Thüringer Tradition

Bundestagswahl Das politische Deutschland ist überrascht und schockiert. Wie konnten so viele Ostdeutsche AfD wählen? Eine Geschichte von Überraschungen, die keine sind
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Thüringer Tradition
An Thüringer Stammtischen war der Vater in der Wehrmacht doch schon immer ein vergessener Held

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Es gibt ihn auf jeder Familienfeier - den berühmten nervigen Onkel. Er erzählt schlechte Witze, zieht über Dreiviertel der Verwandtschaft her und genießt trotzdem Narrenfreiheit, weil sich niemand in der Familie traut, ihn zur Raison zu rufen. Man möchte ja das ansonsten angenehme Klima nicht unnötig vergiften.

Ganz ähnlich verhält es sich mit den ostdeutschen Bundesländern in Wahlzeiten. Jeder weiß, dass es unangenehm werden könnte - in letzter Zeit wird es das zumeist auch- und trotzdem wagt kaum ein Mensch klare Ansagen. Am Ende, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, sind der Überraschten plötzlich viele. Keiner hat's gesehen, keiner hat's gewusst, ein ganz schwarzer Tag und so weiter und sofort.

Der Osten hat ein Rechtsradikalismus-Problem

Dabei wäre ein erster Schritt seitens der Politik in die richtige Richtung ja schon, einfach das auszusprechen, was alle Spatzen von den Dächern pfeifen: Die östlichen Bundesländer haben ein Problem mit extrem rechten Einstellungen. Solche Ansagen sind in Thüringen ab und an zu hören, in Sachsen und Sachsen-Anhalt hingegen gar nicht. Kein Wunder, dass man überrascht ist. Überraschungen, die aber bei genauerem Hinsehen keine sein müssten.

Ich kann nur für Thüringen sprechen, für das Bundesland also, in dem ich Kindheit und Jugend verbrachte. Dort gehören bestimmte rassistische Vorstellungen und Klischees leider zum Traditionsbestand ganzer Generationen, auch weit jenseits des AfD-Wähler*innen-Klientels. Sätze wie: "Ich geh' mal schnell zum Fidschi!", um zu sagen, dass man den "asiatischen" Kleinwarenhandel um die Ecke besuchen möchte, haben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beinahe alle Thüringer*innen schon einmal von ihren Großeltern gehört. In den alten Bundesländern vernimmt man derlei Töne weit weniger oft - so zumindest mein Gefühl, so ehrlich muss man dann doch sein.

Hinzu tritt ein politisch sehr konservativer, auch rechtsoffener hegemonialer Diskurs innerhalb der Gesellschaft. Werden woanders eher rechte Gewalttaten als linke Liederabende als Problem wahrgenommen, ist es mancherorts in Thüringen genau umgekehrt. "Linke" sind dann grundsätzlich Störenfriede, verbreiten Unruhe, weil sie sich gegen Rechts engagieren und sehen auch sowieso meistens viel schlimmer aus als der gepflegte Nachbarsjunge aus der Kameradschaft, dessen Vater man ja schon seit etlichen Jahren gut kennt. Außerdem erinnert man sich eben besser (und schizophrenerweise auch sehr gerne) an das "Stasi-Regime" als an Gestapo und Holocaust - man habe ja gesehen, wohin "linker Faschismus" führe. Wer in meiner Jugendzeit "Slime" oder "Die Ärzte" hörte war - was seinen Musikgeschmack anlangte- schnell Außenseiter. Als cool galten die "Böhsen Onkelz", "Frei.Wild" und auch Neonazibands wie "Sleipnir" oder "Kraftschlag". Eine linke Gegenöffentlichkeit, die sich daran gestört hätte, existierte nicht einmal in Ansätzen.

Nur wer sich dieses gesellschaftliche Klima vergegenwärtigt, kann verstehen, woher die Wahlerfolge der AfD besonders auch in Ostdeutschland rühren. Als sich nach den ersten Einzügen der AfD in Landtage die Presse auf rechtsradikale Äußerungen führener Parteikader stürzte, war ich überrascht. Die antisemitischen, rassistischen und verschwörungstheoretischen Ideologeme der Partei wurden als absolut neuartige Verbalausfälle beschrieben, die seit über 60 Jahren niemand mehr laut zu artikulieren gewagt hätte. Dabei war doch an so manchem Thüringer Stammtisch bei aller Meinungsverschiedenheit im Detail der Glaube an die "BRD GmbH" Minimalkonsens und der Opa in der Wehrmacht ein vergessener Held.

Veränderung braucht Klarheit

Das gerade gezeichnete Bild ist unvollständig. Es muss natürlich auch die überwiegende Mehrzahl der ostdeutschen Wähler*innen beinhalten, die nicht AfD gewählt und damit dem Zorn, dem Ressentiment und dem Rassismus nachgegeben haben. Es muss auch um die vielen Ehrenamtlichen und Aktivist*innen ergänzt werden, die sich trotz widriger Umstände in Erfurt, Zwickau, Cottbus und anderswo gegen rechte Hetze engagieren, Geflüchteten helfen und sich nicht von Nazis und einer häufig nicht besonders wohlgesonnenen Landespolitik einschüchtern lassen. All das gehört dazu. Und trotzdem hilft es nicht. Zum Teil 30% Stimmenanteil der AfD lassen sich nicht wegreden, indem man auf Wahlergebnisse in anderen Bundesländern hinweist oder hinter jeder kritischen Meinungsäußerung "Ostdeutschen-Bashing" vermutet.

Beim Beenden des Artikels schreibt mir ein Freund aus Hessen, der gerade Erfurt besucht hat. Er sei von Jugendlichen, die laut Nazimusik gehört hätten, eingeschüchtert gewesen. O-Ton: "Der Osten ist ja echt so schlimm, wie die Vorurteile gegen ihn." Ich möchte nicht, dass man so über Ostdeutschland und seine Menschen denkt und redet. Doch gerade weil ich das nicht möchte, muss ich deutlich benennen, aus welchen Faktoren sich derartige Urteile speisen. Nur wer Probleme erkennt, kann sich an ihre Lösung wagen. Auch wenn es schmerzhaft ist: Veränderung braucht Klarheit.

17:12 01.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johannes Häfner

Geschichtswissenschaftler, Philipps-Universität Marburg, Kreisvorstands-Mitglied DIE LINKE.Schmalkalden-Meiningen
Johannes Häfner

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