Nasse Pfoten

Tierschutz Zu Besuch im Berliner Tierheim. Ein Wasserschaden zeigt, wie abhängig die Institution von Spenden ist

Von oben sieht das Tierheim Berlin richtig futuristisch aus. Dabei ist der Umzug aus Lankwitz nach Falkenberg schon 17 Jahre her. Zusammenhängende runde Einheiten, Sichtbeton, viel Grün, Wasserflächen. Mit seinen 16 Hektar Gelände zählt es zu den größten Tierheimen Europas. 160 Festangestellte und 500 Ehrenamtliche kümmern sich um 1.500 Tiere, die möglichst schnell an Privatpersonen weitervermittelt werden. Doch nicht nur das, der Tierschutzverein, der das Tierheim betreibt, tritt auch als politischer Akteur auf: „Tiere brauchen Menschen, die sich für sie einsetzen und für ihren Schutz kämpfen, denn sie haben keine Lobby“, heißt es auf einem Flyer.

Ich besuche die Pressesprecherin Annette Rost an einem heißen und sonnigen Tag. Der Kontrast zu dem Anlass meines Besuchs ist groß: Mieses Regenwetter hat das Dach des Gebäudekomplexes stark beschädigt und Sanierungskosten in Millionenhöhe verursacht. Zu Dienstschluss am 22. Juli 2017 floss das Wasser durch Lampen, Lichtschächte und Mauerfugen. Tiere mussten evakuiert werden, darunter ein sechs Tage altes Katzenbaby mit rotem Fell namens Julian.

Alles außer Waschbären

Viele Menschen spendeten. Jetzt, Wochen nach dem Wasserschaden, Erleichterung: Der tierschutzpolitische Sprecher des Berliner Senats, Dr. Michael Efler von der Linkspartei, sichert finanzielle Unterstützung bei der Sanierung zu. Der Wasserschaden macht ein anhaltendes Problem des Tierheims offensichtlich: „Wir übernehmen kommunale Aufgaben, aber werden nicht über öffentliche Gelder finanziert“, sagt Rost.

Ein Tierheim ist integraler Teil des Tierschutzes. Alle möglichen Haustierarten werden aufgenommen, auch ungewöhnliche. Für Wildtiere, zum Beispiel Waschbären, ist der Naturschutzbund zuständig. Katzen und Hunde bilden die große Mehrheit im Tierheim. Doch auch Hasen, Meerschweinchen, Vögel, Schlangen und Gänse leben in Falkenberg. Sie gelangen auf unterschiedlichen Wegen hierher. Besitzer entscheiden sich, Tiere ins Tierheim zu geben, zum Beispiel weil sie überfordert sind. Das sind die sogenannten Abgabetiere. „Verwahrtiere“ stellen die Behörden sicher, zum Beispiel wenn es Hinweise darauf gibt, dass die Tiere misshandelt werden. Die Behörden geben auch „Fundtiere“ im Tierheim ab. Manchmal melden sich ihre Besitzer nach wenigen Tagen, oft nicht. Finanzielle Unterstützung in sehr geringem Umfang erhält das Tierheim nur für Fundtiere und Verwahrtiere. Maximal 30 Tage werden bezahlt. Ein Hund sitzt durchschnittlich 148 Tage, bis er vermittelt werden kann. Auch wenn Tiere schwer verletzt sind, werden sie versorgt. „Es wird um jedes Leben gekämpft“, sagt Rost.

Wir drehen eine Runde auf dem großen Gelände. Statt trauriger Hundeaugen, die einen aus kleinen Käfigen anschauen, ist das Tierheim ein Ort voller Lebendigkeit. Die Boxen sind groß und voller Spielzeug. Die Tiere werden sehr fürsorglich behandelt. Lebt die Katze lieber allein oder zusammen mit anderen Katzen? Es gibt Single-Boxen oder Katzen-WGs mit einem abgetrennten Bereich zum Eingewöhnen. Für manche ist es ganz wichtig, draußen herumstreifen zu können, das können sie dann auch. „Seniorenkatzen“ leben in einem besonders ruhigen Bereich. Ähnliche Möglichkeiten gibt es für den Hund: Genießt er das Rudel oder will er alleine sein?

Wenn es den Tieren gut geht, sind sie auch leichter vermittelbar. Kleine Steckbriefe verraten Details über das Tier. Es ist eine Mischung aus Partnerschaftsbörse und sozialem Projekt. „Auf jeden Topf passt ein Deckel“, sagt Rost, während sie liebevoll von den Eigenheiten einzelner Tiere berichtet. Manche Tiere bleiben nur ein paar Wochen im Tierheim. „Welpen und Katzenbabys müssen wir gar nicht auf die Internetseite stellen, da finden sich fast immer schnell Abnehmer.“ Wenn Tiere alt oder krank sind, erschwert das die Vermittlung. „Sorgenkinder“ werden die genannt, die lange bleiben. Um die Vermittlung zu erleichtern, können Tiere mit chronischen Erkrankungen im Tierheim kostenfrei weiterbehandelt werden, zum Beispiel Diabetiker-Katzen. Schwierig zu vermitteln sind auch Listenhunde. Das sind Rassen, die per Gesetz als gefährlich eingestuft werden. Ihre Haltung unterliegt bestimmten Auflagen, zum Beispiel ist eine Einwilligung des Vermieters notwendig. „Die sitzen im Schnitt 448 Tage. Diese Hunde sind stigmatisiert“, so Rost. „Die Bissstatistiken zeigen, dass auch ein Dackel gefährlich sein kann. Wir kämpfen für eine Einzelfallprüfung.“ Das Tierheim vertritt die Überzeugung, dass das Umfeld, die Erziehung, also der Mensch verantwortlich ist für das Verhalten der Tiere. „Verhaltenskreativ“ nennen die Pflegerinnen und Pfleger Tiere, die andere als „schwierig“ beschreiben würden. Im Tierheim wird davon ausgegangen, dass Beziehung und Fürsorge viel möglich machen. „Diese Katze braucht einen erfahrenen Dosenöffner“, heißt es dann zum Beispiel im Internet.

Am Anfang: ein Kutschpferd

Die Ehrenamtlichen im Tierheim sind in einer Hunde-AG und einer Katzen-AG organisiert. Sie gehen mit den Hunden raus und streicheln Katzen. „Menschenkontakt ist wichtig für die Tiere, so fühlen sie sich viel schneller wohl.“ Bei den Hunden kriegen die Ehrenamtlichen vorher eine Einführung: Knochen 1, Knochen 2, Knochen 3 heißen die. Die aufsteigende Zahl zeigt eine größere Herausforderung an, mit dem Tier umzugehen. Ich treffe einen Pfleger mit Iro. Der lacht, als ich frage, ob er mit einem Knochen-3-Hund unterwegs sei. „Ja, bis aufwärts“, antwortet er. Manche Hunde, die er betreut, sind Knochen 10.

Vor dem Tierheim hat die Tierschutzpartei strategisch günstig plakatiert, doch das Tierheim Berlin fühlt sich Themen verpflichtet, nicht Parteien. Es setzt sich für die Kastration von Katzen ein, gegen Wildtiere im Zirkus, die nicht artgerecht gehalten werden, und gegen Tierversuche. Der Tierschutzverein blickt dabei auf eine lange Geschichte zurück. Der preußische Beamte C. J. Gerlach gründete 1841 den „Verein gegen Tierquälerei“, nachdem er in Berlins Mitte Zeuge der Misshandlung eines Kutschpferdes geworden war.

In dem Konzept des Tierheims steckt auch viel Respekt vor dem Menschen. Denn Menschen müssen in der Lage sein, selbst einzuschätzen, ob sie die Verantwortung für ein Tier übernehmen können. Klar ist jedoch, dass das Leben jedes Tieres wertgeschätzt wird. „Was wir hier schon mal erleben, ist, dass einen Ehepaar einen alten und kranken Hund abgibt, und im selben Atemzug sagt, sie interessierten sich für einen Welpen“, sagt Rost, „Als ich davon gehört habe, habe ich mich schon gewundert.“

Eine Flüchtlingsunterkunft ist nur ein paar Meter vom Tierheim entfernt. „Wir haben hier fürs Flüchtlingsheim gesammelt“, erzählt Rost, „und von dem Geld für die Unterkunft eine Tischtennisplatte gekauft. Und wir haben viele Führungen gegeben.“ Weitere Projekte in Zusammenarbeit mit der Unterkunft sind geplant. Das Tierheim sei eben auch Teil einer Kultur, die vermittelt werden kann. „Die Menschen kommen ja häufig aus Kulturkreisen, wo Tiere eine ganz andere Rolle spielen. Wo es total seltsam ist, dass Hunde in Deutschland mit in der Wohnung wohnen zum Beispiel.“

06:00 29.09.2017

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