Protest der reinen Vernunft

March for Science Weltweit demonstrieren Menschen gegen Wissenschaftsfeindlichkeit. In Berlin knüpft der Protest an viele Diskussionen der letzten Monate an
Protest der reinen Vernunft
Demonstranten (mit Beweisen!) am Brandenburger Tor

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Jung und alt laufen unter Schildern mit Schriftzügen wie „Science not silence“, „Fakten sind Trumpf“ oder „This is all the irrationality I need“ von der Humboldt Universität zu Berlin zur Abschlusskundgebung vor dem Brandenburger Tor. Viele tausende Menschen sind trotz des wechselhaften Aprilwetters in Berlin auf die Straße gegangen: Der March for Science ist eine Demonstration gegen Wissenschaftsfeindlichkeit und „alternative Fakten“. Wissenschaft ist „eine Säule des menschlichen Friedens und Wohlstands“, heißt es auf der Webseite des March for Science Berlin.

Der March for Science findet in 500 Städten in der ganzen Welt statt. Die Idee ist dem Women's March vom 21. Januar 2017 nachempfunden: Ausgehend von Protesten in den USA gegen Donald Trump wird weltweit zusammen gestanden. Die Hauptdemonstration ist in Washington DC. In Deutschland sind 22 Städte beteiligt. Das Datum des March of Science erklärt sich mit dem seit 1970 zelebrierten Tag der Erde, der am 22. April in 175 Ländern offiziell gefeiert wird. Es darum, dass unter Donald Trump der Klimawandel nicht als reale Bedrohung anerkannt wird und um die Befürchtung, dass unter Trump Forschungsbudgets stark gekürzt werden. Trump will niemanden fördern, der nicht mit ihm auf einem Kurs ist und fällt durch seine generell antiwissenschaftliche Haltung, zum Beispiel mit impfskeptischen Aussagen, auf. Auch gegen Trumps Einreiseverbote, welche die Weltoffenheit international ausgerichteter Wissenschaft betreffen, soll Stellung bezogen werden.

Wütende Archäologen...

Nicht nur in den USA ist die freie Wissenschaft gefährdet. Eine junge Frau läuft mit dem Schild „If you bury science, we will dig it up again. #angryarchaeologists“ die Demo mit. „Wir haben in Deutschland eigene Themen, für die es wichtig ist heute auf die Straße zu gehen. Ich bin nicht wegen Trump hier, obwohl ich mit seinem Kurs überhaupt nicht überein stimme. Ich bin hier, um für den freien Zugang zu Bildung und für Vernetzung unter Wissenschaftlern, kein Fachidiotentum, zu demonstrieren.“ erklärt die absolvierte Archäologin.

Im Vorfeld der weltweiten Demonstrationen gab es Diskussionen um die politische Positionierung der weltweiten Marches. Sollte Wissenschaft von Politik unberührt bleiben oder positioniert sich ganz im Gegensatz dazu die Wissenschaft nicht genug? Zum Beispiel argumentierte Andre Jewett auf The Atlantic, dass es nicht einfach um zwei Lager gehe, ein pro-Wissenschaft und ein anti-Wissenschaft Lager, sondern auch darum, für welche gesellschaftlichen Ziele wissenschaftliche Forschung genutzt wird. Als Reaktion auf die Diskussionen veröffentlichte der March of Science auf seiner Webseite „Diversity and Inclusion Principles“, auch das ein klares Zeichen gegen Trumps Kurs.

...impliziter Protest

Die Demonstration in Berlin knüpft an viele politische Diskussionen der letzten Monate an. Immer wieder werden die Repressionen gegen Wissenschaftler in der Türkei, die prekären Arbeitsbedingungen in wissenschaftlichen Karrieren und Victor Orbans Versuche die Central-European-University in Budapest zu schließen als Gründe für die Wichtigkeit der Demo genannt. Die Demonstration machte deswegen auf dem Weg zum Brandenburger Tor an der ungarischen Botschaft Halt. „Ich denke, die Demo ist nicht explizit politisch, weil sie ja vor allem „für“ etwas ist: für freie Wissenschaft, die Antworten auf aktuelle Fragen gibt.“, sagt ein junger Geschichtsstudent an der FU Berlin. „Implizit ist das dann schon politisch. Zum Beispiel, wenn Menschen Geschichte verdrehen.“

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar moderiert die Abschlusskundgebung, auf der unter anderem der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller spricht. Yogeshwar setzt in seiner Rede die Demonstration in den Kontext der Gefahr, die von rechtspopulistischen Kräften ausgeht, und spricht sich gegen die Einzwängung der Wissenschaft in ökonomische Interessen aus. Wissenschaft solle sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden. Von mehreren Rednern wird die Diskussionen um die Flüchtlingskrise als Beispiel genannt, in welchem Zusammenhang Fakten verdreht wurden. Die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin spricht sich dafür aus, dass Wissenschaft mehr darauf achtet, verständlich zu sein. Es gehe auch um die Vermittlung gesellschaftlichen Wissens.

19:00 22.04.2017
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