Keine Esskultur bei Condor Airlines

Kolumne Aus wirtschaftlichen Gründen servieren Fluggesellschaften mittlerweile fleischlose Speisen. Unser Autor wundert sich über das ausbleibende Genörgel an Bord und fragt sich, ob irgendwann eine Revolte gegen ungenießbares Essen folgen wird
Ausgabe 09/2023
Abgeschafft: Lachs findet sich in den Servierschalen der Fluggesellschaften immer seltener
Abgeschafft: Lachs findet sich in den Servierschalen der Fluggesellschaften immer seltener

Foto: IMAGO / Panthermedia

Nach langer Abstinenz hatte ich neulich wieder einmal das zweifelhafte Vergnügen, in einem Flugzeug zu speisen. Da die Reise mit Condor Airlines zwölf Stunden dauern sollte und wir uns am späten Nachmittag auf den Weg machten, begann die Crew nach dem Start mit den Vorbereitungen für das Abendessen. Kurze Zeit später stand ein Tablett vor mir, auf dem sich neben einem pappigen Brötchen ein Stück Cheddar, eine Portion Butter und ein Salat befanden – allesamt einzeln in Plastik verpackt.

Die Hauptspeise hingegen wurde in einer hitzebeständigen Aluminiumschale gereicht und bestand aus einer Handvoll Rigatoni in einer geschmacklosen Béchamelsoße, lieblos dekoriert mit vier dünnen Streifen rotem Paprika. Aber es soll an dieser Stelle nicht um hochfliegende kulinarische Ambitionen gehen, sondern um die weitere Bedeutung dieser Mahlzeit. Denn serviert wurde – zumindest in der Economy Class – ausschließlich ein vegetarisches Essen!

Aber nicht nur Huhn oder Lachs waren abwesend, sondern auch jegliche Reaktion der Passagiere. Kein Genörgel, keine Beschwerden, kein Aufstand und keine Revolte. Während wir in die engen Stuhlreihen gefaltet genügsam unsere zerkochten Nudeln kauten, musste ich an den Bundestagswahlkampf 2013 denken. Damals waren Bündnis 90/Die Grünen mit dem Vorschlag eines Veggie Day für öffentliche Kantinen angetreten. Das war beispielsweise in Belgien, einem ebenfalls durchaus fleischaffinen Land, schon eine Weile Usus, aber der hiesige Boulevard sah die deutsche Identität in Gefahr. „Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!“, titelte etwa die Bild-Zeitung, und es folgte eine weit über den Wahlabend hinaus dauernde öffentliche und parteiinterne Beschäftigung mit dem Vorfall.

Knapp zehn Jahre später ist es keine Fraktion, die der Bevölkerung Fleisch oder Fisch vorenthält – sondern eine deutsche Fluggesellschaft. Dabei ist allerdings zu mutmaßen, dass die Entscheidung in der Konzernzentrale nicht aus ökologischen oder gar ethischen Überzeugungen getroffen wurde, sondern dass Gründe ökonomischer Effizienz überwogen haben werden. Eine einzige Mahlzeit erleichtert die Planung, der Trolley rollt ein bisschen flotter durch den Gang und außerdem verkauft man mehr Nüsschen und Schokoriegel.

In der Debatte von damals bestätigte sich einmal mehr das olle Klischee, dass die Deutschen überaus empfindlich reagieren, wenn es um Autos, um Fußball und eben um die Wurst geht.

Davon ist 2023, hoch oben in der dünnen Luft, nichts mehr zu spüren. Was zum einen auch an den bereits genannten ökonomischen Gründen liegen mag, denn wenn es um Sparsamkeit beim Essen geht, sind wir Deutschen ja gerne an vorderster Front zu finden. Zum anderen hat sich gesellschaftlich inzwischen doch das eine oder andere verschoben – sowohl im Kraftfahrzeugbereich als auch im Ballsport, vor allem aber was unsere Perspektive auf fleischlose Ernährung angeht. Vegetarische oder vegane Lebensentwürfe sind derzeit nahezu omnipräsent.

Wenn alles im Überfluss vorhanden ist, ist der Verzicht mitunter ein adäquates Mittel, die eigene Person zu profilieren. Kein Fleisch zu essen ist zu einem Trend, einem Statussymbol und schlussendlich einem Wirtschaftsfaktor geworden.

Bleibt zu hoffen, dass der stillen Aufgabe des Widerstands gegen ökologisch, ethisch und ökonomisch sinnvolle Veränderungen irgendwann einmal der Aufstand gegen schlecht schmeckendes Essen folgen wird. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Pasta an Bord wäre übrigens auch mit Fleisch oder Fisch kaum genießbar gewesen.

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen