Paris, meine Liebe

Porträt Barbara Thalheim feiert ihren 70. Geburtstag auf der Bühne. Sie spricht über 47 Jahre als Sängerin, ihre Vergangenheit in der DDR und ihre tiefe Zuneigung zu Frankreich
Paris, meine Liebe
„Mit einem zwinkernden Auge ins Herz schauen“

Foto: Jens Osborne für der Freitag

Mit der Arbeit einer Kriminalkommissarin, die auf einer Wand Verbindungslinien zwischen einzelnen Gesichtern und Tatorten zieht, vergleicht Barbara Thalheim die Planung des Bühnenprogramms. Das Berliner Columbia Theater ist voll gefüllt, das Publikum mehrheitlich älteren Jahrgangs. Sie habe sonst nie Geburtstag gefeiert, erzählt sie, aber jetzt, zu ihrem 70., wolle sie ihre „Lebensmittel“ zusammenbringen, die Leute, die sie am Leben halten. Später erklärt sie mir, wen sie so bezeichnet: „Es ist so, dass mir deren Kunst viel bedeutet und mir auch über schwierige Strecken meines Lebens, und die gibt es immer wieder, hinweghilft. Und da ist mehr als platte Bewunderung.“

In voll jährig, dem dreistündigen Geburtstagsprogramm, überlässt sie den „Lebensmitteln“ immer wieder die Bühne: Kabarettist Martin Buchholz, der davon erzählt, wie er sich auf einem Kreuzfahrtschiff Feinde gemacht hat. Geiger Mark Chaet, den Thalheim betreute, als er gerade aus der Ukraine in die DDR gekommen war. Dazwischen singt sie, die darauf besteht, keine Sängerin, sondern eine rhythmische Ruferin zu sein. Begleitet von ihrem Trio, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Am Ende des Abends holt sie die Chanson-Sängerin und Akkordeonistin Michèle Bernard aus Lyon auf die Bühne. Die Liebe zu Frankreich, die erst Hass war, zieht sich wie ein roter Faden durch Thalheims Leben.

Ein paar Tage nach dem Konzert treffe ich Barbara Thalheim in einem Café in Berlin-Mitte. Sie habe schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht, die kein Gespür für eine DDR-Vergangenheit hätten, hat sie am Telefon erzählt. Hier kennt man sie. Sie nimmt die Sonnenbrille ab, begrüßt erst den Wirt. Konstantin Wecker des Ostens wird sie genannt. In der DDR erfolgreich gewesen zu sein, heißt jetzt, übersetzt werden zu müssen, nicht direkt verständlich zu sein. „Der Sache muss man mit einem zwinkernden Auge ins Herz schauen. Es ist einfach so, dass mich 90 Prozent der Leute in meinem Alter gar nicht mehr kennen.“

Thalheim wurde am 5. September 1947 in Leipzig geboren. Ihre ersten zwei Alben, inzwischen sind es zwanzig, nahm sie mit einem klassischen Streichquartett auf, 1977 und 1979 beim Label Amiga. Dass sie mal ihren 70. Geburtstag feiern würde, wäre ihr damals nicht in den Sinn gekommen. Thalheim sang schon als Jugendliche. Zwei Jahre war sie Mitglied im Oktoberklub, einer Folkmusik-Gruppe. Eine wichtige Zeit.

Stark geprägt vom Vater

„Wir Nachkriegskinder, Ende der 40er bis Mitte der 50er Geborene, die wir den Oktoberklub gründeten, ehemals Hootenanny-Klub von Perry Friedman, kamen größtenteils aus Emigrantenfamilien. Das heißt, unsere Eltern waren von 1933 bis 1945 nicht in Deutschland. Als politische Flüchtlinge vor dem Nationalsozialismus irrten sie durch die Welt.“ Sie spricht bedacht. „Als Mitglied des Oktoberklubs, auch wenn ich nur kurz dabei war, hatte ich das Gefühl, in dieser Gruppe Gleichaltriger, Singfreudiger eine Zeitlang gut aufgehoben zu sein. Wir waren durch unsere Eltern, deren Schicksal, unsere Herkunft nicht nur sozial, sondern auch irgendwie genetisch links politisiert.“

Thalheims Vater, ein Kommunist, wanderte 1933 aus, lebte in Algerien und in Frankreich. Später wurde er ausgeliefert, überlebte das KZ Dachau. „Mein Vater ist gegangen, weil er den Faschismus vorhergesehen hat. Er ahnte, was auf ihn und dieses Land zukommt. Er war als Kommunist in der KPD jedoch nicht gut gelitten, wurde aus der Partei ausgeschlossen und schloss sich der SAP an. Über seinen Parteiausschluss gibt es im Bundesarchiv gruselige Dokumente“, erzählt Thalheim mit fester Stimme. Sie erzählt gerne von ihm. „Ich bin stark geprägt. Wenn mein Vater vielleicht Pfarrer in der Prignitz gewesen wäre, wäre aus mir ein anderer Mensch geworden. Ich denke heute noch, dass es ein Glück war, in eine Familie hineingeboren worden zu sein, wo kein einziger Verwandter in der NSDAP war.“ Und ihre Mutter? „Meine Mutter war Sekretärin und hat irgendwann meinen Vater kennengelernt. Sie hat in meinem Leben eine wesentlich kleinere Rolle gespielt als mein Vater, also emotional.“ Ihr vielleicht berühmtestes Lied ist Abschied von den Eltern, das auf ihrem ersten Album Lebenslauf erschien.

Ihr Vater ist auch dabei, wenn Thalheim von der Stasi redet. „Es gab furchtbare Eingriffe in Biografien“, sagt sie, „aber solche Probleme hatte ich nicht. Ich habe es hundert Mal gesagt, ich habe 1972 nicht für einen Geheimdienst unterschrieben, sondern für die DDR, als Tochter eines Überlebenden des KZ Dachau.“ Thalheim wird vorgeworfen, sich nicht für ihre Spitzel-Tätigkeit entschuldigt, kein Bedauern gezeigt zu haben. „Es ist alles gesagt. Es ist wirklich alles gesagt“, sagt sie müde. Bis 1979 war Barbara Thalheim IM – Deckname „Elvira“. Gleichzeitig wurde gegen sie wegen „Verdachts staatsfeindlicher Hetze“ ermittelt. Sie eckte an. Und erhielt Auszeichnungen. Dreimal die Goldmedaille bei der „Leistungsschau für Unterhaltungskunst“.

Das Plattenlabel

Amiga war ein 1947 gegründetes DDR-Plattenlabel, zuständig für das komplette Programm der Tanz- und Unterhaltungsmusik: Schlager, Jazz, Chansons, Beat, Pop, Rock, Kinderlieder. Zunächst gehörte Amiga zu dem von dem Sänger und Schauspieler Ernst Busch gegründeten Musikverlag Lied der Zeit. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland erteilte Ernst Busch die Lizenz zur Gründung der Schallplattenfirma. 1954 ging das Label auf den staatlichen Tonträgerproduzenten VEB Deutsche Schallplatten Berlin über. Von da an bestimmte der Betrieb nicht mehr eigenständig, was produziert und veröffentlicht wurde. Das Ministerium für Kultur war dafür verantwortlich, die Kontingente der einzelnen musikalischen Genres festzulegen und die Künstler und ihre Songs zu prüfen.

Bis Mitte der 70er Jahre war die Versorgungslage für die Plattenproduktion schwierig. Eine Schallplatte kostete fest 16,10 DDR-Mark. Am auflagenstärksten waren das Schlager-Album Weihnachten in Familie von Schöbel und Lacasa 1985 und Rock ’n’ Roll Music von den Puhdys von 1976. Das Amiga-Repertoire bildete nicht die ganze musikalische Vielfalt der DDR ab. Da die Veröffentlichungen politisch geprüft wurden, fehlen etwa Wolf Biermann oder ein Großteil der Punkbandszene. Musiker, die bei Amiga erschienen, testeten die Grenzen des politisch Zulässigen aus, machten Andeutungen, die das Publikum entschlüsseln konnte. Der Rundfunk war in der DDR stärker reglementiert als das Plattenlabel, sodass Musiker dort erscheinen konnten, die nicht im Radio liefen. Das Label existierte bis 1994. Seitdem wird das Repertoire von BMG Berlin Musik, jetzt Sony Music Entertainment, betreut.

Ihr Verhältnis zur DDR hat sie einmal so zusammengefasst: „Reibung erzeugt Wärme.“ Als ich sie darauf anspreche, erklärt sie: „Die DDR war so ein kleines Land. Sobald jemand ein nonkonformistisches Lied oder Gedicht gemacht hat, saß das halbe Politbüro auf dem Sofa und nahm übel. Da fühlt sich ein Künstler natürlich viel wichtiger, als er je war und werden konnte. Wenn ich mit einem Lied Politiker aufregen kann, mein Gott, wie wichtig bin ich denn dann?“ Das sei heute anders. „Heute kannst du dich an die Weltzeituhr mit einem großen Schild anketten: ‚Merkel muss weg‘, was nicht meine Handschrift wäre, und die Leute gehen an dir vorbei und schmeißen dir nicht mal einen Cent vor die Füße, weil sie die Botschaft einfach gar nicht wahrnehmen.“

Auf ihrem zweiten Album Was fang ich mit mir an heißt es: „Ich atme die Welt ein und als Lied wieder aus.“ So wie sich die Welt verändert hat, haben sich auch ihre Lieder verändert: „In der DDR, dieser Wunschkonstrukt-Gesellschaft, über Utopien zu singen, war urpolitisch. Das verstehen viele westsozialisierte Leute meiner Generation nicht mehr“, sagt sie trocken. „Einfach nur zu singen, wie der Sozialismus sein könnte, wenn es einer wäre, hat manchmal die Leute hoch emotionalisiert. Funktionäre haben oft den Subtext nicht mitbekommen.“ Sie hält inne. „Und jetzt ist es so, dass ich gar nicht mehr wüsste, welche Utopie von Leben ich in den Fokus eines Liedes stellen sollte.“ Die Notwendigkeit, das eigene Leben abzusichern, lasse wenig Raum für Reibung, für Wärme. „Utopie ist für mich, etwas zu tun, was einem anderen Individuum nutzt, hilft, in der Not beisteht. Jacques Brel hat einmal gesagt, er schreibe Lieder, weil er am Leid der anderen leidet. Utopien zu haben, heißt auch, nicht nur an sich selbst zu denken.“ Ich frage sie, ob sie findet, dass die Welt den Bach runtergeht. „Wer bin ich denn, dass ich das beantworten könnte?“, lacht sie da. „Ich bin nicht unfroh, dass ich schon so alt bin, wie ich bin.“ Die Wahl? Am ehesten findet sie sich bei der Linken wieder. „Obwohl ich nie wieder in eine Partei eintreten würde, gefällt mir ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Ideen der Linkspartei.“

Barbara Thalheim konnte mit ihrem Streichquartett Ende der 70er Jahre auch im Westen spielen. Ein Mitglied kehrte nicht mehr zurück. Das Ende des Quartetts nennt sie heute ihre größte musikalische Herausforderung. Sie erfand sich neu und spielte in den 80er Jahren mit einer sehr ungewöhnlichen Besetzung: Tuba, Marimbafon, Vibrafon, Kesselpauken, Klavier, Gitarre. „Ich habe mir über ein Jahrzehnt keine Gedanken gemacht, dass da ja vielleicht niemand sitzen könnte. Das war so normal!“ Mit der Wende änderte sich das.

„Es betraf alle. Die Leute kamen nicht mehr“, sagt sie. „Die haben sich uns verweigert, mit gutem Recht, sage ich heute. Plötzlich fluteten die bekannten westdeutschen Liedermacher den Osten. Da ist es verständlich, dass die gewaltigen Publikumszuspruch hatten und nicht mehr die aus dem Osten, die man kannte.“ Plötzlich leere Sitzreihen. Die Wende strukturiert die Geschichte in ein „davor“ und ein „danach“: „Danach“ kam Letzte Station vorm Himmel, das Programm, mit dem sie dann durch Deutschland tourte. Es spielt 2020 – im Altersheim. „Ein Spaß, ein großer Spaß“, lacht sie. „Der Plot: sechs Leute, ostsozialisiert, gehen nach dem Zusammenbruch der DDR getarnt als Rentner ins Altenheim, um auf bessere Zeiten zu warten. Irgendwann später wollen sie – sozusagen biografiefrei – in die ‚neu über uns gekommene Republik‘ zurückkehren.“

Französische Abenteuer

1993 fiel ihre Band auseinander. Thalheim ging nach Paris. Dabei konnte sie Frankreich in ihrer Jugend nicht leiden. Sie kannte es nur aus den Erzählungen des Vaters. „Ich musste seine Liebe zu mir immer mit Frankreich teilen“, sagt sie. „Ich habe Frankreich gehasst. Dass ich heute manchmal Frankreich meine zweite Heimat nenne, hat er nicht mehr miterlebt. Ich glaube, das hätte ihm gefallen.“ Das war ein weiter Weg. Mit Abenteuern: „Ich wusste nicht, was Endstation heißt, und blieb in der U-Bahn sitzen, und die fuhr dann mit mir logischerweise ins Depot“, erzählt sie. „Und dann ging das Licht aus und ich hörte unweit von mir ein weiteres Atmen. Ich saß im Dunkeln als Schattenboxerin auf meinem Platz und dachte, das liest sich fetzig: Bild-Headline ‚Thalheim in der Pariser Metro erdolcht‘. Und dann, nach drei oder vier Stunden, fing die Metro an zu vibrieren, das Licht ging an und wir wurden einander gewahr, ein Clochard und ich. Der hatte genauso viel Angst vor mir wie ich vor ihm. Wir waren zusammen essen und es ist ein Lied über die Begegnung entstanden.“

Französisch lernte Thalheim nicht in der Sprachschule. Französisch lernte sie mit Jean Pacalet, dem Akkordeonisten und Komponisten, der ihr persönlichster musikalischer Partner wurde. Sie lernte ihn nach ihrem Paris-Aufenthalt kennen, Ende 1993. Da Pacalet sich dem Deutschen verweigerte, blieb Thalheim nichts übrig, als Französisch zu reden. 18 Jahre standen sie zusammen auf der Bühne – bis Pacalet 2011 starb. „Er fehlt mir so, jeden Tag fehlt mir Jean“, erzählt sie mit weicher Stimme. „Wir haben viel zusammen gelacht, chaotischste Reisen gemacht. Mit Jean im Auto zu sitzen, bedeutete, mindestens einmal am Tag eine Viertelstunde so zu lachen, dass man ein Taschentuch brauchte.“

1995 war Thalheim selbst schwer krank. Ärzte gaben ihr ein Dreivierteljahr. „Als klar war, irgendwann entlassen die mich hier und dann kann ich darauf warten, dass der Sensenmann vorbeikommt, in dieser Zeit entstanden 20 neue Lieder. Im Krankenbett. Ich war eigentlich damit beschäftigt, mich von der Welt zu verabschieden. Jedes neue Lied war wie ein neues Kind. Und ich hatte dann die Option, entweder du trägst die Lieder aus oder du treibst sie ab.“ Thalheim entschied sich gegen die Ärzte. „Das Austragen hat zum Überleben beigetragen.“ Sie rief ihre Musiker an. Thalheim hatte mehr Energie als erwartet. Ein ähnliches Erstaunen wie darüber, 70 geworden zu sein. Ich erzähle ihr, dass ich einmal gehört habe, alt sei der Mensch dann, wenn er sich nicht mehr neu erfindet. „Schöner Satz. Würde ich unterstreichen“, entgegnet sie. „Obwohl im Moment erfindet sich ja immer die alte Thalheim neu. Die neue Thalheim habe ich noch nicht gefunden.“

06:00 29.09.2017

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