Spargel-Kult trifft Realität: Beelitz oder doch China?

Der Koch Spargel ist in Deutschland mehr als Gemüse. Vor allem die ältere Generation scheint sich über ihn zu definieren. Eines wird dabei beim gemeinsamen Verzehr immer thematisiert: die Bezugsregion. Beelitz, Schwetzingen – oder doch China?
Ausgabe 23/2024
Der Deutschen liebstes Gemüse: Beelitzer Spargel
Der Deutschen liebstes Gemüse: Beelitzer Spargel

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Kurz vor Schluss noch eine Kolumne zum Spargel, denn der will nicht nur verzehrt, sondern auch beschrieben werden. Für die noch laufende Saison listet Google 2.230 deutschsprachige Einträge in der Kategorie „News“ auf. Diese reichen von Grillrezepten über Schältipps bis hin zur unvermeidlichen Erklärung des Geruchs beim Wasserlassen nach Verzehr.

Dabei gäbe es durchaus Interessantes zu besprechen, denn der Spargel hat sich angesichts der Klimakrise von der nostalgisch-kulinarischen Tradition zu einem Sinnbild unseres vermeintlich wiedererwachten Umweltbewusstseins entwickelt. Es fühlt sich gut an, wenn man sagen kann, dass es noch zu früh sei für Spargel, dass es im Supermarkt schon welchen aus Spanien gebe, den man aber keinesfalls zu kaufen gedenke, und dass es so wunderbar ist, wenn man nicht verlernt hat, sich auf saisonales Gemüse zu freuen.

Während wir aber von Ware aus Beelitz, Schwetzingen oder Schrobenhausen schwärmen, zeichnet der globale Markt ein anderes Bild. Denn der weltweit größte Spargelproduzent ist nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen die Volksrepublik China. Und das hat, bei aller Verbundenheit mit dem regionalen Gemüse, einen guten Grund: In China kommen insgesamt 31 wild wachsende Arten vor, in Europa hingegen nur 15. Zu den größten Spargelexporteuren gehören neben Peru und Mexiko aber interessanterweise auch die USA.

Neulich machte ich mit einer internationalen Reisegruppe einen Ausflug ins Siebengebirge. Dabei zelebrierten wir das volle touristische Programm – inklusive Schiffsfahrt, Zahnradbahn und Besuch einer traditionellen Gaststätte. Zusätzlich zur in braunes Kunstleder gebundenen Speisekarte wurde uns dort das saisonale Menü in Form einer Tafel an den Tisch geschoben. Spargel mit Butter und Kartoffeln, übersetzte ich ins Englische, wahlweise auch mit Schinken. Genau so, erklärte ich voller Rührung, sei das in meiner Kindheit auf den Tisch gekommen. Die anwesenden etwa gleichaltrigen Gäste aus Spanien, den Niederlanden und der Schweiz nickten eifrig – und wir stellten alsbald fest, dass unsere kulinarischen Erinnerungen ziemlich nahe beieinanderliegen. Hier noch ein gehacktes Ei dazu und dort vielleicht eine Hollandaise. Lediglich für die am Tisch befindlichen US-Amerikaner barg der Hype eine Überraschung, denn dort ist, je nach Region, weißer Spargel so gut wie unbekannt.

Auch meine Heimatregion Nordeifel ist nicht unbedingt berühmt für ihre Artenvielfalt im Gemüseanbau. Spargel kam meistens aus dem nahe gelegenen Süden der Niederlande und wurde von meiner Mutter in großen Mengen vom Markt jenseits der Grenze herangeschafft und, in feuchte Tücher eingeschlagen, kühl eingelagert. Über die Saisonalität von Gemüse wurde damals aber nicht wirklich gesprochen. Flugware aus Mittel- oder Südamerika, wie man sie heute nahezu ganzjährig bekommen kann, war damals ohnehin noch unvorstellbar. Bei genauerer Betrachtung erinnere ich mich aber doch daran, dass das Gemüse auch in meiner Kindheit außerhalb der Saison verzehrt wurde: als Vorspeise an besonderen Festtagen, mit einer großzügigen Portion Mayonnaise versehen und in gekochten Schinken gewickelt. Wie das? Der Spargel kam dabei aus der Dose und – auch schon vor rund 40 Jahren – aus der Volksrepublik China.

Der Koch

Johannes J. Arens ist Journalist und Autor. Er studierte Design in Maastricht und Kulturanthropologie in Bonn. In den Küchen interessieren ihn besonders das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Innovation sowie der Zusammenhang von Essen, Politik und Gesellschaft. Er ist Herausgeber des Foodmagazins „Zwischengang“ und Initiator des „Food Reading Festivals Cologne“. Im Freitag schreibt er die monatliche Kolumne „Der Koch

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