istanbul recherchierte er schon während seiner Zeit bei der taz, 2014 erschien sein Buch „Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei“.

Nach 13 Tagen in Polizeigewahrsam verhängte ein Richter Ende Februar die Untersuchungshaft. Seitdem wird Deniz Yücel in Einzelhaft im Gefängnis Silivri, 80 Kilometer westlich von Istanbul, festgehalten. Die Einzelhaft macht ihm zu schaffen. Im April hat Deniz Yücel seine Freundin Dilek Mayatürk im Gefängnis geheiratet, ein Besuch von ihr ohne Trennscheibe ist jedoch nur alle zwei Monate möglich.

Die Initiative #FreeDeniz fordert seine Freilassung und die Freilassung aller in der Türkei inhaftierten Journalisten. Vor dem Konzert fand mittags eine Protestaktion vor der Türkischen Botschaft statt. Eine der letzten übriggebliebenen regierungskritischen Zeitungen in der Türkei, Evrensel, veröffentlichte eine ganzseitige Anzeige für das Konzert „Auf die Presse!“ 140 Journalisten sind in der Türkei inhaftiert, mehr als in jedem anderen Land der Welt. Tausende haben durch die Schließung von Medienhäusern ihre Arbeit verloren.

Pressefreiheit im Visier

Der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr, beendet seine Rede mit den Worten: „Free Deniz! Free them all!“ Während er auf der Bühne am Brandenburger Tor spricht, wird eine Weltkarte eingeblendet, auf der der Stand der Pressefreiheit farblich illustriert ist. Die Karte orientiert sich an der von Reporter ohne Grenzen publizierten „Rangliste der Pressefreiheit 2017“. Ausgehend von Daten aus dem vorigem Jahr vergleicht sie die Situation für Journalisten und Medien in 180 Staaten und Territorien.

Nicht nur in der Türkei ist die Lage für Journalisten prekär. Insgesamt hat sich die Lage für Journalisten verschlechtert, nicht nur in autoritär geführten Staaten, auch in Demokratien, zum Beispiel in den USA. Deutschland ist in der Rangliste unverändert auf Platz 16. Die Türkei ist auf Platz 155 abgerutscht und steht damit vier Plätze weiter hinten als vor den Putschversuch und der darauffolgenden Repressionswelle vom letzten Sommer. Auch in Ungarn hat sich die Situation stark verschlechtert. In der Rangliste steht es auf Platz 71, vier Plätze weiter unten als das Jahr zuvor. Im Hinblick auf Deutschland wird, wenn es um die Pressefreiheit geht, vor allem die AfD und ihr Mantra von der Lügenpresse betont.

Reporter ohne Grenzen kritisierte im Vorfeld aber auch die deutsche Bundesregierung, die erst angesichts der Inhaftierung von Deniz Yücel deutliche Worte gegenüber der türkischen Regierung fand. Vorher, als es um Journalisten mit nicht-deutscher Staatsbürgerschaft ging, nicht. An diesem Abend am Brandenburger Tor ist jedoch Harmonie angesagt. Die Moderatorin Doris Akrap stellt fest, wie überraschend es sei, dass die WELT/N24, taz, BILD und Jungle World gemeinsam dieses Event als Medienpartner begleiten. Unterschiedliche politische Positionierungen rücken in den Hintergrund vor dem gemeinsamen Einstehen für die Pressefreiheit.

Trump wird erwähnt, Erdogan wird erwähnt, die AfD wird erwähnt. Welche politischen Mechanismen diese Phänomene ermöglichen und welche Visionen es gibt, ihnen zu begegnen, wird nicht diskutiert. Wer steht hier zusammen? Und wofür? Die Antilopen Gang spricht von einer internationalen Arschloch-Krise und singt: „Wir schließen uns zusammen im Patientenkollektiv. Die Konzerte, die wir spielen sind 'ne Gruppentherapie. Heilung ist der Feind, wer noch klar kommt, ist abgestumpft. Wir machen aus der Krankheit eine Waffe, Punkt.“ Schmerz kann verbinden. Es ist der Schmerz, der die Muscheln dazu bringt, Perlen hervor zu bringen. Wie diese genau aussehen können, wird woanders diskutiert werden.

18:33 04.05.2017

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