Zwangsprostitution tötet auch in Deutschland

Sexarbeit Mit hoffnungsvollen Frauen aus Osteuropa machen Menschenhändler auch hierzulande Profit. Vor kurzem endete das tödlich
Zwangsprostitution tötet auch in Deutschland
Eine „Verrichtungsbox“ im Straßenstrich von Köln. Hier sollen Freier ungestört und unbeobachtet Sex haben können. Die Kabinen werden von der Stadt aufgestellt

Foto: Imago/Imagebroker

Am 13. Januar starb die Rumänin Ioana Condea im Alter von 24 Jahren in einem Kölner Krankenhaus, weit weg von ihrem Zuhause und ihrer Familie. Vor fünf Jahren, da war sie noch nicht lange in Deutschland, wurde sie von ihrem rumänischen Zuhälter in einem Hotelzimmer zusammengeschlagen. Es war seine Reaktion darauf, dass sie sich weigerte, in einem Bordell zu arbeiten. Condea wurde mit Verletzungen und Verbrennungen am ganzen Körper bewusstlos aufgefunden und musste notoperiert werden. Die Ärzte stellten später fest, dass sie wohl schon über einen längeren Zeitraum hinweg misshandelt worden war. Sie lag im Koma, wachte auf und lernte dann mühsam wieder sprechen. Richtig erholen konnte sie sich nie, und auch das Krankenhaus verließ sie vor ihrem Tod nicht mehr. Condea kam mit dem Plan nach Deutschland, als Altenpflegerin zu arbeiten. Ihrem heute fünfjährigen Sohn, den sie in Rumänien zurückließ, wollte sie damit ein besseres Leben als in ihrer Heimat ermöglichen. Jetzt ist sie tot. Robert Tanase, der Zuhälter, wurde nach langem Prozess zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

In Deutschland wurde über den Fall kaum berichtet, in Rumänien ist er ein Skandal. Viele Rumän*innen empören sich darüber, dass massenhaft junge Mädchen in Deutschland zur Prostitution gezwungen werden. Vor allem im rumänischen und bulgarischen ländlichen Raum suchen Menschenhändler nach ihren Opfern, versprechen jungen Frauen ein besseres Leben, eine Karriere als Model oder Tänzerin in Deutschland. Kaum angekommen, werden sie zur Prostitution genötigt. Wenn sie sich weigern, drohen Prügel. Die Zeitschrift Emma spricht im Zusammenhang mit dem Fall Condea vom „Zuhälter-Paradies Deutschland“ und verweist auf die Menschenhandelsstatistik, nach der über 90 Prozent der Mädchen und Frauen, die sich in Deutschland prostituieren, aus Osteuropa stammen, davon die meisten aus Rumänien.

Die Familie der jungen Frau war auf Spenden angewiesen, um nach Deutschland zu reisen und die Tochter im Krankenhaus besuchen zu können. Ihren Sohn hatte die junge erst kurz vor ihrem Tod wiedergesehen. Condea soll in ihrem Heimatdorf in der Gemeinde Poiana Campina in Rumänien bestattet werden. Auch die Rückführung der Leiche wurde mit Spenden finanziert.

Die Mutter, Gracela Condea, wusste erst zehn Tage nach dem Tod ihrer Tochter von dem Vorfall, da die Anwältin der Verstorbenen von den deutschen Behörden nicht kontaktiert worden war.

Der Fall Condea zeigt: Zwangsprostitution ist ein reales Problem, das Mädchen und Frauen mit dem Leben bezahlen. Insbesondere bei großer ökonomischer Abhängigkeit ist selbstbestimmte Sexarbeit schwer möglich. Verhältnisse, in denen es sich eine Familie nicht einmal leisten kann, ihre schwer kranke Tochter zu besuchen, zeugen von einem krassen Arm-Reich-Gefälle. Es ist genau dieses Gefälle, das Frauen für falsche Versprechen erst empfänglich macht. Versprechen, die schließlich in gewaltsamen Zwangsverhältnissen enden können.

Im Juli trat in Deutschland das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft, das Sexarbeiter*innen besser schützen, aber auch überwachen soll. Seitdem müssen sie sich unter anderem bei einer Behörde melden. Freier sind verpflichtet, Kondome zu benutzen. Muss Prostitution in Deutschland wieder illegal werden, damit Fälle wie der von Condea verhindert werden können? Nein, denn Sexarbeit wird es auch dann geben. Illegalisierte Verhältnisse treiben Frauen erst recht in die Hände von Zuhältern. Es braucht die Möglichkeit zu selbstbestimmter Sexarbeit genauso wie ein konsequentes Vorgehen gegen Menschenhändler.

06:00 11.03.2019

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