Amerikaner kann man nicht essen: „Gesichtskuchen“ schmeckt besser als Rassismus

Der Koch Die Kinder von heute können mit rassistischen Gebäck-Bezeichnungen nichts mehr anfangen – gut so!
Ausgabe 05/2023
Fröhliches Gebäck
Fröhliches Gebäck

Foto: Imago/Panthermedia

Neulich besuchte ich mit zwei Kindern im Alter von vier und sechs Jahren ein Café. Die Auswahl in der Theke entsprach mit Käse-, Apfel- und Marmorkuchen allerdings nur bedingt den kindlichen Vorstellungen von einem gelungenen Nachmittag – bis ganz hinten in der Ecke zwei „Gesichtskuchen“ entdeckt und für gut befunden wurden. Dabei handelte es sich um zwei Sandbrötchen mit weißem Zuckerguss, bunten Schokolinsen als Augen, aufgemaltem Mund und Haaren und einem kleinen Schaumkuss als Nase. Eine saisonale Variante des „Amerikaners“ also, denn wir befinden uns im Rheinland, somit gerade im Karneval, und alles ist noch ein bisschen lustiger als sonst ohnehin schon.

Der Ausdruck „Gesichtskuchen“ war mein persönlicher Höhepunkt im Rahmen des kleinen Ausflugs, ein anschauliches Beispiel für das kreative Potenzial von kindlicher Sprache, die so lange im Möglichen sucht, bis sie beschreiben kann, was gemeint ist. Wenn man mit dem Konzept der Erwärmung durch elektromagnetische Mikrowellen nichts anfangen kann, sagt man eben „Aufwärmmaschine“. Und ein Feingebäck mit Augen, Nase und Mund ist eben ein „Gesichtskuchen“. So einfach kann das sein.

In den gängigen Küchenlexika ist das Gebäck kaum zu finden. Die auf Wikipedia genannten möglichen Ursprünge der Bezeichnung „Amerikaner“ verweisen zum einen auf das Backtriebmittel Ammoniumhydrogencarbonat, das Hauptbestandteil des Hirschhornsalzes ist, zum anderen auf die Form der eher flachen, sogenannten Tellerhelme amerikanischer Soldaten zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Keine der beiden Theorien lässt sich allerdings belegen.

Während wir so mit unserem Gebäck und seiner Bezeichnung beschäftigt waren – mein Butterkuchen fiel übrigens erwartungsgemäß langweilig aus –, erinnerte ich mich, dass es davon in meiner westdeutschen Kindheit vor 40 Jahren auch eine dunkle Version mit kakaohaltigem Guss gab. Die nannten wir „Afrikaner“, wobei ich nicht mehr weiß, ob es sich dabei um eine familieninterne oder eine offizielle Bezeichnung handelte. Das Neue Große Konditoreibuch von 1950 listet den „Amerikaner“ als Kleingebäck mit Zitronenglasur und führt damit die dritte Erklärung aus dem Internet, der Name sei auf die schwarzen und weißen amerikanischen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuführen, ad absurdum. Kakao- oder schokoladenhaltige Produkte als „Afrikaner“ zu bezeichnen oder mit entsprechenden Figuren zu versehen, ist vielmehr ein zwanghafter, rassistischer Reflex der Vergangenheit, oftmals auch eine Marketingstrategie, um einem schlichten Produkt eine exotische und außergewöhnliche Note zu geben.

Womit wir bei den Nasen aus Schaumküssen wären. Deren früher geläufige Bezeichnung würde bei den Kindern vermutlich Unverständnis hervorrufen – einmal ganz abgesehen von der Tatsache, dass ihnen entwürdigende und erniedrigende Bezeichnungen für schwarze Menschen glücklicherweise noch unbekannt sind. Denn sowohl in der Kita als auch in der Grundschule gibt es Kinder mit unterschiedlichen Hautfarben, und es käme den beiden vermutlich nicht in den Sinn, eine bestimmte davon auszusuchen und mit Schokolade überzogenen, gezuckerten Eiweißschaum danach zu benennen. Genauso wenig könnten sie mit dem „Afrikaner“ meiner Kindheit etwas anfangen. Als Großstadtkinder verbinden sie eine dunkle Hautfarbe nicht mit einem bestimmten Kontinent, sondern viel eher mit anderen Kindern im Klassenzimmer oder auf dem Spielplatz, mit Menschen in der Straßenbahn oder im Café. Und ganz sicher nicht mit dem Kuchen in der Auslage.

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